- Arktis: Warmes Oberflächenwasser beschleunigt die Meereisschmelze in der Barentssee
- Antarktis: Die Meereisdecke der Bellingshausensee schrumpft
- Forschung: Polaris 1, die erste Driftexpedition der Tara-Polar-Station, beginnt. Livedaten, Hintergrundinfos und Updates aus diesem ehrgeizigen Überwinterungsprojekt gibt es auf einer neuen Sonderseite des Meereisportals
Extreme Wärme über Europa sowie im Meer
Der Juni 2026 wird den Menschen in Europa als extrem heißer Sommermonat in Erinnerung bleiben. Ausschlaggebend dafür war zum einen die extreme Hitzewelle in der vierten Juniwoche. Sie brachte in weiten Teilen Mittel- und Westeuropas neue Temperaturrekorde von 41 bis 44 Grad Celsius. Zum anderen erwärmte sich im Juni 2026 der Weltozean in den tropischen, subtropischen und gemäßigten Breiten so stark, dass die gemittelte Meeresoberflächentemperatur am 21. Juni 2026 auf 21 Grad Celsius stieg und damit die vorhergehenden Tagesrekordwerte aus dem Juni 2023 und 2024 um 0,1 Grad Celsius übertraf (ausführliche Informationen beim Klimaservice Copernicus)
Arktis: Warmes Oberflächenwasser beschleunigt die Meereisschmelze in der Barentssee
Nimmt der Ozean außerhalb der Polarregionen so viel Wärme aus der Atmosphäre auf, kann das Auswirkungen auf die Meereisentwicklung in der Arktis und der Antarktis haben. Anzeichen dafür gab es im Juni 2026 in der arktischen Barentssee. Deren Oberflächenwasser war im Monatsmittel etwa 1,5 bis 3 Grad Celsius wärmer als im Vergleich zum Langzeitmittel der Jahre 1971 bis 2000. Im Vormonat Mai hatten die Abweichungen der Meeresoberflächentemperatur in dieser Region noch bei 0,5 bis 2,5 Grad Celsius gelegen. Das heißt, die Meeresoberfläche des Nordatlantiks hat sich im Laufe des Junis weiter erwärmt (Abbildung 1). Außergewöhnlich hohe Meeresoberflächentemperaturen dokumentierten die Satelliten zudem im Europäischen Nordmeer, in der Ostsee, in der westlichen Nordsee, in der südlichen Grönlandsee, in Teilen der Labradorsee sowie in einigen Küstenbereichen des Beringmeers. Kühler als im Vergleichszeitraum war die Meeresoberfläche im Juni 2026 in den arktischen Küstengebieten Sibiriens, in der Hudsonbucht sowie in der kanadischen Arktis.
Abbildung 1: Darstellung der gemittelten Abweichungen der Meeresoberflächentemperatur in der Arktis im Juni 2026 (l.) und im Mai 2026 (r.). In der Junikarte sind die außergewöhnlich warmen Wassertemperaturen in der Barentssee, der Ostsee sowie im Europäischen Nordmeer klar zu erkennen. Da die Abweichungen der Meeresoberflächentemperatur im Mai noch deutlich geringer waren, kann angenommen werden, dass die extreme Hitzewelle über Mittel- und Westeuropa die Erwärmung des Nordatlantiks verstärkt hat.
Das ungewöhnlich warme Oberflächenwasser des Europäischen Nordmeeres und der Barentssee dürfte im Juni 2026 die Meereisschmelze zwischen den Inselgruppen Spitzbergen und Franz-Josef-Land vorangetrieben haben (Abbildung 2). Im Vergleich zum Langzeitmittel gab es in dieser Region im zurückliegenden Monat auffallend große, eisfreie Wasserflächen. Gleiches gilt für Teile der Hudsonbucht sowie für das Seegebiet zwischen der nordöstlichen Baffininsel und Westgrönland (Abbildung 3). Mehr Meereis als im Langzeitmittel dokumentierten die Satelliten in der Beringstraße, in der Beaufortsee sowie in der Eisrandzone der Fram- und Davisstraße.
Die Meereisausdehnung sank im Laufe des Monats von 11,35 Millionen Quadratkilometern (1. Juni 2026) auf 9,07 Millionen Quadratkilometer (30. Juni 2026) – ein saisonal bedingter Rückgang von mehr als 2 Millionen Quadratkilometern. Das Monatsmittel der Meereisausdehnung betrug 10,44 Millionen Quadratkilometer. Das entspricht dem 8-niedrigsten Monatsmittel in der Juni-Zeitreihe. Mit diesem Wert liegt der Juni 2026 allerdings oberhalb der Trendlinie und in etwa gleichauf mit der mittleren Meereisausdehnung im Juni des Vorjahres 2025 (Abbildung 4).
Abbildung 3: Differenz der mittleren Eiskantenposition im Juni 2026 im Vergleich zum Langzeitmittel 2003 bis 2014. Blau gekennzeichnet sind Meeresgebiete, in denen es im sechsten Monat des Jahres 2026 mehr arktisches Meereis gab als im Vergleichszeitraum. Rot markierte Regionen hingegen wiesen weniger Meereis auf.
“Wir sehen in der Arktis aktuell viele Parallelen zur Meereisentwicklung im Frühsommer 2025. Die Meereisschmelze schreitet zum Beispiel im gleichen Tempo voran. Ein Blick auf die Karte der gemittelten Lufttemperatur-Abweichungen lässt jedoch vermuten, dass sich die Schmelze in der zentralen kanadisch-ostsibirischen Arktis im Juni 2026 etwas verzögert hat. Dort waren die Luftmassen im Monatsmittel deutlich kühler als im Vergleich zum Langzeitmittel“, sagt Dr. Klaus Grosfeld, AWI-Klimaforscher und Mitinitiator des Meereisportals (Abbildung 5).
Abbildung 5: Darstellung der mittleren Temperaturabweichungen in der Arktis im Juni 2026 im Vergleich zum Referenzzeitraum Juni 1971–2000. Während die Luftmassen über den Randzonen der Arktis überwiegend wärmer waren als im Bezugszeitraum 1971-2000, lag über der zentralen kanadischen und ostsibirischen Arktis ein großes Paket kälterer Luftmassen. Copernicus ERA5 Daten
Antarktis: Die Meereisdecke der Bellingshausensee schrumpft
In der Antarktis hat die Meereisausdehnung im Juni 2026 erwartungsgemäß zugenommen – von 11,07 auf 13,97 Millionen Quadratkilometer. Mit einer mittleren Meereisausdehnung von 12,48 Millionen Quadratkilometern reiht sich der Juni 2026 zwar über den Monatsmittelwerten aus den vier Vorjahren ein. Die Meereisausdehnung liegt allerdings weiterhin mehr als 500.000 Quadratkilometer unter der Trendlinie für den Monat Juni. Das heißt, die Meereissituation in der Antarktis bleibt weiterhin angespannt. Die erhoffte Erholung nach dem Negativrekordjahr 2023 hat sich verlangsamt (Abbildung 6).
Abbildung 6: Darstellung der Zeitreihe der mittleren Meereisausdehnung in der Antarktis für den Monat Juni. Zum fünften Mal in Folge liegt das Monatsmittel deutlich unterhalb der hellblauen Trendlinie. Der Aufwärtstrend nach dem Negativrekordjahr 2023 hat von Juni 2025 bis Juni 2026 an Schwung verloren.
Die Meereisneubildung und -verteilung in der Antarktis unterliegen starken natürlichen Schwankungen, wie ein Abgleich der mittleren Eiskantenposition im Juni zeigt (Abbildung 7). Lokale Winde, Temperaturen und Strömungen entscheiden maßgeblich, in welchen Regionen die Meeresoberfläche großflächig gefriert und wohin das junge Meereis treibt. Ein Trend aber wird mittlerweile immer deutlicher: In der Bellingshausensee nimmt die Meereisbedeckung langfristig ab. Anfang Juni 2026 fehlten Medienberichten zufolge rund 650.000 Quadratkilometer Packeis in dieser Region. Das entspricht einer Fläche etwas größer als Frankreich (632.702 Quadratkilometer).
Vergleicht man die Entwicklung der mittleren Meereiskonzentration im Juni von 2010 bis heute, wird deutlich, wie viel weniger neues Meereis sich mittlerweile in der Bellingshausensee bildet (Abbildung 8). In der ersten Juniwoche 2026 ging die Meereiseisbedeckung sogar noch einmal kurzzeitig zurück – und das, obwohl der Winter in der südlichen Hemisphäre längst Einzug gehalten hatte (Video 1).
Abbildung 7: Darstellung der mittleren Meereiskonzentration und Eiskantenposition in der Antarktis im Juni 2026 (links) im Vergleich zum Langzeitmittel sowie zum Juni-Mittel 2025, 2024 und 2023. Der Vergleich unterstreicht die natürliche Variabilität der Meereisverteilung in der Antarktis. Deutlich wird allerdings auch, dass im Juni 2026 vor der Westantarktis deutlich weniger Meereis existierte als im Negativrekordjahr 2023.
Video 1: Veränderungen der Meereiskonzentration in der Antarktis im Zeitraum vom 1. bis 30. Juni 2026. Die Abfolge zeigt, dass die Meereisbedeckung in der Bellingshausensee in der ersten Juniwoche kurz zurückgegangen ist, bevor sich dann großflächig neues Meereis gebildet hat.
Dass sich im Juni vor der Westküste der Antarktis weniger neues Meereis gebildet hat als im Langzeitmittel, könnte unter anderem auf die Lufttemperaturen zurückzuführen sein. Unsere Karte der mittleren Lufttemperatur-Abweichungen über der Antarktis zeigt eine Wärmeglocke über der Westantarktis, der Antarktischen Halbinsel und dem Weddellmeer, während die Temperaturen über der Ostantarktis eher unter dem Langzeitmittel lagen (Abbildung 10). Die Karte der gemittelten Abweichungen der Meeresoberflächentemperatur hingegen weist keine Besonderheiten auf (Abbildung 11).
Tara-Polar-Station: Die erste von zehn geplanten Drift-Expeditionen durch die zentrale Arktis beginnt
Am Sonntag, dem 19. Juli, fällt in der französischen Hafenstadt Lorient der Startschuss für eines der ambitioniertesten internationalen Arktis-Forschungsprojekte des 21. Jahrhunderts. An diesem Tag läuft die Tara-Polar-Station aus ihrem Heimathafen aus und beginnt die erste von zehn geplanten Schiffs- und Driftexpeditionen durch das Meereis des Arktischen Ozeans. Da jede Expedition des ungewöhnlich geformten Schiffes mindestens ein Jahr lang dauern wird, reicht der aktuelle Forschungszeitplan der Station über zwei Jahrzehnte – von 2026 bis 2046.
“Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts steht die Frage, wie sich der Klimawandel auf das arktische Ökosystem auswirkt und welche Bedeutung diese Veränderungen für das globale Klima haben, insbesondere das Zusammenspiel von Atmosphäre, Meereis, Ozean und den Ökosystemen”, sagt AWI-Meereisphysiker Dr. Marcel Nicolaus.
“Wir haben dafür in Zusammenarbeit mit Forschenden aus mehr als 30 Partnerinstitutionen eine langfristig angelegte Beobachtungsstrategie entwickelt: Über die nächsten zwei Jahrzehnte sollen wiederholte Driftmissionen der Tara-Polar-Station dazu beitragen, einen einzigartigen Datensatz zur Entwicklung der Arktis aufzubauen. So wollen wir Veränderungen im arktischen System nicht nur punktuell erfassen, sondern kontinuierlich über längere Zeiträume hinweg, sodass wir ihren Einfluss auf das globale Klimasystem entschlüsseln können“, führt der Wissenschaftler fort.
Abbildung 11: Die Tara-Polar-Station ist eine eigens entwickelte Forschungsplattform für langfristige Drift-Expeditionen im arktischen Meereis. Ihre ovale, abgerundete Rumpfform ermöglicht es, dem Druck des Meereises standzuhalten, indem die Plattform bei Eispressung nach oben ausweicht. Ein verstärkter Aluminiumrumpf sorgt für Stabilität unter den extremen arktischen Bedingungen. Außerhalb des Eises ist die Station bei einer Maximalgeschwindigkeit von bis zu 9 Knoten manövrierfähig. Im regulären Betrieb driftet sie jedoch eingefroren im Meereis über den Arktischen Ozean. Foto: Maéva Bardy - Fondation Tara Ocean
Abbildung 12: Die beiden AWI-Forschenden Julia Regnery (r.) und Marcel Nicolaus (l.) gehören zu der kleinen Wissenschaftler-Crew, die während der ersten Driftexpedition an Bord der Tara-Polar-Station arbeiten darf. Chemikerin Julia Regnery wird auf dem ersten Fahrtabschnitt mit Überwinterung dabei sein; Meereisphysiker Marcel Nicolaus wird sie im Frühjahr 2027 ablösen und übernimmt dann den bis in den Sommer reichenden zweiten Fahrtabschnitt. Foto: Marcel Nicolaus/Alfred-Wegener-Institut
Marcel Nicolaus ist einer von mehreren AWI-Forschenden, die an den wissenschaftlichen Planungen der ersten Tara-Expedition beteiligt waren. Außerdem wird der Experte des Meereisportals im Frühling und Sommer 2027 mehrere Wochen an Bord der Tara-Polar-Station verbringen. “Ein zentraler Schwerpunkt des AWI-Beitrags liegt in der Meereisphysik. Wir werden während der Drift mit unserem Unterwasserroboter ANN Messungen mit einem Radius von bis zu 300 Metern um das Schiff unter dem Meereis durchführen, viele Eiskerne bohren und immer wieder Eis- und Schneedicken sowie andere physikalische Eigenschaften des Meereises untersuchen“, sagt der Wissenschaftler.
Während Marcel Nicolaus für den zweiten Driftabschnitt eingeplant ist, packt seine AWI-Kollegin Dr. Julia Regnery bereits in Kürze die Koffer. Die Wissenschaftlerin wird Mitte August im norwegischen Kirkenes an Bord gehen und während des ersten Fahrtabschnittes der Tara-Station alle geplanten meteorologischen Messungen vornehmen – jene an Bord des Schiffes ebenso wie jene auf dem arktischen Packeis.
Während der Überwinterung von September 2026 bis April 2027 werden lediglich sechs Wissenschaftler:innen sowie ein Kapitän, ein Schiffsoffizier, ein Ingenieur, eine Ärztin, eine Köchin und ein Journalist an Bord sein. Im Sommer werden weitere Forschende hinzustoßen, sodass das Expeditionsteam dann auf 18 Personen anwachsen wird.
Nichts verpassen: Die Polaris 1-Expedition der Tara-Polar-Station im Meereisportal
Das Meereisportal wird die erste Driftexpedition der Tara-Polar-Station (Polaris 1) ausführlich begleiten. Livedaten aus dem Eis sowie wöchentliche Updates und ausführliche Monatsberichte von Julia Regnery und Marcel Nicolaus wird es auf einer eigens eingerichteten Tara-Expeditionsseite im Meereisdatenportal geben. Dort finden Interessierte auch ausführliche Hintergrundinformationen in deutscher und englischer Sprache. Außerdem lohnt es sich, Marcel Nicolaus und Julia Regnery auf Instagram zu folgen. Auf ihrem Kanal @2imEis teilen die beiden AWI-Wissenschaftler:innen schon jetzt Einblicke in ihre Vorbereitungen auf die Expedition. Mehr Inhalte sollen folgen.
In unseren Meereis-Updates werden wir ebenfalls regelmäßig auf die Forschungsarbeiten und das Leben an Bord des ungewöhnlichen Forschungsschiffes eingehen. Bis die Tara-Polar-Station das arktische Packeis erreicht, werden allerdings noch ein paar Wochen ins Land ziehen. Läuft alles nach Plan, wird die Station am 10. September 2026 in der russischen Laptewsee auf einen chinesischen Forschungseisbrecher treffen. Dieser soll der Station den Weg in das Eis bahnen und sie etwa einen Tag lang begleiten. Danach werden Julia Regnery und ihre Kolleg:innen auf sich allein gestellt sein und beginnen, den arktischen Ozean, sein Meereis und die vielen davon abhängigen Meeresorganismen genauer zu untersuchen.
Lesetipp für die Sommerferien: Der neue europäische Klimabericht ist da
Zum Ende dieses Monatsupdates haben wir noch einen Lesetipp für die Sommerferien. Vor Kurzem ist der jährliche Klimabericht für Europa erschienen (englisch: European State of the Climate 2025 report), zusammengestellt vom europäischen Klimaservice Copernicus und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO). Expert:innen des Meereisportals haben für diesen Bericht Zahlen, Daten und Fakten zur Entwicklung des arktischen Meereises im Jahr 2025 beigetragen. Den englischsprachigen Bericht gibt es sowohl in einer Onlineversion als auch als PDF zum Herunterladen. Viel Spaß bei der Lektüre.
Abbildung 13: Titelbild des europäischen Klimaberichts für das Jahr 2025. Der Bericht ist ein jährlich erscheinendes Gemeinschaftsprodukt des europäischen Klimadienstes Copernicus und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO). Das Fachwissen der AWI-Meereisexpert:innen ist in das Kapitel zur Entwicklung des arktischen Meereises eingeflossen. Bild: European State of the Climate Report 2025
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Autorin
Sina Löschke (Science Writer)
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