Prof. Dr. Rüdiger Gerdes

Meereisphysiker
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
AWI

Rüdiger Gerdes blickt auf viele Jahre Erfahrung in der Meereisforschung zurück. Begonnen hat seine Karriere jedoch mit dem Studium der Ozeanographie am Leibniz-Institut in Kiel. Dabei beschäftigte er sich zunächst damit, wie Verfahren der praktischen Mathematik auf ozeanographische Fragestellungen und Probleme angewendet werden können. Dieses Wissen hat er als Post-Doc an der Universität in Princeton und dem Geophysical Fluid Dynamics Laboratory (GFDL) in den USA vertieft. Auch als er 1991 ans AWI kam, untersuchte er zunächst nicht direkt das Meereis, sondern fokussierte sich im Rahmen der Ozeanmodellierung auf die Prozesse der generellen thermohalinen Zirkulation und erweiterte dann seine Forschung auf die Arktis und auch die antarktischen Schelfeisgebiete. Mit der Übernahme der Sektionsleitung für Meereisphysik verschob sich der Fokus auf die spannende Rolle von Meereis in Klimamodellen. Nachdem er 2016 die Sektionsleitung in andere Hände abgegeben hatte, blieb er in wissenschaftlicher Tätigkeit weiter am AWI und als Professor an der Jacobs University Bremen aktiv und unterstützt dort hauptsächlich die Meereismodellierung. Zusätzlich beschäftigt er sich mit arktischer Schifffahrt und Fragen der Nachhaltigkeit des heutigen Schiffsverkehrs, sowie Klimawandelprojektionen.

Welche Rolle kann meereisportal.de für den Wissenstransfer übernehmen?
Die Medien können meist nur situationsbedingt und publikumswirksam über die klimarelevanten Themen der Meereisforschung berichten. Da kann dann meereisportal.de ins Spiel kommen und dafür sorgen, dass diese Informationen nicht unvollständig bleiben. Die Öffentlichkeit hinterfragt doch fehlende Zusammenhänge und beklagt lückenhafte Aufarbeitung. Der Bedarf und das Interesse, diese Dinge wirklich zu verstehen, sind da und müssen versorgt werden.

Welche Erkenntnisse und Beobachtungen sind besonders beeindruckend?

Da wäre wohl die Rolle der Barentssee für das europäische Nordmeer und den gesamten arktischen Ozean zu nennen. Die Barentssee ist ein weitestgehend eisfreies Gebiet der Arktis in dem Prozesse wie der Transport von bestimmten Wassermassen stattfinden, die den gesamten Ozean betreffen. Letztlich beeinflussen diese Transporte zum Beispiel die großräumige ozeanische Zirkulation, die ein wichtiger Faktor für das Wetter in Europa ist. Dabei interessieren uns besonders die Erkenntnisse zu den Zusammenhängen zwischen den Komponenten und nicht die Einzelteile.

Welche Aspekte Ihrer Tätigkeit als Modellierer machen besonders viel Spaß?

Es sind natürlich echte Glücksmomente, wenn man etwas herausfindet, auch wenn man es vielleicht gar nicht gesucht hat. Dieses Erkennen von Zusammenhängen und die Anwendung unterschiedlicher Disziplinen wie der Mathematik und der Meereisphysik macht Freude. Aber auch der Austausch mit Kollegen auf Kongressen und das Präsentieren von eigener Forschung sind tolle Erlebnisse, die ich als Teil meiner Aufgabe sehe.

Mein persönlicher Held ist…
Kirk Bryan (vom GFDL, USA), einer der Pioniere der Ozeanmodellierung und ein unglaublich inspirierender Kollege. Ich präsentierte damals auf einer kleinen Konferenz in London fälschlicherweise eine neue Wassermasse in den Tropen, die absolut nicht mit den Beobachtungen übereinstimmte. Kirk Bryan stand sofort auf und gab ohne Umschweife zu verstehen, dass dieser Irrtum auf einem Fehler seines Modells beruhe. Eine solche Souveränität und Herzlichkeit war mir bisher nicht begegnet.

Kontaktdaten:

E-Mail:             ruediger.gerdes(at)awi.de
Telefon:           +49(471)4831-1827