- Neue Studie: Zwei eisarme Winter beenden die Hoffnung, dass der Meereisrückgang in der Arktis in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten abgenommen habe.
- Arktis: Hohe Meeresoberflächentemperaturen und auffallend wenig Meereis in der nördlichen Barentssee und in der Framstraße.
- Antarktis: Das Winter-Wachstum der Meereisausdehnung fällt moderat aus. Dennoch gelingt es dem Packeis in der Bellingshausensee, seinen Rückstand aus der ersten Winterhälfte aufzuholen.
Arktis: Zwei eisarme Winter beenden die Hoffnung, der Meereisrückgang hätte abgenommen
Der zurückliegende Sommermonat Juli bot klimainteressierten Menschen in Europa alles andere als die erhoffte Nachrichtenpause. Stattdessen brachte er mehr als 12.000 Hitzetote in Deutschland, monströse Waldbrände in Spanien, Frankreich und Griechenland und obendrein einen Weltozean, dessen globale Oberflächentemperatur außerhalb der Polarmeere weit über die bisherigen Rekordmarken stieg. (Abbildung 1).
Abbildung 1: Darstellung der täglichen Meeresoberflächentemperatur (°C), gemittelt über den globalen Ozean außerhalb der Polarmeere (60° S–60° N) für die Jahre 2023 (gelb), 2024 (orange), 2025 (rot) und 2026 (dunkelrot). Alle anderen Jahre des Zeitraumes 1979–2022 sind durch graue Linien dargestellt. Der Tagesdurchschnitt für den Referenzzeitraum 1991–2020 ist durch eine gestrichelte graue Linie dargestellt. Datenquelle: ERA5. Bildnachweis: C3S/ECMWF.
Zu diesen Extremmeldungen gesellte sich in der zweiten Julihälfte eine Nachricht aus der Meereisforschung, die ebenfalls als Negativmeldung beschrieben werden kann. Die extrem geringe Ausdehnung des arktischen Meereises in den zurückliegenden zwei Wintern hat die Meereis-Langzeitstatistik so nachhaltig beeinflusst, dass Forschende jetzt wieder von einem klaren, statistisch signifikanten Abwärtstrend sprechen. In den 21 Jahren zuvor – also im Zeitraum von 2004 bis 2024 – waren die Werte der jährlichen Winter-Maximalausdehnung des Meeres zwar stark schwankend, insgesamt verharrten sie aber auf halbwegs gleichem Niveau und signalisierten keinen Rückgang. Einige Fachleute hatten diese Entwicklung zum Anlass genommen, hoffnungsvoll von einer Verlangsamung des Meereisrückgangs in der Arktis zu sprechen.
Die niedrigen Winter-Maximal-Ausdehnungen aus Februar/März 2025 und 2026 haben diese Hoffnung nun zunichte gemacht. Britische Forschende konnten in einer neuen Studie zeigen, dass der Langzeittrend wieder klar negativ wird, wenn man die winterliche Maximalausdehnung aus 2025 und 2026 in den Beobachtungszeitraum mit einbezieht (Abbildung 2). Der Meereisrückgang vom Wintermaximum 2024 auf das Wintermaximum 2025 betrug 6 Prozent und stellt den bislang größten Jahr-zu-Jahr-Verlust dar, so die Forschenden.
“Die jüngsten Beobachtungen lassen wieder einen statistisch signifikanten Abwärtstrend erkennen und zeigen, wie einige wenige ungewöhnliche Jahre das Gesamtbild schnell verändern können”, erläutern die beteiligten Wissenschaftler Duo Chan und Alessandro Silvano in einem Beitrag für das Online-Portal “The Conversation".
Abbildung 2: Darstellung der maximalen Wintereisausdehnung des arktischen Meereises im Zeitraum 1980 bis 2035. Die Werte für den Zeitraum 2027 bis 2035 sind Modellergebnisse. Den Zeitraum mit dem verlangsamten Rückgang haben die Wissenschaftler grau hinterlegt. Das Wintermaximum von 2025 stellt den bisherigen Tiefstwert in der Zeitreihe über die zurückliegenden 45 Jahre dar. Abbildung: Chan & Silvano (2026), THE CONVERSATION, https://doi.org/10.64628/AB.p3etjjf7c
Arktis: Auffallend wenig Meereis in der nördlichen Barentssee und der Framstraße
Die Meereisentwicklung in der Arktis hielt im Juli 2026 kaum Überraschungen parat. Mit einer mittleren Meereisausdehnung von 7,72 Millionen Quadratkilometern dokumentierten die Satelliten die siebt-niedrigste Juli-Meereisausdehnung seit Beginn der Satellitenmessungen. Der Wert liegt zudem deutlich oberhalb der Trendlinie und nahezu gleichauf mit den Juli-Monatsmittelwerten aus den Vorjahren 2024 und 2025 (Abbildung 3).
“Das gleichbleibende Niveau der mittleren Meereisausdehnung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Meereisverteilung im Juli 2024, 2025 und 2026 deutliche Unterschiede aufweist. Wir sehen in diesem Sommer vor allem in der östlichen Arktis sowie im Nordatlantik Gebiete, in denen sich die Eiskante sehr weit Richtung Norden zurückgezogen hat, während sich die Eischmelze in der Beaufortsee sowie im nördlichen Teil der Beringstraße verzögert”, sagt Dr. Renate Treffeisen, Atmosphärenforscherin am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, und Mitinitiatorin des Meereisporals (Abbildung 4).
Deutlich weniger Meereis als im Vergleich zum Langzeitmittel und zu den Vorjahren gab es im Juli 2026 vor allem in der Framstraße sowie in der nördlichen Barentssee (Abbildung 5). “Die Gewässer nördlich Spitzbergens und nördlich der russischen Arktisinsel Franz-Joseph-Land waren über weite Strecken hinweg nahezu eisfrei. In beiden Regionen hat sich somit eine Entwicklung fortgesetzt, über deren erste Anzeichen wir bereits im Frühjahr berichtet haben. Aktuell führen wir alle Atmosphären-, Ozean- und Meereisdaten des bisherigen Jahres zusammen und werten diese aus. Die Ergebnisse unserer Analyse werden wir im Meereisupdate für den Monat August vorstellen”, erläutert die Wissenschaftlerin.
Abbildung 4: Darstellung der Meereiskonzentration in der Arktis – links im Monatsmittel für Juli 2026; rechts für den 31. Juli 2026. Die türkisfarbene Linie markiert die Eiskante der mittleren Meereisausdehnung im Juli 1981–2010. Ein Vergleich der beiden Eiskonzentrationskarten zeigt, dass sich bis zum Monatsende große, nahezu eisfreie Flächen im atlantischen Einflussbereich des arktischen Ozeans gebildet haben. Gut zu erkennen sind zudem die großen Regionen mit geringer Meereiskonzentration im östlichen Teil der zentralen Arktis.
Extreme Meeresoberflächentemperaturen in eisfreien Gebieten des Arktischen Ozeans
Die schnelle und großflächige Meereisschmelze im atlantisch geprägten Teil des Arktischen Ozeans dürfte in erster Linie auf die ungewöhnlich warmen Meerestemperaturen zurückzuführen sein. Unsere Karte der gemittelten Abweichungen der Meeresoberflächentemperatur zeigt große Meeresgebiete, in denen das Oberflächenwasser 2,5 bis 4 Grad Celsius wärmer war als im Vergleichszeitraum 1971 bis 2000 (Abbildung 6). Diese unvorstellbare Wärmemenge katapultiert den Arktischen Ozean derzeit in eine neue Temperatur-Dimension. Welche Folgen sie für die weitere Meereisentwicklung in diesem Jahr haben wird, bleibt abzuwarten. Es wäre jedoch niemand überrascht, wenn sich die Meereisneubildung im bevorstehenden Herbst großflächiger und länger verzögern sollte, als wir dies in den zurückliegenden Jahren beobachtet haben.
Die Lufttemperaturen in der Arktis wurden im Juli 2026 maßgeblich durch ein großes Tiefdruckgebiet bestimmt, das zentral über dem Arktischen Ozean lag und für ungewöhnlich kühle Temperaturen vor der Nordküste Grönlands und Kanadas sorgte (Abbildung 7). Kühler als im Vergleichszeitraum 1971–2000 waren im Juli auch die Luftmassen über Teilen Alaskas, über dem Beringmeer sowie über dem östlichen Teil Sibiriens. Die Temperatur der Luftmassen über dem Norden Kanadas sowie über Grönland und dem restlichen Teil Sibiriens lag hingegen 0,5 bis 5 Grad Celsius über dem Juli-Temperaturmittel aus dem Vergleichszeitraum. Das heißt, es war sowohl über den russischen Randmeeren überdurchschnittlich warm als auch über den Landmassen Grönlands sowie der kanadischen und russischen Arktis.
Um die Meereisentwicklung des bisherigen Jahres zu verstehen, lohnt sich auch ein Blick auf die arktischen Lufttemperaturen in den zurückliegenden 12 Monaten, wie sie unsere Kolleg:innen von Berkeley Earth in ihrem Juli-Update veröffentlicht haben (Abbildung 8). Die Karte der gemittelten Lufttemperatur-Anomalien zeigt unter anderem Temperaturabweichungen von 6 bis 7 Grad Celsius über Spitzbergen und dem Franz-Joseph-Land und damit genau über jener Region, die in diesem Sommer den augenscheinlich deutlichsten Meereisrückgang zu verzeichnen hat. Die Temperaturabweichungen über der Framstraße liegen bei 3 Grad Celsius. Wir weisen an dieser Stelle jedoch ausdrücklich darauf hin, dass Berkeley Earth seine aktuellen Temperaturdaten mit dem Juli-Mittel aus den Jahren 1951 bis 1980 vergleicht. Das Meereisportal hingegen nutzt bei seinen Darstellungen der Lufttemperatur-Abweichungen in der Regel den Vergleichszeitraum 1971-2000. Die einzelnen Temperaturabweichungen können somit nicht direkt miteinander verglichen werden.
Abbildung 7: Darstellung der mittleren Temperaturabweichungen in der Arktis im Juli 2026 im Vergleich zum Referenzzeitraum Juli 1971–2000. Während die Luftmassen über den Randzonen der Arktis zum Teil deutlich wärmer waren als im Bezugszeitraum 1971-2000, lagen über dem zentralen Arktischen Ozean sowie über dem Nordpazifik kältere Luftmassen. Copernicus ERA5 Daten
Antarktis: Das Packeis in der Bellingshausensee hat seinen Rückstand aufgeholt
Die Meereisneubildung in der Antarktis blieb im Juli 2026 leicht hinter den Erwartungen zurück. Vor allem in der zweiten Monatshälfte verlangsamte sich das Eiswachstum, sodass die Kurve der täglichen Meereisausdehnung unter die Spanne aus Minimal-Maximalwerten der Jahre 1981-2010 rutschte.
Die Meereisausdehnung wuchs im Monatsverlauf von 14,1 Millionen Quadratkilometern auf 16,16 Millionen Quadratkilometer – ein Plus von rund 2 Millionen Quadratkilometern. Das Monatsmittel betrug 15,14 Millionen Quadratkilometer und entspricht der fünft-niedrigsten Juli-Meereisausdehnung seit Beginn der Satellitenmessungen in der Antarktis (Abbildung 9).
“Die Entwicklung der Meereissituation in der Antarktis in den vergangenen drei Wintern macht Hoffnung, weil die Wintereisausdehnung seit dem Negativrekordjahr 2023 langsam wieder zunimmt und sich der langjährigen mittleren Trendlinie annähert. Fraglich ist allerdings, wie lange sich diese Entwicklung fortsetzen kann“, sagt Dr. Renate Treffeisen.
Abgesehen von zwei Sektoren gab es im Juli 2026 in allen Teilbereichen des Südpolarmeeres weniger Meereis als im Vergleichszeitraum 2003 – 2014. Mehr Packeis dokumentierten die Satelliten lediglich im Amundsenmeer sowie vor der Küste des Adélielandes (Abbildung 10).
Entspannt hat sich mittlerweile die Meereissituation in der Bellingshausensee. Zum Winteranfang hatte sich die Meereisneubildung dort extrem verzögert. Diesen Rückstand konnte das Packeis in dieser Region bis Ende Juli fast vollständig aufholen. Zwar bildete sich bis zum Monatsende immer noch weniger Meereis als im Langzeitmittel. Die mittlere Meereisausdehnung in der Bellingshausensee war im Juli 2026 jedoch deutlich größer als zur selben Zeit des Vorjahres (Abbildung 11).
Abbildung 10: Differenz der mittleren Eiskantenposition im Juli 2026 im Vergleich zum Langzeitmittel 2003-2014. Blau gekennzeichnet sind Meeresgebiete, in denen es im Juli 2026 mehr antarktisches Meereis gab als im Vergleichszeitraum. Rot markierte Regionen hingegen wiesen weniger Meereis auf. Das waren im Juli 2026 alle Sektoren des Südlichen Ozeans mit Ausnahme des Amundsenmeeres und der Gewässer vor der Küste des Adélielandes.
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Autorin
Sina Löschke (Science Writer)
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