- Auffallend wenig Wintermeereis in der Barentssee und dem Beringmeer; über die Framstraße verliert die Arktis viel altes Meereis
- Auf Spitzbergen dokumentieren Meteorolog:innen rasante Temperatursprünge, gefrierenden Regen und kalte Märztage
- In der Antarktis ist der Winter zurückgekehrt: Neues Meereis bildet sich, aktuell aber noch weniger als erwartet.
Arktischer Ozean: Ein Negativrekord und seine Zahlen
Am 21. März dieses Jahres hat die Meereisdecke auf dem Arktischen Ozean unseren Satellitendaten zufolge ihre maximale winterliche Ausdehnung erreicht. Das sogenannte Wintermaximum lag bei 14,45 Millionen Quadratkilometern. Dieser Wert entspricht der kleinsten winterlichen Gesamtausdehnung des arktischen Meereises seit Beginn der Messungen im Jahr 1979 (Tabelle 1). Im Monatsmittel lag die Meereisausdehnung im März bei 14,21 Millionen Quadratmeter und damit gleichauf mit dem bisher kleinsten März-Monatsmittel aus dem Jahr 2017 (Abbildung 2).
Der US-amerikanische Beobachtungsdienst NSIDC hatte auf Grundlage seiner Satellitendaten ein Wintermaximum von 14,33 Millionen Quadratkilometer für den 22. März vermeldet, sprach aber ebenfalls von einem neuen Rekordminus der winterlichen Gesamtausdehnung des arktischen Meereises. Die Angaben des NSIDC weichen leicht von denen des Meereisportals ab, da beide Institutionen unterschiedliche Methoden und Algorithmen zur Auswertung der Meereis-Satellitendaten einsetzen.
Nochmals andere Daten vermeldete der Norddeutsche Rundfunk (NDR) am Anfang der Woche. In der Meldung hieß es, die Fläche des arktischen Meereises betrug am Sonntag, den 30. März 2025, rund 12,8 Millionen Quadratkilometer – also 1,65 bis 1,53 Millionen Quadratkilometer weniger als im Meereisportal und vom NSIDC berichtet. Datengrundlage des NDR-Artikels waren Messungen der tatsächlichen Meereisfläche, die stets deutlich kleiner ausfällt als Angaben zur Meereisausdehnung, mit denen das Meereisportal und der NSIDC arbeiten. Ausführliche Erläuterungen und eine Infografik zu beiden Messgrößen gibt es in unserem Glossar, Stichwort: Meereisbedeckung.
Meereisverluste in mehreren Regionen des Arktischen Ozeans
„Eindeutige Ursachen für die geringere Meereisausdehnung des zurückliegenden Winters zu identifizieren, ist eine schwierige Aufgabe, da die Unterschiede zwischen den einzelnen Jahren im Gegensatz zum Sommer vergleichsweise klein sind“, sagt AWI-Meereisphysiker Dr. Thomas Krumpen. Trotzdem erlauben die Satellitendaten erste Erklärungsversuche: Weniger meereisbedeckte Flächen als im langjährigen Mittel gab es zum Beispiel im Gebiet nördlich Spitzbergens sowie im nordöstlichen Teil der Barentssee. „In beiden Regionen trifft warmes Atlantikwasser auf das Meereis und verzögert dessen Neubildung“, sagt Thomas Krumpen. Auch im Beringmeer dokumentierten die Satelliten weniger Meereis als im langjährigen Mittel (Abbildung 2).
Die geringe Meereisausdehnung lässt sich zum Teil durch eine ausgeprägte Eisdynamik erklären. Satellitendaten aus dem Zeitraum von Oktober 2024 bis März 2025 zeigen, dass insbesondere in der Laptewsee, in der Karasee sowie in der Barentssee starke ablandige Winde das Meereis von der Küste weg in Richtung zentrale Arktis getrieben haben (Abbildung 3). „In kälteren Regionen wie der Laptew- und Karasee führte dies zu einer überdurchschnittlichen Bildung von Neueis, während in der wärmeren Barentssee eine Verlagerung der Eiskante nach Norden zu beobachten war“, erläutert der AWI-Experte (Abbildung 4).
Infolge der fehlenden Meereisbedeckung in der Barentssee und im Beringmeer war das Oberflächenwasser hier im März 2025 dann auch vergleichsweise warm. Die Meeresoberflächentemperatur lag im Monatsmittel 2 bis 3 Grad Celsius über dem langjährigen Mittel aus dem Vergleichszeitraum 1971 bis 2000 (Abbildung 4).
“Betrachtet man die einzelnen Regionen für sich, sind die Meereisrückgänge auf dem Arktischen Ozean allesamt keine Rekordwerte. In der Summe aber haben sie dazu geführt, dass wir im März 2025 die niedrigste maximale Gesamtausdehnung des arktischen Meereises seit Beginn der Messungen im Jahr 1979 verzeichnen mussten”, erklärt Thomas Krumpen.
Abbildung 2: Differenz der mittleren Eiskantenposition im März 2025 im Vergleich zur mittleren Eiskantenposition im Langzeitmittel der Jahre 2003 bis 2014. Blau gekennzeichnet sind Meeresgebiete, in denen im März 2025 mehr arktisches Meereis existiert. Rot markierte Regionen hingegen wiesen weniger Meereis auf.
Neben der Eisdrift dürften auch die Lufttemperaturen eine wichtige Rolle gespielt haben: „Von Oktober bis März lagen die Lufttemperaturen in weiten Teilen der Arktis fast durchgehend 5 bis 6 °C über dem langjährigen Mittel. Diese Situation hat vermutlich das Eiswachstum gehemmt und erklärt möglicherweise auch die derzeit niedrigen Eisdicken, die wir in den Daten des CryoSat-2-Satelliten sehen“, erläutert Thomas Krumpen.
Wie groß die Temperatursprünge in der zentralen Arktis im zurückliegenden Winter waren, unterstreichen Messdaten der AWI-Meereisboje 2024I15. Sie trieb zum Jahresanfang in der Nähe des Nordpols. Dort zeichnete sie vor allem in der ersten Februarhälfte Lufttemperaturen von - 2 bis -10 Grad Celsius auf (Abbildung 5 und 6). „Üblich sind zu dieser Jahreszeit Lufttemperaturen von etwa minus 30 Grad Celsius“, erläutert Thomas Krumpen.
Abbildung 7: Darstellung der Lufttemperaturabweichungen im März 2025 im Vergleich zu den langjährigen Temperatur-Mittelwerten für diesen Monat im Zeitraum 1971 - 2000. Ausgangsbasis sind Tagesmitteltemperaturen, gemessen in einer Höhe von etwa 760 Metern. Die Karte zeigt: Über dem westlichen Teil des Arktischen Ozeans war es auch im März überdurchschnittlich warm.
Winterregen und spiegelglatter Boden auf Spitzbergen
Rasante Anstiege der Lufttemperatur dokumentierte im Laufe des Winters auch das meteorologische Observatorium an der deutsch-französischen Arktis-Forschungsbasis AWIPEV in Ny-Ålesund, Spitzbergen. Mehrere Male transportierten aus Süden kommende Winde warme und feuchte Luftmassen über die norwegische und grönländische See bis nach Spitzbergen. Im Februar überschritt die Lufttemperatur sogar zweimal für mehrere Tage den Gefrierpunkt (Abbildung 8). „In dieser Zeit schneite es nicht mehr, sondern es regnete. Weil es danach wieder abkühlte, war der Boden rund um die Forschungsbasis innerhalb kurzer Zeit nicht mehr von Schnee bedeckt, sondern spiegelglatt, weil sich überall Eisflächen gebildet hatten“, berichtet Dr. Marion Maturilli, AWI-Wissenschaftlerin und Leiterin des meteorologischen Observatoriums an der AWIPEV-Forschungsbasis (Foto 1).
Im März wiederum dokumentierte das AWIPEV-Team zum wiederholten Male auffallend kalte Temperaturen. „Diesen deutlichen Rückgang der Tagesmitteltemperatur konnten wir auch schon in den Vorjahren beobachten. Der zu dieser Zeit vorherrschende Nordwind bringt kalte Luft nach Spitzbergen und ist der Grund, warum der März inzwischen zum kältesten Monat des Jahres geworden ist“, erläutert Marion Maturilli. Alles in allem entsprachen die Temperaturen in den ersten drei Monaten des Jahres 2025 den klimatischen Bedingungen der zurückliegenden Winter.
Abbildung 8: Die Temperaturkurve der deutsch-französischen Forschungsbasis AWIPEV auf Spitzbergen zeigt große Temperaturschwankungen mit Warmluft-Einbrüchen im Februar 2025 sowie eine starke Abkühlung zur Mitte des Monats März. Grafik: Marion Maturilli/Alfred-Wegener-Institut
Foto 1: Rund um das “Blaue Haus” der AWIPEV-Forschungsbasis auf Spitzbergen war es im Februar spiegelglatt. Die Eisflächen sind überall dort entstanden, wo Regen auf die Schneeschicht gefallen und im Anschluss gefroren ist. Foto: Sofie Tiedeck/Alfred-Wegener-Institut
Eine erste Vorschau auf die Meereisentwicklung bis zum Sommer
Die Meereisentwicklung in den ersten drei Monaten des Jahres erlaubt den AWI-Expert:innen erste vorsichtige Einschätzungen darüber, wie sich die Meereissituation in der Arktis bis zum Ende des Sommer verändern könnte. „Einige Hinweise sprechen für eine geringe sommerliche Meereisausdehnung. Wir konnten in den zurückliegenden Monaten zum Beispiel beobachten, dass überdurchschnittlich viel altes und dickes Meereis die Arktis durch die Framstraße verlassen hat - vermutlich hervorgerufen durch ungewöhnliche Driftkonstellationen der zurückliegenden Jahre“, sagt Thomas Krumpen. Und wo altes Meereis fehlt, nimmt die Widerstandsfähigkeit des verbleibenden Meereises während der Sommermonate erheblich ab (Abbildung 9).
Abbildung 9: Dieses Diagramm zeigt das Alter des Meereises, welches die Arktis über die Framstraße verlässt und schmilzt. In den zurückliegenden Monaten war das abfließende Meereis im Vergleich zu den zurückliegenden 20 Jahren auffallend alt. Dennoch erreicht das durchschnittliche Eisalter nicht mehr die Werte aus den 80er- und 90er-Jahre. Damals war der Anteil mehrjährigen Meereises viel höher – ein deutlicher Hinweis auf den fortschreitenden Wandel des arktischen Meereissystems. Abbildung: Thomas Krumpen/Alfred-Wegener-Institut
In der Nähe der Framstraße sowie in der zentralen Arktis wartet aktuell noch mehr altes Meereis darauf, exportiert zu werden. „Dieses alte Meereis stammt diesmal jedoch nicht wie üblich aus den „Gebieten des letzten Meereises“ im Norden Grönlands und Kanadas, sondern zum Teil aus der sibirischen Laptewsee, wo es in den zurückliegenden zwei Sommern überraschender Weise überlebt hatte”, sagt Thomas Krumpen. Mit etwas Glück treibt dieses mehrjährige Eis in das Forschungsgebiet der für den Sommer geplanten Polarstern-Expeditionen, wo es die Forschenden dann untersuchen können – eine Gelegenheit für den über 40 Jahre alten Forschungseisbrecher, noch einmal zu zeigen, was in ihm steckt.
Antarktis: Der Winter hält in kleinen Schritten Einzug
In der Antarktis hat der Winter Einzug gehalten. Seit dem sommerlichen Meereisminimum am 22. Februar 2025 (Meereisausdehnung von 2,16 Millionen Quadratkilometern) wächst die Meereisdecke auf dem Südlichen Ozean wieder (Abbildung 10). Da die Zuwächse im März jedoch nicht überdurchschnittlich hoch ausfielen, reiht sich das Monatsmittel der Meereisdehnung mit 3,24 Millionen Quadratkilometern nur knapp über dem bisherigen Rekordmittel aus dem März der Jahre 2022 (3,10 Millionen Quadratkilometer) und 2023 (3,12 Millionen Quadratkilometer) ein (Abbildung 11).
„Die leichten Schwankungen in der Meereisausdehnung, die wir aktuell sehen, sind durch das lokale Wetter bedingt. Ob die Meereisdecke im Laufe des Winters die Verluste der zurückliegenden zwei Jahre wieder wettmachen kann, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen“, sagt Dr. Klaus Grosfeld, AWI-Physiker und Experte des Meereisportals.
Abbildung 10: Die Kurve der tagesaktuellen Meereisausdehnung in der Antarktis verlief in der zweiten Märzwoche unterhalb der Sigma-Spannbreite (türkisgrüner Bereich). In der zweiten Märzhälfte bildete sich jedoch so viel Meereis, dass die Kurve in den unteren Bereich der Sigma-Spannbreite zurückkehrte.
Deutlich weniger Meereis als im Vorjahr gab es im März 2025 zum Beispiel im Rossmeer, in der Amundsensee, im östlichen Weddellmeer sowie vor der Küste der Ostantarktis (u. a. vor der Königin-Mary-Küste). Mehr Packeis hingegen dokumentierten die Satelliten im westlichen Weddellmeer und am nordwestlichen Rand des Rossmeeres. Besonders wenig Meereis gab es im März abermals in der Bellingshausensee. In dem wichtigen Überwinterungsgebiet des Antarktischen Krills schmilzt die Meereisdecke im Sommer mittlerweile in einem viel größeren Umfang, als dies noch im Zeitraum 2003 bis 2014 der Fall war, wie ein Vergleich der aktuellen Eiskanten mit den Eiskanten des Langzeitmittels verdeutlicht (Abbildung 12).
Auffällig waren im März 2025 die vergleichsweise hohen Meeresoberflächentemperaturen nördlich des 65. Breitengrades Süd im Indischen Ozean (Abbildung 13). Ob diese Wärme jedoch in irgendeiner Form die Meereisentwicklung direkt vor der Küste der Ostantarktis beeinflusst haben könnte, lässt sich aus den Satellitendaten nicht ableiten. Deutlich wärmer als normal waren auch die Lufttemperaturen in großen Teilen der Antarktis. Die Karte der gemittelten Temperaturabweichungen zeigt bis zu 4 Grad Celsius wärmere Luftmassen, insbesondere über der Westantarktis, über der Südpolregion sowie über dem Weddellmeer (Abbildung 14).
Abbildung 12: Differenz der mittleren Eiskantenposition im März 2025 im Vergleich zur mittleren Eiskantenposition im Langzeitmittel der Jahre 2003 bis 2014. Blau gekennzeichnet sind Meeresgebiete, in denen im März 2025 mehr antarktisches Meereis existiert. Rot markierte Regionen hingegen wiesen weniger Meereis auf.
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Autorin
Sina Löschke (Science Writer)
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