- Fehlende Atmosphärendaten erschweren Aussagen über mögliche Hintergründe der aktuellen Meereisentwicklung in der Arktis und Antarktis
- Wenig Meereis und nasser Schnee in der Region Spitzbergen: AWI-Forschende müssen geplante Dickenmessungen auf dem Eis ausfallen lassen
- Keine extremen Abweichungen: Zum Winteranfang wächst die Meereisausdehnung in der Antarktis auf das gleiche Niveau wie im April 2024 und 2025.
Datenausfall: Aktuell keine Temperatur- und Luftdruckdaten
Seit knapp zwei Monaten klafft eine eklatante Lücke in den meereisrelevanten Umweltdaten, die dem Meereisportal zur Verfügung stehen. Wir haben aktuell keinen Zugriff auf die Temperatur- und Luftdruck-Reanalysedaten der US-amerikanischen Wetter- und Meeresbehörde NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration).
Die National Centers for Atmospheric Prediction (NCEP) und das National Center for Atmospheric Research (NCAR) führen seit den 1990er Jahren verschiedene Reanalyse-Projekte durch, um langfristige globale Datensätze zu atmosphärischen Parametern bereitzustellen. Diese wurden auch im Meereisportal genutzt. Reanalysen basieren auf Modellen, die ähnlich wie Wettervorhersagemodelle arbeiten und mit Messdaten aus unterschiedlichen Quellen gespeist werden. Dazu zählen unter anderem Wetterstationen, Schiffe, Flugzeuge, Radiosonden und Satelliten. Durch die konsistente Berechnung mit einem einheitlichen Modell eignen sich die Daten besonders für Langzeitanalysen.
NCEP hat die Bereitstellung dieses Datensatzes im März 2026 eingestellt; seitdem wird er nicht mehr aktualisiert. Dadurch können wir unsere Dienste zu Lufttemperatur, Luftdruck, Windstärken und Meereisdrift derzeit nicht mehr anbieten. Wir arbeiten bereits daran, entsprechende Daten aus alternativen Quellen bereitzustellen.
Das Fehlen der aktuellen Reanalysedaten hat zudem direkte Auswirkungen auf die wissenschaftliche Einordnung aktueller Entwicklungen: So können wir derzeit beispielsweise nicht belastbar bewerten, ob der April 2026 in den Polargebieten deutlich wärmer oder windiger war als im langjährigen Vergleich.
Arktis: Auf den Pfaden von 2016
Im April 2026 hat die Meereisausdehnung in der Arktis deutlich schneller abgenommen als zur selben Zeit des Jahres 2025. Die Ausdehnung schrumpfte innerhalb von 30 Tagen um rund 1,1 Millionen Quadratkilometer – von 14,10 Millionen Quadratkilometern am ersten Apriltag auf 12,97 Millionen Quadratkilometer am letzten Tag des Monats. Das Monatsmittel betrug 13,62 Millionen Quadratkilometer und reihte sich als viertkleinstes April-Mittel in die Monatszeitserie ein. Damit liegt die diesjährige April-Meereisausdehnung genau auf der Trendlinie und bestätigt den langfristigen Meereisrückgang in der Arktis (Abbildung 1).
“Wir hatten im April sehr wenig Meereis in der Arktis. Vor allem in der zweiten Hälfte des Monats verlief die Kurve der Meereisausdehnung klar unter der Spanne aus Minimal- und Maximalwerten unseres Vergleichszeitraumes 1981 bis 2010“, sagt Dr. Renate Treffeisen, Atmosphärenforscherin am Alfred-Wegener-Institut und Expertin des Meereisportals (Abbildung 2). “In der ersten Maiwoche hat sich die Situation dann nochmals verschärft. Aktuell haben wir so wenig Meereis in der Arktis wie nur einmal zuvor in dieser Jahreszeit. Im April und Mai 2016 gab es ähnlich wenig Eis“, erläutert die AWI-Wissenschaftlerin.
Vorhersagen zur weiteren Entwicklung sind aktuell nicht möglich: “Im Mai wird sich zeigen, ob zum Beispiel Stürme das Meereis auseinandertreiben oder ob vielleicht kühlere Luftmassen die Meereisschmelze hinauszögern werden”, sagt Renate Treffeisen.
In der zweiten Aprilhälfte war zumindest nördlich der Insel Spitzbergen viel Bewegung im Eis. “Wir sehen tägliche Veränderungen der Meereiskonzentration in diesem Gebiet. Am 23./24. April sieht es sogar so aus, als wäre das Meereis dort großflächig auseinandergeschoben worden oder sogar geschmolzen. Aufgrund der fehlenden atmosphärischen Daten sind hier keine Aussagen über atmosphärische Einflüsse möglich. In unserer Karte zu den gemittelten Abweichungen der Meeresoberflächentemperatur vom Langfristmittelwert sehen wir jedoch, dass das Oberflächenwasser in dieser Region bis zu 1,5 Grad Celsius wärmer war als im Vergleichszeitraum. Diese zusätzliche Wärme könnte natürlich zur beobachteten Meereisschmelze beigetragen haben“, erklärt die Wissenschaftlerin (Video 1).
Video 1: Wie schnell sich die Meereiskonzentration innerhalb eines Gebietes verändern kann, zeigt diese Abfolge von Meereiskonzentrationskarten aus der Region nördlich Spitzbergens für den Monat April. Vor allem in den Karten aus der vierten Aprilwoche ist zu erkennen, wie die Eiskonzentration plötzlich großflächig abnimmt. Über die Ursachen können wir aufgrund der fehlenden Atmosphärendaten leider keine Aussagen machen.
Abbildung 3: Darstellung der gemittelten Abweichungen der Meeresoberflächentemperatur in der Arktis im April 2026. Vor allem in den arktischen Randbereichen des Nordatlantiks war das Oberflächenwasser 1,5 bis 2 Grad Celsius wärmer als im Vergleichszeitraum 1971 bis 2000. In der Barentssee sowie rund um die Inselgruppe Spitzbergen kennzeichnet diese Wärme die zunehmende Atlantifizierung des Arktischen Ozeans.
Abbildung 4: Differenz der mittleren Eiskantenposition im April 2026 im Vergleich zum Langzeitmittel 2003 bis 2014. Blau gekennzeichnet sind Meeresgebiete, in denen es im vierten Monat des Jahres 2026 mehr arktisches Meereis gab als im Vergleichszeitraum. Rot markierte Regionen hingegen wiesen weniger Meereis auf. Klar zu erkennen, sind die fehlenden Meereisflächen im Süden Spitzbergens, in der südlichen Grönlandsee sowie in der Barentssee und im Ochotskischen Meer.
Spitzbergen: Wenig Meereis und sehr nasser Schnee
Mit dem Eindruck von wenig Meereis rund um Spitzbergen sowie außergewöhnlich wenig Schnee auf den Inseln kehrte vor wenigen Tagen auch das Team der AWI-Icebird-Kampagne von seinen Messflügen in der Arktis zurück. “Es war sicherlich nur eine Momentaufnahme, aber im Vergleich zu früheren Jahren hatten wir so wenig Schnee auf Spitzbergen, dass Messungen mit unserem Schneeradar kaum noch möglich waren. Kolleg:innen, die unsere Messflüge durch direkte Messungen an Land und auf dem Meereis unterstützen wollten, mussten diese absagen, weil sie aufgrund des Schneemangels nicht mehr mit den Schneemobilen in die Untersuchungsgebiete fahren konnten“, erzählt AWI-Meereisphysikerin Luisa Wagner, die die Icebird-Messkampagne 2026 geleitet hat (Abbildungen 5 & 6).
War der zurückliegende Winter denn besonders warm und schneearm auf Spitzbergen? “Wir hatten im Dezember und Januar wiederholt warme Phasen mit Lufttemperaturen über null Grad Celsius. An diesen Tagen hat es dann auch geregnet, anstatt zu schneien“, berichtet Dr. Marion Maturilli, AWI-Atmosphärenforscherin und Leiterin des meteorologischen Observatoriums an der deutsch-französischen Arktisforschungsstation AWIPEV im Wissenschaftsdorf Ny-Ålesund auf Spitzbergen.
Mitte April stieg die Lufttemperatur dann auf mehr als 6 Grad Celsius, wie Daten des norwegischen Wetterdienstes aus Ny-Ålesund zeigen. Normal wären zu dieser Jahreszeit minus 8 Grad Celsius. Diese Wärme, begleitet von viel Regen, führte dazu, dass die Schneedecke bemerkenswert schnell schrumpfte und der Restschnee sehr nass war. Der nasse Untergrund wiederum zwang norwegische Glaziolog:innen, ihre Schneedickenmessungen auf den Gletschern rund um Ny-Ålesund zu unterbrechen (die ganze Geschichte hier). Die AWI-Meereisphysiker:innen waren somit nicht die einzigen Leidtragenden.
Deutlich mehr Glück hatte ein Team von AWI-Permafrostforschenden. Dr. Julia Boike und ihre Kolleg:innen Moritz Rath und Dr. Frederieke Miesner waren bereits Anfang März 2026 für Schnee- und Permafrostuntersuchungen nach Ny-Ålesund gereist. Die Spuren der Winter-Regenfälle konnten die Wissenschaftler:innen dabei deutlich in den Schneeprofilen sehen.
“Der Schnee war in Schichten vereist, stellenweise sehr dicht und so verhärtet, dass uns beim Graben der Schneeprofile auch Geräte kaputtgegangen sind. Solche vereisten Strukturen entstehen, wenn Regen auf den Schnee fällt, er leicht schmilzt und im Anschluss wieder gefriert“, berichtet Julia Boike (Abbildungen 7, 8 & 9).
Abbildung 7: Master-Student Moritz Rath kniete beim Graben der Schneeprofile auf Spitzbergen im Schnee. Rund um Ny-Ålesund war die Schneedecke im März 2026 etwa 50 bis 80 Zentimeter hoch, an Standorten mit starken Schneeverwehungen sogar bis zu 1,50 Meter. Foto: Paul Overduin / Alfred-Wegener-Institut
Abbildung 9: Nahaufnahme vereister Schichten im Schnee auf Spitzbergen. Solche Strukturen entstehen, wenn Regen auf den Schnee fällt, die Schneeschicht schmilzt und anschließend wieder gefriert. Schneit es dann erneut, wird die Eisschicht gewissermaßen in das Profil der Schneedecke eingebaut. Foto: Julia Boike / Alfred-Wegener-Institut
Antarktis: Keine extremen Abweichungen
In der Antarktis hat sich im April 2026 in etwa genauso viel neues Meereis gebildet wie in den zurückliegenden zwei Jahren. Die Verlaufskurven der Meereisentwicklung im April 2024, 2025 und 2026 liegen gewissermaßen gleichauf. Das Monatsmittel betrug 6,35 Millionen Quadratkilometer und reihte sich auf Platz 13 der Zeitserie für den Monat April ein (Abbildungen 10 & 11).
“Die Gleichförmigkeit der Meereisentwicklung in 2024, 2025 und 2026 deutet darauf hin, dass sich die Meereissituation in der Antarktis aktuell stabilisiert und keine Extremereignisse auftreten. Wir dürfen dabei jedoch nicht vergessen, dass die Monatsmittelwerte der Meereisausdehnung insgesamt deutlich unter der Trendlinie liegen“, sagt Dr. Klaus Grosfeld, AWI-Klimaforscher und Mitbegründer des Meereisportals.
Zum zweiten Mal infolge verzögert sich die Meereisneubildung insbesondere in der Bellingshausensee sowie in den Randbereichen des Weddellmeeres und des westlichen Rossmeeres (Abbildungen 12 & 13). Eine klare Entwicklung lässt sich daraus jedoch noch nicht ableiten. “Die Meereisverteilung in der Antarktis unterliegt großen Schwankungen, auch wenn wir bestimmte Muster inzwischen häufiger sehen. In der Bellingshausensee beispielsweise zeigen die Differenzen der mittleren Eiskantenpositionen sowohl im April 2026 als auch zur selben Zeit in den Jahren 2022, 2023 und 2025 deutlich weniger Meereis als im Langfristmittel“, erläutert Klaus Grosfeld.
Abbildung 12: Differenz der mittleren Eiskantenposition im April 2026 im Vergleich zum Langzeitmittel 2003 bis 2014. Blau gekennzeichnet sind Meeresgebiete, in denen es im vierten Monat des Jahres 2026 mehr antarktisches Meereis gab als im Vergleichszeitraum. Rot markierte Regionen hingegen wiesen weniger Meereis auf.
Kaiserpinguine als “vom Aussterben gefährdet” eingestuft
Mit dem Kaiserpinguin gilt jetzt einer der prominentesten Bewohner des antarktischen Meereises als vom Aussterben gefährdet. Bei einer Evaluation der Roten Liste der bedrohten Tierarten im April 2026 haben Expert:innen der International Union for Conservation of Nature (IUCN) die größten Pinguine der Welt eine Gefährdungsstufe hochgestuft – von “potentiell gefährdet” auf “gefährdet”.
“Der Klimawandel in der Antarktis führt zu Veränderungen im Meereis, die voraussichtlich dazu führen werden, dass sich die Population der Kaiserpinguine bis in die 2080er Jahre halbiert”, heißt es in einer Pressemeldung der IUCN. Satellitenbilder deuten darauf hin, dass allein im Zeitraum von 2009 bis 2018 rund 10 Prozent der Kaiserpinguin-Population verloren gegangen sind, berichten die Fachleute. Dieser Anteil entspricht einem Verlust von mehr als 20.000 erwachsenen Pinguinen.
Der Hauptgrund für den Rückgang sei das vorzeitige Aufbrechen und der Verlust des Meereises, schreiben die IUCN-Fachleute. Kaiserpinguine benötigen sogenanntes Festeis als Lebensraum für ihre Küken und während der Mauserzeit, in der ihr Gefieder nicht wasserabweisend ist. Gemeint ist Meereis, das an der Küste, am Meeresboden oder an festsitzenden Eisbergen „festgefroren“ ist. Bricht dieses Meereis zu früh auf, kann das tödliche Folgen für die Vögel haben (Abbildung 14).
“Der vom Menschen verursachte Klimawandel stellt die größte Gefahr für Kaiserpinguine dar. Das frühe Aufbrechen des Meereises im Frühjahr wirkt sich bereits auf Kolonien in der Antarktis aus, und weitere Veränderungen des Meereises werden auch künftig ihren Lebensraum für Brut, Nahrungssuche und Mauser beeinträchtigen. Kaiserpinguine sind eine Indikatorart, die uns Aufschluss über unsere sich wandelnde Welt gibt und darüber, wie gut wir die Treibhausgasemissionen kontrollieren, die zum Klimawandel führen“, sagte Dr. Philip Trathan, Mitglied der IUCN-Spezialisten-Gruppe für Pinguine, die an der neuen Bewertung der Kaiserpinguine mitgearbeitet hat.
Um gleich zwei Stufen hochgesetzt hat die IUCN den Gefährdungsstatus der Südlichen Seeelefanten - von nicht gefährdet auf gefährdet. Die Population dieser großen Meeressäuger hat sich in den zurückliegenden 25 Jahren mehr als halbiert: von geschätzten 2,2 Millionen Robben im Jahr 1999 auf gerade einmal 944.000 Tiere im Jahr 2025.
Diesen Einbruch führen die IUCN-Fachleute ebenfalls auf den Klimawandel zurück. Südliche Elefanten ernähren sich hauptsächlich von Antarktischem Krill. “Die steigenden Meerestemperaturen und das schrumpfende Meereis treiben den Krill jedoch in größere Wassertiefen, wodurch die Nahrungsversorgung der Robben eingeschränkt wird”, schreiben die Expert:innen. Außerdem ist die Überlebensrate der Jungtiere im ersten Lebensjahr drastisch gesunken, weil es rund um die Insel Südgeorgien nicht mehr ausreichend Krill gibt. Dies wiederum habe zu einer alternden Restpopulation geführt. Andere Gefahren könnten allerdings auch eine Rolle spielen – so zum Beispiel Schwertwale und Leopardenrobben, die Jagd auf Seeelefanten machen, oder die zunehmende Nahrungskonkurrenz mit den wachsenden Beständen der Bartenwale. Auch sie machen Jagd auf Antarktischen Krill.
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Autorin
Sina Löschke (Science Writer)