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Tara Polaris 1 – Arktisexpedition hat abgelegt

Am 22. August 2026 um 10:30 Uhr hat die Tara Polar Station im norwegischen Kirkenes ihre erste Arktisexpedition begonnen. Nach intensiver Vorbereitung ist das Forschungsschiff nun auf dem Weg in die zentrale Arktis, wo es sich für ein Jahr im Meereis einfrieren lassen wird.

  • Ziel der Driftstation ist es, die Veränderungen des arktischen Klimasystems während einer vollständigen Drift durch das Nordpolarmeer kontinuierlich zu beobachten.
  • Ein sechsköpfiges wissenschaftliches Team der insgesamt zwölf Überwinter: innen hat sich in den letzten Monaten intensiv darauf vorbreitet, über 200 Arbeitsroutinen und Messprotokolle von 35 Partnerinstituten durchzuführen und Daten zu erheben.
  • Das nächste große Etappenziel Anfang September ist ein Treffen mit dem chinesischen Forschungseisbrecher Xuelong 2 in der Laptewsee, der die Station bis in das Packeis begleitet.

 

Zehn Jahre Vorbereitung, zwanzig Jahre Forschung

Die Idee, die zentrale Arktis mit einer dauerhaft im Meereis driftenden Forschungsstation über viele Jahre hinweg systematisch zu beobachten, entstand bereits vor gut zehn Jahren. Anders als bei den Einzelexpeditionen üblich sollte eine Möglichkeit geschaffen werden, dauerhaft mit einer internationalen Driftstation vor Ort zu sein, die die Veränderungen systematisch vor Ort untersucht. Aus dieser Vision entwickelte die französische Tara Ocean Foundation gemeinsam mit zahlreichen internationalen Partnern das Konzept der Tara Polar Station – einer speziell für einjährige Driftmissionen konstruierten Forschungsplattform. In den kommenden 20 Jahren sind insgesamt zehn Expeditionen geplant. Ziel ist es, langfristige und miteinander vergleichbare Datensätze zu Atmosphäre, Meereis und Ozean zu gewinnen und so die Veränderungen des arktischen Öko- und Klimasystems über mehrere Jahrzehnte hinweg zu dokumentieren. Gleichzeitig knüpft das Programm an frühere Driftstationen wie Fram (1893–1896), die sowjetischen North Pole (NP)-Stationen sowie zuletzt die internationale MOSAiC-Expedition (2019–2020) an und führt diese Tradition mit weiterentwickelten Messmethoden fort.

 

Bis zur letzten Minute alles für die Forschung

Bereits am 19. Juli 2026 verließ die Tara Polar Station ihren Heimathafen Lorient an der französischen Atlantikküste. Nach einem Zwischenstopp in Rotterdam zum Bunkern führte die Überführungsfahrt weiter nach Tromsø und Kirkenes im Norden Norwegens (Abbildung 1).

In Tromsø wurden die letzten wissenschaftlichen Instrumente an Bord gebracht. Dazu gehörten insbesondere ozeanographische Messsysteme, die während der Drift unter dem Meereis installiert werden und kontinuierlich Temperatur, Salzgehalt und weitere Eigenschaften des Ozeans erfassen (Abbildung 2). Bis zuletzt wurde außerdem auf die Ankunft der CTD (Conductivity, Temperature, Depth) Sensorik gewartet – eines der zentralen Instrumente für die ozeanographischen Messprogramme. Die AWI-Ozeanograph:innen begleiteten diese letzten Vorbereitungen mit besonderer Spannung und der Sorge: wird die Sonde überhaupt noch rechtzeitig geliefert werden? Der Großteil der wissenschaftlichen Ausrüstung befand sich jedoch bereits seit Juni an Bord, nachdem sie während mehrerer intensiver Trainingswochen in Lorient installiert und getestet worden war. Darunter auch alle Geräte der anderen AWI Messprogramme an Bord.

Abbildung 1: Ablegen der Tara Polar Station am 22. August um 10:30 Uhr an der Pier in Kirkenes, Norwegen; dies war der letzte Stopp, bevor die Fahrt gen Norden in das arktische Meereis begann. (Foto: Marcel Nicolaus / Alfred-Wegener-Institut)

Abbildung 2: Das große Nasslabor im Schiff. Aktuell ist alles verpackt und wird für die Überfahrt in das Meereis gelascht (links: Maxime Geoffroy, Universität Tromsø, rechts: Julia Regnery / AWI). (Foto: Marcel Nicolaus / Alfred-Wegener-Institut)

Eine Besonderheit der Tara Polaris Expeditionen ist das kleine wissenschaftliche Team. Anders als auf klassischen Forschungsschiffen reisen die meisten Wissenschaftler:innen nicht selbst mit ihren Instrumenten mit. Stattdessen übernimmt ein kleines Kernteam sämtliche Messprogramme.

„Eine besondere Herausforderung der Polaris-1-Expedition ist es, dass das wissenschaftliche Team nur aus sechs Personen besteht, die mehr als 200 verschiedene Arbeitsroutinen und Messprotokolle für 35 Partnerinstitute durchführen werden. Das ähnelt schon sehr einer Raumfahrtmission und daher nennen wir unser Team an Bord auch gerne die „Taranauten“. Denn normalerweise betreuen Wissenschaftler:innen ihre eigenen Instrumente selbst. Hier müssen alle ein sehr breites Spektrum an Methoden beherrschen“, erklärt AWI-Meereisphysiker Dr. Marcel Nicolaus.

Während der Trainings in Lorient wurden deshalb sämtliche Messabläufe gemeinsam geübt und zusätzlich per Video dokumentiert. Diese Aufzeichnungen dienen dem Team während der kommenden zwölf Monate als Nachschlagewerk.

 

Ein kleines Team für eine große Aufgabe

In Kirkenes ging schließlich das Winterteam an Bord: zwölf Personen – acht Männer und vier Frauen – sowie Expeditionshund Örkki (Abbildung 3). Damit ist die Besatzung deutlich kleiner als auf Forschungseisbrechern wie der Polarstern, auf denen häufig bis zu 100 Menschen gemeinsam arbeiten.

Auch das Leben an Bord unterscheidet sich deutlich von großen Forschungsschiffen. Die Tara Polar Station bietet nur sehr begrenzten Platz (Abbildung 4). Wissenschaftliche Geräte, Ersatzteile, Lebensmittel und Verbrauchsmaterialien füllen nahezu jeden freien Stauraum. Im Idealfall wird das Schiff bis in den Herbst 2027 keinen Hafen anlaufen und auch keine reguläre Versorgung erhalten. Lediglich zwei Personalwechsel sind für das Frühjahr und den Sommer 2027 vorgesehen.

Abbildung 3: Expeditionshund Örkki, ein sechs Monate alter Finnischer Lapphund. (Foto: Marcel Nicolaus / Alfred-Wegener-Institut)

Abbildung 4: Die Brücke von Tara Polar Station (Foto: Marcel Nicolaus / Alfred-Wegener-Institut)

Während der vergangenen Woche richtete sich das Team an Bord ein und begann, gemeinsame Routinen zu entwickeln. Die Kabinen wurden bezogen und teilweise individuell gestaltet – schließlich werden sie für viele Monate das Zuhause der Überwinterungsmannschaft sein (Abbildung 5). Im Winter stehen allen Einzelkabinen zur Verfügung, während im Frühjahr und Sommer bis zu 18 Personen an Bord leben und einige Kabinen doppelt belegt werden.

Dr. Julia Regnery vom AWI beschreibt ihre ersten Eindrücke: „Es ist schön, dass es endlich losgeht. Ich freue mich sehr und bin gleichzeitig gespannt auf die kommenden neun Monate – oder auch mehr. Für mich wird die Sprache sicherlich eine Herausforderung bleiben. Wissenschaftlich tauschen wir uns in englischer Sprache aus, aber im Alltag wird natürlich auch viel Französisch gesprochen – und das lerne ich erst seit einigen Monaten.“ (Abbildung 6)

Die Stimmung an Bord ist zum Expeditionsbeginn sehr enthusiastisch, und alle Teammitglieder sind voller Tatendrang.

 

Kurs auf das Eis

Von Kirkenes aus führt die Reise zunächst nordostwärts durch die Barentssee, entlang von Nowaja Semlja, durch die Karasee und anschließend zwischen den Inseln von Sewernaja Semlja hindurch in die Laptewsee (Abbildung 7). Dort wird die Tara Polar Station voraussichtlich am 7. September bei etwa 80° N und 140° E auf den chinesischen Forschungseisbrecher Xuelong 2 treffen.

Ähnlich wie die FS Polarstern im Sommer 2025 während der CONTRASTS-Expedition wird Xuelong 2 der Tara Polar Station den Weg in das dichte Packeis bahnen. Während der ein- bis zweitägigen Eskorte soll gemeinsam die geeignete Eisscholle ausgewählt werden, mit der die Forschungsstation anschließend über ein Jahr durch den Arktischen Ozean treiben wird. Die Auswahl des Driftstarts wird dabei durch umfangreiche Satellitenbeobachtungen und Driftvorhersagen unterstützt. Am AWI wurden in den vergangenen Monaten zahlreiche Simulationen möglicher Driftverläufe durchgeführt. Sie bildeten die Grundlage für die Wahl des Treffpunkts mit Xuelong 2.

Derzeit weist insbesondere der östliche Arktische Ozean außergewöhnlich geringe Meereiskonzentration auf. Für den gewählten Startpunkt hat dies zunächst nur geringe Auswirkungen. Im weiteren Verlauf der Expedition könnten die vergleichsweise dünnen und lockeren Eisbedingungen jedoch zu einer dynamischeren Drift und stärkeren Veränderungen der Eisscholle führen als in früheren Jahren.

Weiterführende Information zur Tara Polaris 1 Driftstation finden Sie hier.

Abbildung 5: Eine Kammer auf Tara Polar Station. Für den Winter wird sie einzeln genutzt, im Frühjahr und Sommer werden sich zwei Wissenschaftler:innen eine Kammer teilen. (Foto: Marcel Nicolaus / Alfred-Wegener-Institut)

Abbildung 6: Dr. Julia Regnery, Atmosphärenchemikerin des AWI und nun im Winter an Bord als Ingenieurin für das Atmosphären- und Meereisprogramm (Foto: Marcel Nicolaus / Alfred-Wegener-Institut)

Abbildung 7: Die geplante Route der Polaris-1-Expedition. (Abbildung: Marcel Nicolaus / Alfred-Wegener-Institut)