- Wälle aus Meereis an deutschen Ostseestränden: Auch der Februar 2026 überraschte mit außergewöhnlich viel Eis auf der Ostsee
- Arktis: Forschende entdecken einen bislang unbekannten Rekristallisierungsprozess, bei dem sich Meereis an seiner Oberfläche in vermeintlichen Schnee verwandelt
- Antarktis: Überraschend viel Meereis überlebt den Sommer, Stefanie Arndt berichtet von Bord des Forschungseisbrechers Polarstern
Ostsee: Bis zu 80 Zentimeter dickes Eis in finnischen Gewässern
Der Winter 2025/26 wird den Menschen im Ostseeraum als ein besonders eisreicher Winter in Erinnerung bleiben. Wie schon im Januar waren auch im Februar die nördlichen und östlichen Gebiete des Binnenmeeres von außergewöhnlich viel Meereis bedeckt (Abbildung 1). Im Bottenwiek, dem nördlichen Teil des Bottnischen Meerbusens, dokumentierten Fachleute des finnischen Eisdienstes 30 bis 80 Zentimeter dickes Meereis, das an der Küste anhaftete (Festeis). Im finnischen Meerbusen hingegen war das Festeis bis zu 50 Zentimeter dick. Auf offener See betrug die Meereisdicke in beiden Regionen zwischen 10 und 40 Zentimeter.
Für die Boddengewässer entlang der deutschen Ostseeküste vermeldete der Eisdienst des BSH zum Monatsende sowohl dichte Eisansammlungen als auch offene Wasserflächen. Besonderes Aufsehen erregten die meterhohen Eiswälle, welche Wind und Wellen an den Stränden aufgetürmt hatten. Die Eismassen locken selbst Menschen aus anderen Teilen Deutschlands an die Ostseeküste und wurden sicherlich tausendfach fotografiert – unter anderem von Meereisportal-Leser Frieder Söling (Abbildung 2 & 3).
Arktis: Kein Ende des Meereisrückgangs in Sicht
Die Meereisentwicklung in der Arktis hielt im Februar 2026 keine Überraschungen parat. Der Jahreszeit entsprechend wuchs die Meereisausdehnung in den ersten drei Februarwochen um 500.000 Quadratkilometer. Am 20. Februar 2026 erreichte sie ein vorläufiges Wintermaximum von 14,36 Millionen Quadratkilometern (Abbildung 4). “Im Anschluss nahm die Meereisausdehnung spürbar ab. Diese Entwicklung kann sich im März jedoch wieder umkehren, weshalb wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht von einem absoluten Wintermaximum in der Ausdehnung des arktischen Meereises sprechen können“, sagt Dr. Klaus Grosfeld, Klimaforscher am Alfred-Wegener-Institut und Mitinitiator des Meereisportals.
Das Monatsmittel der Meereisausdehnung betrug 14,19 Millionen Quadratkilometer und reiht sich auf Platz 4 der Februar-Zeitserie ein (Abbildung 5). “Das Monatsmittel bestätigt den langfristigen Rückgang des arktischen Meereises. Vor allem in der Barentssee, im Ochotskischen Meer sowie in der Davis-Straße westlich Grönlands haben wir aktuell weniger Meereis als im Vergleichszeitraum 2003 bis 2014“, sagt Klaus Grosfeld (Abbildung 6).
Etwas mehr Packeis als im monatlichen Langzeitmittel detektierten die Satelliten im Beringmeer sowie in der Framstraße. “Diese Zuwächse reichen allerdings nicht aus, die Eisverluste in den anderen Regionen auszugleichen“, ergänzt der Meereis-Experte.
Abbildung 4: Darstellung der Meereisausdehnung im Jahresgang. Die Kurve für das Jahr 2026 (leuchtend blaue Linie) stieg zwar in der ersten Februarhälfte an. Sie schaffte es aber zu keinem Zeitpunkt, den unteren Rand des türkis gefärbten Bereiches der Minimal- und Maximalwerte aus dem Zeitraum 1981 bis 2010 zu verlassen. Zum Vergleich: Im Winter 2024/2025 (dunkelblaue Linie) gab es deutlich weniger Meereis als aktuell, im Winter 2021/2022 (dunkelrote Linie) hingegen mehr.
Abbildung 6: Differenz der mittleren Eiskantenposition im Februar 2026 im Vergleich zum Langzeitmittel 2003 bis 2014. Blau gekennzeichnet sind Meeresgebiete, in denen im zweiten Monat des Jahres 2026 mehr arktisches Meereis existierte als im Vergleichszeitraum. Rot markierte Regionen hingegen wiesen weniger Meereis auf.
Der Schnee, der aus dem Meereis kommt
Die Schneedecke auf dem Meereis beeinflusst maßgeblich, wie viel Energie aus der Atmosphäre durch das Eis in den Ozean gelangen kann und umgekehrt. Deshalb untersuchen Meereisphysiker:innen die Eigenschaften der Schneeauflage auf dem Eis. Im Nachgang der MOSAiC-Expedition (2019-2020) ist ein internationales Forschungsteam nun einem bislang unbekannten Wechselspiel zwischen Meereis und Schneedecke auf die Spur gekommen. Die Wissenschaftler:innen konnten zeigen, dass sich der obere Teil des arktischen Meereises im Laufe der Zeit in eine schneeähnliche Struktur verwandelt und das Meereis selbst dadurch dünner wird (Abbildungen 7 & 8).
“Aufgrund des großen Temperaturunterschiedes zwischen dem klirrend-kalten Schnee und dem vom Ozean gewärmten Meereis wird ein Teil des Materials an der Eisoberfläche gasförmig, ohne vorher zu schmelzen. Es verwandelt sich direkt in Wasserdampf, steigt in die kalte Schneedecke auf und friert dort wie Raureif wieder aus“, erklärt Dr. Hanno Meyer, Experte für die geochemischen Eigenschaften von Schnee und Eis am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung.
“Im Zuge dieser Rekristallisation verändern sich sowohl die Struktur des Eises als auch seine chemischen Eigenschaften, mithilfe derer wir diese Entdeckung machen konnten. Das ehemalige Meereis sieht dann tatsächlich wie Schnee aus und ist auch viel poröser und damit durchlässiger als Meereis oder eine kompakte Schneedecke“, ergänzt sein AWI-Kollege Dr. Martin Werner, der ebenfalls an der Analyse der Eis- und Schneeproben aus der Arktis beteiligt war (Abbildung 9).
Während der MOSAiC-Expedition hatte der Schnee aus dem Meereis in den genommenen Proben eine Dicke von bis zu 6,3 Zentimetern, berichten die Forschenden in einem kürzlich veröffentlichten Fachartikel. “Diese Erkenntnis hat uns wirklich überrascht, denn bislang sind wir davon ausgegangen, dass wir bei unseren Schneehöhenmessungen die Menge des tatsächlich gefallenen Niederschlags messen. Stattdessen besteht die Schneedecke jedoch aus dem Schnee, der gefallen ist, und zusätzlich aus Meereis, das sich umgewandelt hat. Das heißt, unsere Schneemessungen und Massenbilanzen sind nicht so genau und eindeutig, wie bislang immer angenommen wurde“, sagt Martin Werner.
Die Forschenden nehmen an, dass Schnee und Meereis in der Antarktis unter vergleichbaren Umweltbedingungen denselben Prozess durchlaufen. Relevant sind die neuen Erkenntnisse deshalb vor allem für die Meereis-Fernerkundung in beiden Polarregionen.
Schnee aus Meereis beeinflusst die gemessene Schneehöhe, die Schneedichte, besitzt eine spezifische Oberfläche und Korngröße und beeinflusst möglicherweise auch die Verteilung von Meersalz in der Schneedecke. Das Verständnis dieser Zusammenhänge ist entscheidend für ein besseres Verständnis der Rückstreusignale bei Fernerkundungsanwendungen mit Altimetrie
Abbildung 8: Konzeptionelle Darstellung der neu entdeckten Umwandlung von Meereis in eine schneeähnliche Kristallstruktur. Die säulenförmigen Abbildungen stammen von einem Mikro-Computertomografen. Sie zeigen die ursprüngliche Kristallstruktur des untersuchten Meereises (Tag 0) sowie nach der Rekristallisation 21 Tage später. Das Diagramm präsentiert Daten der Isotopenuntersuchungen, mit deren Hilfe die Forschenden die Eisumwandlung belegen konnten. Abbildung: Amy R. Macfarlane et al. (2026)
Abbildung 9: Die beiden AWI-Wissenschaftler Dr. Martin Werner (links) und Dr. Hanno Meyer (rechts) sind Spezialisten für die geochemischen Eigenschaften von Schnee und Eis. Als Koautoren haben sie ebenso an der neuen Studie mitgeschrieben wie die Schneeexpertinnen Prof. Stefanie Arndt und Daniela Krampe. Fotos: Alfred-Wegener-Institut / Kerstin Rolfes & Jan Pauls
Antarktis: Rückkehr zu vertrauter Stärke
In der Antarktis hat die Meereisausdehnung in diesem Sommer deutlich weniger abgenommen als in den fünf Sommern zuvor. Ihren niedrigsten Wert erreichte sie am 26. Februar mit einer Ausdehnung von 2,8 Millionen Quadratkilometern. Das entspricht Platz 31 auf der Negativ-Rekordliste der Meereis-Minima in der Antarktis. Platz 1 belegt das Meereis-Minimum aus dem Sommer 2022/23 mit einer minimalen Ausdehnung von 2,1 Millionen Quadratkilometern (Abbildung 10).
“Im Vergleich zu den sehr niedrigen Meereisausdehnungen der letzten Jahre bewegte sich die antarktische Meereisausdehnung in diesem Sommer wieder näher am klimatologischen Mittel”, sagt AWI-Wissenschaftlerin und Meereisportal-Expertin Dr. Renate Treffeisen. “In der ersten, zweiten und dritten Februarwoche bewegte sich die Jahreskurve der Meereisausdehnung gewissermaßen gleichauf zum langfristigen Mittel aus dem Zeitraum 1981 bis 2010. Nur in der vierten Woche rutschte sie leicht darunter. Das heißt, es gab im Februar 2026 deutlich mehr Meereis in der Antarktis, als wir dies in den zurückliegenden Sommern beobachtet haben.”
Interessant ist die Meereisverteilung. Ungewöhnlich viel Packeis gab es im Februar 2026 vor allem im nordwestlichen Weddellmeer, in der Ostantarktis sowie vor der Küste des Adélielandes. Weniger Eisschollen als im Vergleichszeitraum 1981 bis 2010 zeigten die Satellitendaten insbesondere im Rossmeer, im östlichen Weddellmeer und vor der Küste des Wilkeslandes (Abbildung 11).
Abbildung 11: Darstellung der Differenz der mittleren Eiskantenposition im Februar 2026 im Vergleich zum Langzeitmittel 2003-2014 (links), zum Vorjahr (Mitte) sowie zum aktuellen Negativrekordjahr 2023 (rechts). Blau gekennzeichnet sind Meeresgebiete, in denen im zweiten Monat des Jahres 2026 jeweils mehr antarktisches Meereis existierte als im Vergleichszeitraum. Rot markierte Regionen hingegen wiesen weniger Meereis auf.
In der Region mit dem aktuell größten Meereiszuwachs kämpft sich der Forschungseisbrecher Polarstern derzeit durch das Packeis. Eine der 50 Wissenschaftler:innen an Bord ist Meereisphysikerin Prof. Stefanie Arndt. Sie hat uns gemeinsam mit den beiden Expeditionsleitenden Dr. Ilka Peeken und Prof. Christian Haas folgenden Kurzbericht von Bord geschickt.
Bericht von Bord: FS Polarstern unterwegs im nordwestlichen Weddellmeer
Seit über drei Wochen ist die SWOS-Expedition nun auf See, davon rund zweieinhalb Wochen im Meereis – mit Kurs im nordwestlichen Weddellmeer (Abbildung 12, 13 & 16). Die Meereisausdehnung im Untersuchungsgebiet zeigt derzeit wieder annähernd „normale“ sommerliche Verhältnisse, nachdem sich das sommerliche Meereis in den vergangenen Jahren auch hier deutlich zurückgezogen hatte. Die vergleichsweise geschlossene Eisdecke setzte uns dabei natürliche Grenzen und erlaubte es nicht, wesentlich weiter als 67 Grad südliche Breite vorzudringen. Gleichzeitig ist das Erreichen dieser Region ein wichtiger Erfolg, da aus diesem Gebiet bislang nur sehr wenige Messdaten vorliegen.
Trotz der dichten Eisverhältnisse konnten wir an bisher zwölf Eisstationen umfangreiche Messungen zu Schnee- und Eiseigenschaften durchführen – sowohl vom Schiff aus als auch mithilfe des Helikopters. Ergänzt werden diese Arbeiten durch zahlreiche EM-Bird-Flüge, die großskalige Informationen zur Eisdickenverteilung liefern und unsere punktuellen Messungen in einen regionalen Zusammenhang stellen. Dabei wird die ausgeprägte räumliche Variabilität der Eisbedingungen besonders deutlich: In Richtung der Antarktischen Halbinsel, auf dem Kontinentalhang, dominiert kompaktes, dickes Eis mit ausgeprägter Schneebedeckung, während die Bedingungen weiter östlich und südlich insgesamt aufgelockerter und besser passierbar sind.
Auffällig ist zudem, dass an einem Großteil der bislang beprobten Stationen die Schneedecke ungewöhnlich dünn oder stellenweise kaum vorhanden ist. Die detaillierte Auswertung dieser Beobachtungen wird in den kommenden Monaten genauere Einblicke in die zugrunde liegenden Prozesse und jahreszeitlichen Einflüsse ermöglichen.
Ein besonderes Highlight der bisherigen Reise war der Wiederbesuch einer Eisscholle, die bereits im vergangenen Jahr im Rahmen der HAFOS-Expedition beprobt und mit Sensoren ausgestattet wurde (Abbildungen 14 & 15). Von der ursprünglich über drei Kilometer großen Scholle war nach einem Jahr Drift allerdings nicht mehr viel übrig. Statt einer riesigen Fläche fanden wir nur noch Schollenfragmente von wenigen hundert Metern Größe.
Dennoch war das Eis stabil genug für sichere Arbeiten. So konnten wir also einmal mehr die gleichen Messungen und Beprobungen wie im vergangenen Jahr durchführen. Die erneute Beprobung liefert einen äußerst wertvollen Datensatz zur zeitlichen Entwicklung der Eis- und Schneeeigenschaften während der Drift der Eisscholle durchs Weddellmeer seit nun mehr über einem Jahr.
Abbildung 14: AWI-Meereisphysikerin Stefanie Arndt strahlt vor Freude. Am 19. Februar 2026 steht die Wissenschaftlerin neben einer Meereisboje, die sie und ihr Team ein Jahr zuvor im südöstlichen Weddellmeer auf einer großen Eisscholle installiert hatten. Scholle und Boje waren seitdem durch den sogenannten Weddellwirbel getrieben. Gemeint ist eine große, kreisförmige Meeresströmung im Weddellmeer, welche das Packeis Richtung Nordwesten transportiert hat. Foto: Alfred-Wegener-Institut / Stefanie Arndt
Abbildung 15: Immer Richtung Norden! Diesen Weg durch das Weddellmeer hat die Meereisboje 2025S141 in den zurückliegenden zwölf Monaten genommen. Die von ihr aufgezeichneten Temperatur-, Luftdruck- und Schneehöhen-Daten gibt es hier: https://data.meereisportal.de/relaunch/buoy.php?lang=de&active-tab1=method&active-tab2=buoy&singlemap&buoyname=2025S141#galerie_buoy
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Prof. Dr. Stefanie Arndt (AWI)
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Autorin
Sina Löschke (Science Writer)
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