- Datenlücke teilweise geschlossen: Meereisportal liefert wieder Monatsmittelkarten der Lufttemperatur in Arktis und Antarktis - von nun an auf Basis der globalen atmosphärischen Reanalyse ERA5, die vom europäischen Copernicus Climate Change Service entwickelt wurde.
- Meereisentwicklung: Die Meereisausdehnung in der Arktis und der Antarktis blieb im Mai 2026 auf niedrigem bis sehr niedrigem Niveau.
- Neue Studie: Rückgang des arktischen Meereises ermöglicht drastische Nährstoffverluste im Ozean. Anstelle von Sonnenlicht begrenzt jetzt die Verfügbarkeit von Nitrat die Produktivität der Ökosysteme des Arktischen Ozeans.
Zum Anfang zwei gute Nachrichten
Der Mai 2026 war aus zwei Gründen ein ausgesprochen arbeitsreicher und von Vorfreude geprägter Monat für das Meereisportal-Team. Besonders viel Mühe und Herzblut haben wir in unsere erste Meereisportal-Science Story gesteckt. Sie trägt den Titel “Die Spur der Steine” und beschreibt, wie es einem Team von Forschenden nur dank fachgrenzenüberschreitender Zusammenarbeit gelungen ist, einen neuen Klimadomino-Effekt in der Framstraße zu entdecken. Die Multimedia-Geschichte ist gestern erschienen, zeitgleich mit dem dazugehörigen Fachartikel im Wissenschaftsjournal Nature. Was es mit beidem auf sich hat, erfahren Sie hier.
Während sich ein Teil unseres Teams mit Gletschern, Eisbergen und Felssteinen in der arktischen Tiefsee auseinandersetzte, verwendete unsere Datenmanagerin Dr. Annekathrin Jäkel viel Zeit darauf, eine neue Quelle für verlässliche Atmosphärendaten aus den Polarregionen zu erschließen. Künftig wird sie die ERA 5-Reanalysedaten des europäischen Klimaservice Copernicus für das Meereisportal aufbereiten und zur Verfügung stellen. Es handelt sich dabei um einen Reanalysedatensatz, der sowohl Beobachtungsdaten als auch Modelldaten umfasst.
„Im März dieses Jahres wurden die amerikanischen Reanalyse-Datenprodukte NCEP/NCAR Reanalysis 1 eingestellt. Sie bildeten die Grundlage für unsere Kartenprodukte im Bereich der atmosphärischen Daten. Wir haben nun begonnen, Programmroutinen aufzusetzen, welche die europäischen Reanalysedaten ERA5 von Climate Copernicus verwenden. Wir freuen uns, dass wir so unseren Service sukzessive wieder aufbauen können.“, sagt Dr. Annekathrin Jäkel, die für den Datenbereich von Meereisportal.de am AWI verantwortlich ist. „Es wird jedoch noch etwas dauern, bis alle Karten wieder routinemäßig vorliegen, da der automatisierte Download der europäischen Daten erst eingerichtet werden muss und das Update der Daten nicht tagesaktuell erfolgt, sondern mit einem Versatz von fünf Tagen“, ergänzt die Datenexpertin.
Arktis: Meereisausdehnung auf sehr niedrigem Niveau
Die Atmosphärendaten aus dem Reanalysedatensatz ERA5 helfen uns jetzt, die Meereisentwicklung in der Arktis wieder besser zu verstehen. Doch zunächst die Zahlen: Im Mai 2026 dokumentierten die Satelliten einen Rückgang der Ausdehnung des arktischen Meereises von 12,91 Millionen Quadratkilometern am Monatsanfang auf 11,35 Millionen Quadratkilometer zum Monatsende. Die Kurve des Jahresganges verlief dabei knapp bis deutlich unterhalb der Spanne aus den Minimal- und Maximalwerten der Jahre 1981 bis 2010.
Das Monatsmittel der arktischen Meereisausdehnung lag im Mai 2026 bei 12,14 Millionen Quadratkilometern und entspricht dem zweitkleinsten jemals im Monat Mai gemessenen Mittelwert, dicht gefolgt von den Mai-Mittelwerten der Jahre 2019 und 2020. Eine geringere Meereisausdehnung im Monat Mai gab es bislang nur im Jahr 2016. (Abbildung 2 & 3)
Abbildung 4: Differenz der mittleren Eiskantenposition im Mai 2026 im Vergleich zum Langzeitmittel 2003 bis 2014. Blau gekennzeichnet sind Meeresgebiete, in denen es im fünften Monat des Jahres 2026 mehr arktisches Meereis gab als im Vergleichszeitraum. Rot markierte Regionen hingegen wiesen weniger Meereis auf.
Die deutlichsten Meereisrückgänge im Vergleich zum Langzeitmittel (2003-2014) zeigten sich im Mai 2026 in der nördlichen und südöstlichen Barentssee, zwischen den Inselgruppen Spitzbergen und Franz-Joseph-Land sowie im nordwestlichen Teil der Dänemarkstraße, dem Meeresgebiet zwischen Grönland und Island. Mehr Eis als im Vergleich zum Langzeitmittel verzeichneten die Satelliten im südlichen Teil der Beringstraße sowie am östlichen Rand des Eisstroms durch die Framstraße und die Grönlandsee (Abbildung 4).
In der Beringstraße könnten die ungewöhnlich kalten Meeresoberflächentemperaturen dazu beigetragen haben, dass mehr Packeis den Mai überdauern konnte als zum Beispiel im Langzeitmittel (Abbildung 4). In der Barentssee sowie zwischen Spitzbergen und Franz-Joseph-Land hingegen schmolz das wenige Meereis, welches den Frühling überdauert hatte, vermutlich schneller, weil sowohl die Meeresoberflächentemperaturen deutlich über dem Langzeitmittel lagen als auch die Lufttemperaturen (Video 1 & Abbildung 5).
Meteorologische Messdaten von der deutsch-französischen Arktisforschungsstation AWIPEV auf Spitzbergen belegen, dass die Tageshöchsttemperatur in Ny-Ålesund vor allem in der zweiten Maihälfte deutlich häufiger die Null-Grad-Grenze überschritt, als es die Forschenden zu dieser Zeit des Jahres gewohnt sind. Unsere Karte der Temperaturanomalien zeigt zudem, dass die Luftmassen in einer Höhe von etwa 760 Metern über Spitzbergen im Mai 2026 im Mittel etwa 2 bis 3 Grad Celsius wärmer waren als im Mai der Jahre 1971 bis 2000 (Abbildung 6).
Abbildung 5: Darstellung der gemittelten Abweichungen der Meeresoberflächentemperatur in der Arktis im Mai 2026. Deutlich zu erkennen sind die außergewöhnlich kühlen Wassertemperaturen im Beringmeer und Teilen des kanadischen Archipels sowie die bis zu 2 Grad Celsius wärmere Meeresoberfläche in der Dänemarkstraße und der Barentssee.
Video 1: Veränderungen der Meereiskonzentration in der Arktis im Zeitraum vom 1.-31. Mai 2026.
Antarktis: Gleichauf mit der Meereisausdehnung der Vorjahre 2024 und 2025
Gemessen an der Meereisausdehnung, bildete sich im Mai 2026 in der Antarktis in etwa genauso viel neues Meereis wie zur selben Zeit in den zwei Jahren zuvor (Abbildung 7). Die Meereisausdehnung wuchs von 7,91 auf 10,96 Millionen Quadratkilometer. Ein Plus von mehr als 3 Millionen Quadratkilometern, was in etwa der Fläche Indiens entspricht.
Im Gegensatz zum Negativ-Rekordjahr 2023 verlief die Kurve des Jahresganges jedoch nicht weit unter der Spanne aus Minimal- und Maximalwerten, sondern jederzeit im unteren Drittel. Mit einem Monatsmittelwert von 9,49 Millionen Quadratkilometern reiht sich die Meereisausdehnung im Mai 2026 jedoch rund 500.000 Quadratkilometer unter der Trendlinie ein (Abbildung 8). Das heißt, die Meereissituation in der Antarktis bleibt weiterhin angespannt.
Abbildung 8: Darstellung der Zeitserie der mittleren Meereisausdehnung in der Antarktis für den Monat Mai. Deutlich wird, dass der Monatsmittelwert zum dritten Mal infolge auf etwa demselben Niveau liegt, aber weit unter der Trendlinie. In der Zeitreihe der niedrigsten Monatsmittel für den Monat Mai belegt der aktuelle Wert Platz 9.
Abbildung 9: Differenz der mittleren Eiskantenposition im Mai 2026 im Vergleich zum Langzeitmittel 2003 bis 2014 (links) sowie im Vergleich zur Eisverteilung im Mai 2025 (rechts). Blau gekennzeichnet sind Meeresgebiete, in denen es im Mai 2026 mehr antarktisches Meereis gab als im Vergleichszeitraum. Rot markierte Regionen hingegen wiesen weniger Meereis auf.
Auffallend langsam wuchs die Meereisdecke in der Bellinghausensee, im östlichen Weddellmeer sowie vor der Küste des Königin-Maud-Landes. Mehr Eis als im Vergleich zum Langzeitmittel gab es lediglich in den östlichen Eisrandbereichen vor der Küste der Westantarktis sowie in kleinen Bereichen vor der Küste der Ostantarktis (Abbildung 9).
Im Vergleich zum Vorjahr fallen vor allem die Eiszuwächse im westlichen Weddellmeer, im Rossmeer sowie vor der Küste des Königin-Maud-Landes auf. Vor der Ostantarktis hingegen gab es im Mai 2025 deutlich mehr Eis. Die Verteilung des Meereises im Mai 2026 unterscheidet sich demzufolge deutlich von der Verteilung im Mai 2025, was Rückschlüsse auf mögliche Ursachen oder Verteilungsmuster erschwert.
Einige wenige Hinweise gibt es allerdings doch: Temperaturdaten des Climate Reanalyzer zeigen, dass die Abweichungen der Lufttemperatur in einer Höhe von zwei Metern über der Antarktischen Halbinsel sowie über dem östlichen Weddellmeer an einigen Maitagen bis zu 10 Grad Celsius plus betrugen (Abbildung 10). Über dem Königin-Maud-Land war es Mitte Mai sogar bis zu 20 Grad Celsius wärmer als im Langzeitmittel der Jahre 1991 bis 2020 (Abbildung 11). Das heißt, an diesem Tag war es anstatt der gewohnten minus 30 Grad Celsius nur minus 10 Grad Celsius kalt. Die Meeresoberfläche gefriert bei diesen Temperaturen immer noch, jedoch nicht mehr so schnell wie bei minus 30 Grad Celsius. Die Wärmeeinbrüche könnten demzufolge die Neueisbildung verzögert haben (Abbildung 10 & 11).
Solche Temperaturextreme schlagen sich natürlich auch in der Statistik für die mittlere Temperaturabweichung nieder. Unsere Monatskarte der Lufttemperaturabweichungen für den Mai 2026 zeigt vor allem über dem Weddellmeer und dem Königin-Maud-Land deutliche Abweichungen von 1 bis 4 Grad Celsius im Vergleich zum Bezugszeitraum Mai 1971 bis 2000 (Abbildung 12).
Neue Studie: Wo das arktische Meereis schwindet, sinkt der Nährstoffgehalt des Meerwassers
Aufsehen erregte im Mai eine neue Studie unter der Leitung von Forschenden der Universität Edinburgh. Ihren Messungen zufolge hat der weitreichende Rückgang des arktischen Meereises zu einem starken Rückgang der Nitrat-Konzentration im Arktischen Ozean geführt. Nitrat ist ein Pflanzennährstoff und unverzichtbar für das Wachstum von Mikroalgen (Phytoplankton), die wiederum das Fundament des arktischen Nahrungsnetzes bilden.
Die Forschende hatten physikalische und biochemische Messdaten aus dem polaren Oberflächenwasser der Framstraße analysiert, welches im Zeitraum von 1998 bis 2023 aus dem Arktischen Ozean in den Nordatlantik abgeflossen war. Ihre Ergebnisse zeigen, dass die Nitratwerte in den arktischen Wassermassen seit dem Jahr 2009 stetig gesunken sind. Der Rückgang der Nitratkonzentration fiel mit einem drastischen Rückgang des arktischen Meereises zusammen, der etwa zur gleichen Zeit einsetzte, so das Team.
Die Nitratabnahme wird durch einen Prozess verursacht, den Fachleute als “benthische Denitrifikation” bezeichnen. Dieser verläuft in etwa so: Im Zuge des Meereisrückganges entwickeln sich in arktischen Gewässern häufiger Algenblüten, weil das Sonnenlicht nun ungehindert in das Oberflächenwasser fallen kann. Die Algen wachsen, vermehren sich, sterben ab und sinken in die Tiefe. Auf dem Weg zum Meeresboden oder am Meeresgrund selbst werden sie von Mikroben zersetzt. Diese verbrauchen dabei Sauerstoff. Ist der Sauerstoff im Tiefen- oder Bodenwasser aufgebraucht, wandeln bestimmte Mikroben das Nitrat in Stickstoffgas um. Dieses entweicht aus dem Meer und ist somit für dessen Lebensgemeinschaften verloren. Besonders stark tritt diese “benthische Denitrifikation” in den flachen sibirischen Randmeeren des Arktischen Ozeans auf, berichten die Forschenden.
In nährstoffarmen Gewässern wiederum wachsen nur kleinere Phytoplankton-Arten, die weniger nahrhaft sind für Ruderfußkrebse und andere Zooplanktonarten als die ursprünglichen Kieselalgen. Sinkt die Anzahl des Zooplanktons, haben im Anschluss Fische und andere Räuber das Nachsehen. Mittelfristig könnte diese Entwicklung deshalb Fischbestände, Seevögel, Robben und Wale im Nordatlantik beeinflussen und mit ihnen den kommerziellen Fischfang, schlussfolgern die Forschenden.
Ihrer Ansicht nach haben der Meereisrückgang und die damit verbundenen Nitratverluste bereits zu einem grundsätzlichen Wandel im arktischen Ozean geführt. War vor dem Jahr 2009 das Sonnenlicht der limitierende Faktor für die Biomasseproduktion im Arktischen Ozean, ist es heutzutage die begrenzte Verfügbarkeit von Nitrat, berichten die Wissenschaftler:innen.
Ebenso besorgniserregend ist eine dritte Aussage: “Da die Veränderung der Nährstoffverhältnisse durch den anhaltenden Rückgang des Meereises bedingt ist, ist es sehr unwahrscheinlich, dass der Arktische Ozean jemals wieder seinen früheren Zustand erreichen wird”, schreiben die Forschenden in einer zur Studie gehörenden Pressemeldung. Deshalb seien weitere Untersuchungen erforderlich, um zu verstehen, welche weitreichenden Auswirkungen die Veränderungen in den arktischen Gewässern auf Meeresorganismen in anderen Teilen der Weltmeere, einschließlich des Nordatlantiks, haben könnten.
US-Pazifikküste: Grauwale sterben in hoher Zahl
Angesichts dieser neuen Einblicke in die sich ändernde Arktis überrascht es wenig, dass an der Pazifikküste Nordamerikas auch im Frühjahr 2026 auffällig viele Grauwale gestorben sind. Der US-Sender NBC News berichtete am 25. Mai 2026, dass innerhalb von drei Monaten 21 Grauwale tot an die Küste des US-Bundesstaates Washington gespült wurden. Fachleute führen die außergewöhnlich hohe Sterberate auf den Rückgang des Meereises im Beringmeer und damit verbundene Veränderungen im Ökosystem zurück. Die Wale finden nicht mehr genügend Futter.
Auch die nun tot angeschwemmten Tiere wirkten abgemagert und geschwächt. Einige zeigten vor ihrem Tod offensichtliche Orientierungsprobleme, die möglicherweise auf ihren schlechten Gesundheitszustand zurückzuführen waren. Bis zum Redaktionsschluss dieses Meereis-Updates hatte sich die Zahl der gestrandeten Wale auf 30 erhöht. Das Cascadia Research Collective dokumentiert die Strandungen. Die Liste können Sie hier einsehen.
Video 2: Fernsehbericht des Senders FOX 13 Seattle über die Grauwalstrandungen im US-Bundesstaat Washington.
Hinweise zu den Copernicus ERA5 Daten
Guidelines: In addition to the requirements of the applicable license(s), users must: cite the CDS catalogue entry; provide clear and visible attribution to the Copernicus programme and attribute each data product used; Citing the CDS catalogue entry. Copernicus Climate Change Service (2023): ERA5 monthly averaged data on pressure levels from 1940 to present. Copernicus Climate Change Service (C3S) Climate Data Store (CDS). DOI: 10.24381/cds.6860a573 (Accessed on 08-06-2026)
Attribution
Copernicus programme: Generated using or contains modified Copernicus Climate Change Service information 08-06-2026. Neither the European Commission nor ECMWF is responsible for any use that may be made of the Copernicus information or data it contains. Citing the data: Hersbach, H., Bell, B., Berrisford, P., Biavati, G., Horányi, A., Muñoz Sabater, J., Nicolas, J., Peubey, C., Radu, R., Rozum, I., Schepers, D., Simmons, A., Soci, C., Dee, D., Thépaut, J-N. (2023): ERA5 monthly averaged data on pressure levels from 1940 to present. Copernicus Climate Change Service (C3S) Climate Data Store (CDS), DOI: 10.24381/cds.6860a573 (Accessed on 08-06-2026)
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Autorin
Sina Löschke (Science Writer)