- Ein AWI-Forscher an Bord des französischen Arktis-Kreuzfahrtschiffes Le Commandant Charcot beobachtet eine extrem geringe Eiskonzentration auf der Reise Richtung Nordpol. Das Schiff kommt sehr schnell voran.
- Analysen von Satellitendaten zeigen: Die geringe Meereiskonzentration entstand durch das Zusammenspiel warmer Luft- und Wassertemperaturen in der östlichen Arktis sowie durch außergewöhnliche Winde.
- Infolgedessen war das Meereis in dieser Region am Ende des Winters dünner als gewöhnlich, brach besonders früh im Jahr auf und schmolz im Anschluss vermutlich aufgrund der warmen Meeresoberflächentemperaturen schnell und großflächig. Mit weiteren Datenanalysen wollen die AWI-Forschenden diese Hypothese nun überprüfen.
Leichte Fahrt für das französische Polar-Kreuzfahrtschiff Le Commandant Charcot
Das Handyvideo, welches AWI-Werkstudent Johannes Gerstein am 14. August 2026 von Bord des französischen Arktis-Kreuzfahrtschiffes Le Commandant Charcot nach Bremerhaven schickt, sieht so gar nicht nach Arktis und Meereis aus. Aufgenommen weit nördlich des arktischen Polarkreises, zeigt der kurze Blick aus seinem Kabinenfenster nichts als dunkelblaues Meer. Am Horizont treibt eine kleine Eisscholle. Sonst nur Wasser, soweit das Auge reicht. Dabei befindet sich das Kreuzfahrtschiff mit Eisklasse zu diesem Zeitpunkt auf einer Position etwa 88 Grad nördlicher Breite und damit nur etwa 220 Kilometer entfernt vom Nordpol, dem Ziel der Reise (Video 1).
Video 1: Ein kurzer Blick aus dem Kabinenfenster des französischen Arktis-Kreuzfahrtschiff “Le Commandant Charcot“, aufgenommen am 14. August 2026 in der zentralen Arktis, nur etwa 220 Kilometer entfernt vom Nordpol. Video: Johannes Gerstein/Alfred-Wegener-Institut.
Abbildung 1: AWI-Forschende nehmen im Rahmen ihrer Arbeit regelmäßig an Arktisreisen der Le Commandant Charcot teil. So können sie Messungen und Analysen des arktischen Meereises in Regionen vornehmen, die außerhalb der Fahrtroute des Forschungseisbrechers Polarstern liegen. Die WIssenschaftler:innen vermessen dabei die Dicke des Meereises, bohren Eiskerne und führen Drohnenflüge zur Eisbeobachtung durch. Derzeit erledigt AWI-Werkstudent Johannes Gerstein diese Aufgaben. Foto: Johannes Gerstein
Johannes Gerstein ist an Bord, weil er im Auftrag der AWI-Sektion Meereisphysik Drohnenflüge über das Packeis entlang der Schiffsroute durchführt. Hält der Eisbrecher für einen kurzen Zwischenstopp an einer Scholle, soll der 27-jährige Ingenieur zudem deren Dicke vermessen und Eiskerne für biologische Untersuchungen bohren. So lautet zumindest sein Arbeitsauftrag. Die Suche nach geeigneten Eisschollen gestaltet sich in diesem Jahr jedoch schwierig.
“Wir sind am 11. August 2026 im Hafen von Longyearbyen, Spitzbergen, ausgelaufen und seitdem auf einem geradlinigen Kurs Richtung Nordpol gefahren. Bisher musste das Schiff nur selten einer Eisscholle ausweichen – und das, obwohl wir uns längst innerhalb der Eiszone befinden. Diese Beobachtung und die wirklich schwierige Suche nach geeigneten Schollen für unsere Forschungsarbeiten verdeutlichen, wie wenig Meereis wir aktuell in diesem Teil des Arktischen Ozeans haben”, berichtet Johannes Gerstein (Abbildung 1).
Mögliche Erklärungen für die geringe Eiskonzentration
Seine Eindrücke vor Ort können die AWI-Forschenden in Bremerhaven mithilfe von Meereis-Satellitendaten bestätigen. “Die mittlere Eiskonzentration entlang der Schiffsroute durch den östlichen Teil der zentralen Arktis ist zum zweiten Mal infolge extrem niedrig. In diesem Sommer kommt allerdings neu hinzu, dass sich die Region mit auffallend wenig Meereis nicht nur von der nördlichen Barentssee bis zum Nordpol erstreckt, wie sie dies auch im Sommer 2025 getan hat, sondern über den Nordpol hinausgeht“, erläutert Prof. Dr. Christian Haas, Leiter der AWI-Sektion Meereisphysik (Abbildungen 2, 3 & 4).
Abbildung 2: Diese Arktis-Karte zeigt in dunkelrot die Fahrtroute des Kreuzfahrtschiffes “Le Commandant Charcot“ sowie in gelb den Korridor, für den die AWI-Forschenden die mittlere Meereiskonzentration berechnet haben (siehe Abbildung 3). In verschiedenen Blautönen ist zudem die räumliche Verteilung der mittleren Eiskonzentration für den Zeitraum vom 1. bis 15. August 2026 dargestellt. Diese beträgt im kanadischen Becken bis zu 100 Prozent, während im eurasischen Teil sowie am Nordpol selbst Regionen mit weniger als 30 Prozent Meereisbedeckung zu erkennen sind. Datenquelle: OSI SAF
Abbildung 3: Diese Zeitreihe zeigt die Entwicklung der mittleren Meereiskonzentration (SIC) innerhalb eines 100 Kilometer breiten und um die Schiffsroute gelegten Korridors von 83 bis 88 Grad nördlicher Breite – gerechnet jeweils für den 1.–15. August der Jahre 2005–2026. Der rote Punkt markiert den lokalen Negativrekord im August 2026. Der Wert aus dem Vorsommer liegt jedoch nur knapp darüber. Bemerkenswert ist zudem der große Konzentrationsabfall von August 2024 auf August 2025.
Verantwortlich für den Eisschwund in der östlichen zentralen Arktis ist höchstwahrscheinlich nach Ansicht der AWI-Expert:innen eine Kombination verschiedener Temperatur-, Wind- und Eisdriftphänomene, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten eine entscheidende Rolle gespielt haben.
Ein zu warmer Winter
“Der zurückliegende Winter war im östlichen Teil des Arktischen Ozeans außergewöhnlich warm. Vor allem im Januar, Februar und März lagen die Lufttemperaturen deutlich über dem langjährigen Mittel. Diese Wärme hat vermutlich zunächst das Eiswachstum im Bereich der Transpolardrift gebremst und das Meereis für die sommerliche Schmelze vorkonditioniert – beispielsweise, indem sich in Lücken zwischen einzelnen Eisschollen weniger Neueis gebildet hat“, erklärt Prof. Dr. Christian Haas (Abbildung 5).
Ein verfrühter Aufbruch der Meereisdecke
Ab dem 8. Mai 2026 zerbrach die Eisdecke entlang der jetzigen Schiffsroute dann großflächig. “Unsere AWI-Eisbewegungskarte zeigt zu diesem Zeitpunkt ein schmales Band stark erhöhter und räumlich zusammenhängender Eisdrift, das sich vom Rand des Beaufortwirbels in Richtung Spitzbergen erstreckt. Dieses Driftregime setzte die Eisdecke großräumig in Bewegung und dürfte die anfängliche Fragmentierung begünstigt haben“, erklärt Christian Haas (Video 2).
Die Struktur loser Schollenverbände blieb anschließend erhalten und verstärkte sich im weiteren Saisonverlauf. “Die daraus hervorgegangene ungewöhnliche Abnahme der Meereiskonzentration ist bis heute sichtbar und bildet offenbar den Korridor, den das Kreuzfahrtschiff jetzt nutzen konnte”, sagt der Wissenschaftler.
Weshalb die Meereisdecke bereits Anfang Mai und damit sehr früh im Jahr aufgebrochen ist, erklärt sich beim Blick auf die Dicke des Meereises in dieser Region: “Zum Ende des zurückliegenden Winters war das Meereis in diesem Teil der Arktis außergewöhnlich dünn. Unsere Eisdickenkarten zeigen Abweichungen von bis zu einem Meter Eisdicke. Das ist wirklich viel“, erklärt Christian Haas (Abbildung 6).
Die geringen Eisdicken zum Winterende erklären auch die außergewöhnliche Eisdicke im August: “Die Schollen, denen das Kreuzfahrtschiff aktuell begegnet, sind nur etwa einen Meter dick und damit dünner, als wir es vor unseren Analysen erwartet hätten. Satellitendaten zeigen, dass das Eis aus der Laptewsee stammt und vermutlich bereits einen Sommer überstanden hat. Das heißt, es handelt sich um Meereis, welches sich im Winter 2024/2025 in den russischen Randmeeren des Arktischen Ozeans gebildet hat und über die Transpolardrift Richtung Nordpol getrieben ist. Normalerweise sehen wir zweijähriges Meereis mit einer derart geringen Dicke erst im September, wenn die Sommerschmelze ihrem Ende entgegengeht“, erklärt Christian Haas.
Video 2: Anfang Mai 2026 bricht die Eisdecke innerhalb weniger Tage großflächig auf. Die Satellitenaufnahmen zeigen die Eissituation vom 3. bis 12. Mai 2026. Aufnahmen: NASA Worldview
Abbildung 6: Darstellung der mittleren Abweichung der Eisdicke im April 2026 im Vergleich zu den Mittelwerten der April-Eisdicke des Zeitraums 2011–2025. Die rötlich gefärbte Fläche zwischen der Insel Spitzbergen und dem Nordpol markiert jene Region, in der die Meereisdecke sehr früh im Jahr aufgebrochen ist und aktuell auffallend wenig Meereis zu finden ist. Datenquelle: CryoSat/AWI
Abbildung 7: Darstellung der Meereiskonzentration in der Arktis am Montag, dem 17. August 2026. Die Karte zeigt eine klare Zweiteilung entlang des Null-Meridians: Westlich liegt dickeres Packeis mit einer Eiskonzentration von 80 bis 95 Prozent. Im östlichen Teil ist die Meereisdecke aufgebrochen und die wenigen verbliebenen Schollen verteilen sich über ein großes Gebiet, weshalb die Eiskonzentration größtenteils unter der 50-Prozent-Marke liegt.
Ungewöhnliche Winde und Eisbewegungen im Sommer
Doch damit nicht genug. In den Atmosphärendaten aus Juni und Juli 2026 entdecken die AWI-Forschenden eine außergewöhnliche Luftmassen-Zirkulation über dem Arktischen Ozean. “Ein Tiefdruckgebiet über der zentralen Arktis führte an seinen Rändern zu Winden sowie zu einer großräumigen und gegen den Uhrzeigersinn gerichteten Bewegung des Meereises. Dadurch wurden die losen Schollenverbände aus westlicher Richtung in den vergleichsweise warmen atlantischen Sektor der Arktis verfrachtet, wodurch sich deren Schmelze beschleunigte”, so der Wissenschaftler (Abbildung 8).
Abbildung 8: Darstellung von Abweichungen in der Meereisdrift im Juli 2026 im Vergleich zum Juli-Mittelwert der Jahre 2010-2025. Rötlich eingefärbt sind jene Regionen, in denen das Meereis im Juli 2026 außergewöhnlich schnell gegen den Uhrzeigersinn um den Nordpol gewandert ist. Blau eingefärbte Regionen zeigen hingegen außergewöhnlich langsame Eisbewegungen.
Extrem warme Meeresoberflächentemperaturen
Von Mai bis Juli 2026 stiegen außerdem die Meeresoberflächentemperaturen in den eisfreien Gewässern Spitzbergens sowie in der restlichen Barentssee drastisch an (Abbildung 9). “Wir halten es für sehr wahrscheinlich, dass die ungewöhnliche Luftmassenzirkulation in der zentralen Arktis dazu beigetragen hat, dass warmes atlantisches Wasser aus der Barentssee bis in die zentrale Arktis vordringen und dort die Meereisschmelze antreiben konnte”, sagt Christian Haas. “Einzelne starke Wind- und Eisdriftereignisse, wie wir sie auch in unseren Daten sehen, könnten diesen nordwärts gerichteten Transport von Eis und Wärme zeitweise noch verstärkt haben“, fügt er hinzu (Abbildung 10 & 11).
Ungeklärt ist aktuell noch, in welchem Ausmaß das schnelle Aufbrechen der Eisdecke dazu beigetragen hat, dass offene Wasserflächen entstehen konnten, die anschließend im Laufe des Sommers Sonnenenergie absorbieren, sich erwärmen und die Eisschmelze beschleunigen konnten (Eis-Albedo-Effekt).
Abbildung 10: Am 29. April 2026 trieben aus Süden kommende Winde das Meereis in der nördlichen Barentssee mit Geschwindigkeiten von bis zu 20 Kilometern pro Tag Richtung Nordpol. Es ist zum einen anzunehmen, dass bei diesem Sturm auch warmes atlantisches Oberflächenwasser in die zentrale Arktis gedrückt wurde. Zum anderen könnte der Wind das Meereis zusammengeschoben haben.
Anzeichen drastischer Umweltveränderungen in der Arktis
Angesichts dieses Zusammenspiels von Wärme, Wind und dünner werdendem Meereis haben die AWI-Forschenden eine erste Arbeitshypothese erstellt. Christian Haas: “Wir sehen drastische Veränderungen in der zentralen Arktis. Das Meereis im östlichen Teil des Ozeans gefriert aufgrund der wärmer werdenden Winter später im Jahr und erreicht auch nicht mehr seine herkömmliche Dicke. Beides macht das Packeis auf der Transpolardrift (Abbildung 12) anfälliger für Winde, die einen frühen Aufbruch der Eisdecke bewirken können. Ist die Eisdecke erst einmal in einen losen Schollenverband zerfallen, zerbrechen die einzelnen Schollen weiter und schmelzen leichter. Dieses Schmelzen wurde in diesem Sommer vermutlich durch den ungewöhnlich warmen Ozean verstärkt.”
Die Meereserwärmung und der plötzliche Meereisrückgang im östlichen Teil der Arktis gesellen sich zu den vielen anderen Extremereignissen, die in diesem Sommer Schlagzeilen gemacht haben. ”Zusammen mit den dramatischen Bildern von Waldbränden, Trockenheit und Hitzewellen in Europa zeigen die deutlichen Veränderungen der Meereissituation im atlantischen Teil der Arktis nicht nur die enormen Auswirkungen der Klimakrise, sondern auch die zunehmenden Risiken und Herausforderungen, vor denen wir aktuell und sehr wahrscheinlich auch zukünftig stehen werden”, sagt Dr. Klaus Grosfeld, Experte und Mitinitiator des Meereisportals, und fügt hinzu. “Ohne ein entschlossenes Handeln für den Klimaschutz werden wir diese Risiken nicht minimieren können. Deshalb müssen Fragen des Klimaschutzes wirklich bei jeder Entscheidung mitgedacht und ihnen oberste Priorität eingeräumt werden.“
“Der kontinuierliche Meereisrückgang in der Arktis eröffnet der Menschheit unter anderem neue Transportrouten. Damit sind zum einen Chancen, zum anderen aber auch große Risiken verbunden. Unsere Aufgabe als Gesellschaft ist es, uns auf diese Veränderungen einzustellen und Strategien zu entwickeln, mit denen wir den Arktischen Ozean und seine einzigartigen Ökosysteme langfristig schützen können“, ergänzt Dr. Renate Treffeisen, ebenfalls Expertin und Mitinitiatorin des Meereisportals.
Weitere Analysen notwendig
Ob die Arbeitshypothese der AWI-Meereisphysiker:innen stimmt, werden die Forschenden in den kommenden Wochen anhand der neuen Meereis- und Ozeanmessdaten von Bord des Kreuzfahrtschiffes überprüfen. Auf Johannes Gerstein wartet demzufolge noch viel Arbeit.
Abbildung 12: Schematische Darstellung der Transpolardrift. Als solche wird die von Wind- und Ozean angetriebene Wanderung des arktischen Meereises aus den russischen Randmeeren des Arktischen Ozeans über den Nordpol bis vor die grönländische Ostküste bezeichnet. Grafik: Melanie Wolter/Meereisportal.de
Analyse der Satellitendaten: Dr. Thomas Krumpen
Kontakt
Fragen?
Schreiben Sie uns eine E-Mail oder nutzen Sie das Kontaktformular.
Autorin
Sina Löschke (Science Writer)
Graphiken