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Arktisches Meereis: November-Negativrekord fast gebrochen

Außergewöhnlich hohe Luft- und Wassertemperaturen im atlantischen Randgebiet des Arktischen Ozeans verzögern die Entstehung neuen Meereises in vier verschiedenen Regionen

  • Arktis: Auffällig wenig Meereis gab es im November in der Barentssee, der westlichen Karasee, in der Hudson-Bucht sowie westlich Grönlands bis hoch in den kanadischen Archipel.
  • Atmosphärenforschung: AWI-Team setzt während der CONTRASTS-Expedition erstmals Messtürme ein, die wochenlang autonom laufen. Ein Experiment mit großartigen Erfolgen und einer unerwarteten Überraschung.
  • Antarktis: Die Meereisausdehnung bleibt auch im November gering. Weit vor der Küste der Ostantarktis gibt es klare Anzeichen einer Meereshitzewelle.

 

Arktis: Die Barents- und Karasee im Fokus

Die online verfügbaren Eiskonzentrationskarten des Meereisportals reichen bis in das Jahr 2002 zurück. Der 30. November 2002 ist demzufolge der früheste letzte Novembertag, für den wir die Meereisbedeckung in der Arktis zeigen können. Schauen wir uns einmal genauer an, wie die Eissituation vor 23 Jahren im europäischen Teil der Arktis aussah (Abbildung 1).

Die nördliche Barentssee war zu diesem Zeitpunkt großflächig zugefroren, die Ostküste Spitzbergens sowie die russischen Inseln Nowaja Semlja und Franz-Josef-Land bis auf den unmittelbaren Küstenbereich von Meereis umgeben. Auf der Karasee trieb nahezu flächendeckend Packeis, abgesehen von ein paar wenigen kleinen Bereichen entlang der sibirischen Küste. Alles in allem war diese Randregion des Arktischen Ozeans von Meereis bedeckt. So wie immer um diese Jahreszeit hätten wir damals gesagt.

Abbildung 1. Darstellung der Meereiskonzentration im Arktischen Ozean am 30. November 2002 (links) sowie am 30. November 2025 (rechts). Der gelbe Kreis markiert die nördliche Barentssee sowie die westliche Karasee.

Abbildung 2. Darstellung der gemittelten Meereiskonzentration in der Region Barentssee/Karasee für den November ausgewählter Jahre. Der Jahresvergleich zeigt den steten Rückgang der Meereiskonzentration in dieser Region seit dem Jahr 2005 sowie die Verstetigung großer eisfreier Flächen seit 2015.

Zurück ins Jahr 2025. Die Meereissituation am 30. November 2025 könnte kaum unterschiedlicher sein (Abbildung 1). Die nördliche Barentssee sowie die Gewässer rund um Spitzbergen sind eisfrei. Vor den Küsten des Franz-Josef-Landes treibt nur wenig Packeis. Auch die Gewässer vor der Insel Nowaja Semlja sind bis auf etwas vom Wind verteiltes Packeis vor der Ostküste eisfrei. Gleiches gilt für den gesamten westlichen Teil der Karasee. Kein Meereis - und das am letzten Novembertag!

“Die nördliche Barentssee und die benachbarte Karasee gehören zu jenen Randgebieten des Arktischen Ozeans, in denen wir das Voranschreiten des Klimawandels und des daraus folgenden Meereisrückganges am eindrücklichsten sehen. Seit zwei Jahrzehnten geht die winterliche Meereisbedeckung in dieser Region zurück, sodass die großen eisfreien Flächen keine Überraschung mehr darstellen. Der direkte Vergleich mit der Meereissituation am 30. November 2002 unterstreicht jedoch noch einmal das Ausmaß der Meereisveränderungen”, sagt Dr. Renate Treffeisen, Atmosphärenforscherin am Alfred-Wegener-Institut und Mitinitiatorin des Meereisportals.

 

Viel zu viel Wärme in der Atmosphäre sowie im Meer

Um die Ursachen des drastischen Meereisrückgangs zu ergründen, reicht schon ein Blick auf die Luft- und Meeresoberflächentemperaturen in der nördlichen Barentssee und der Karasee.

Das Oberflächenwasser beider Randmeere war im Verlauf des Novembers 2025 in Teilen bis zu 3,5 Grad Celsius wärmer als im Vergleichszeitraum, wie einzelne Tagesdaten zeigen (Abbildung 3). Wer die Entwicklung über den gesamten Monat im Zeitraffer nachverfolgen möchte, dem empfehlen wir einen Blick auf die vorläufigen Daten der NOAA im Climate Reanalyzer. Allerdings verwendet die NOAA einen anderen Vergleichszeitraum als das Meereisportal. Unsere Abweichungen der Meeresoberflächentemperatur werden im Vergleich zum Langfristmittel aus den Jahren 1971 bis 2000 ermittelt. Die NOAA nutzt den Referenzzeitraum 1991 bis 2020.

Abbildung 3: Abweichungen der Meeresoberflächentemperaturen am 9. November 2025 im Vergleich zum November-Monatsmittel im Bezugszeitraum 1971-2000. An diesem Novembertag waren die Temperaturabweichungen in der Barentssee und westlichen Karasee besonders hoch. Wie an der Farbgebung zu erkennen ist, war die Meeresoberfläche großflächig 2 bis 3,5 Grad Celsius zu warm.

Abbildung 4: Abweichungen der gemittelten Meeresoberflächentemperaturen im November 2025 im Vergleich zu den Monatsmitteln aus dem Bezugszeitraum 1971-2000. Die Daten zeigen, dass die Meeresregion nordöstlich Spitzbergens an ihrer Oberfläche bis zu 3 Grad Celsius wärmer war als im Vergleichszeitraum. Im Wechselspiel mit den hohen Lufttemperaturen verhinderte diese Wärme das Zufrieren der Meeresoberfläche und damit die Neubildung von Meereis.

Die Lufttemperaturen waren ebenfalls viel zu hoch, vor allem in der ersten Novemberwoche. Die von uns verwendeten Lufttemperaturdaten werden in einer Höhe von circa 764 Metern über dem Meer gemessen. Dort dokumentierten die Satelliten am 15. November 2025 Abweichungen von bis zu 10 Grad Celsius (Abbildung 5). Im Monatsmittel war es über der Barents- und Karasee bis zu 4,5 Grad Celsius wärmer als im Referenzzeitraum 1971 bis 2000 (Abbildung 6).

“In November hat sich in dieser Meeresregion eine Entwicklung fortgesetzt, deren erste Anzeichen sich schon im Sommer dieses Jahres andeuteten. Sowohl das Meer als auch die Atmosphäre in diesem Teil der Arktis sind seit Monaten viel zu warm”, kommentiert Dr. Klaus Grosfeld, Mitinitiator des Meereisportals, die aktuellen Satellitenmessungen. 

Abbildung 5: Darstellung der Lufttemperaturabweichungen am 15. November 2025 im Vergleich zum November-Monatsmittell aus dem Bezugszeitraum 1971-2000. Über der Karasee war die Luft gemessen auf einem mittleren Höhenniveau von 925 hPa, circa 764 Metern über dem Meer, bis zu 10 Grad Celsius wärmer als im Vergleichszeitraum.

Abbildung 6: Darstellung der gemittelten Lufttemperaturabweichungen im Monat November im Vergleich zum Novembermittel aus dem Bezugszeitraum 1971-2000. In der Region Barentssee/Karasee war die Luft gemessen auf einem mittleren Höhenniveau von 925 hPa, circa 764 Metern über dem Meer, bis zu 4,5 Grad Celsius wärmer als im Vergleichszeitraum. Noch größer waren die Temperaturabweichungen über Grönland und dem Nordosten Kanadas.

Zweitkleinste Meereisausdehnung für November

Das Zusammenspiel aus zu warmem Oberflächenwasser und auffallend hohen Lufttemperaturen hat im November 2025 jedoch nicht nur die Meereisneubildung in der Barents- und Karasee verzögert. Eine ähnliche Entwicklung gab es in der Meereisregion westlich Grönlands, in der Hudson-Bucht sowie etwas weiter nördlich im kanadischen Archipel (Abbildung 5 und 6). Alle drei Regionen wiesen im Monatsmittel deutlich weniger Meereis auf als im Langzeitmittel der Jahre 2003 bis 2014 (Abbildung 7).

Mehr Packeis als im Langzeitmittel gab es im November 2025 lediglich in der Tschuktschensee, was sich vermutlich mit der dort vorherrschenden Windrichtung erklären lässt. Im November wehte der Wind in dieser Region überwiegend Richtung Süden. Es ist daher anzunehmen, dass er das Packeis in der Tschuktschensee auseinandergeschoben hat.

Meereisrückgänge in vier Regionen des atlantisch geprägten Teils der Arktis gepaart mit nur kleinen Zuwächsen im pazifischen Teil resultieren in einer mittleren Meereisausdehnung von 9,1 Millionen Quadratkilometern – dem zweitkleinsten jemals gemessenen Novembermittelwert seit Beginn der Satellitenmessungen. Weniger arktisches Meereis gab es zuvor nur im November 2016 (Abbildung 8). Damals stieg die Meereisausdehnung dann jedoch innerhalb kurzer Zeit rasant an. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese Entwicklung im Dezember 2025 wiederholt (Abbildung 9).

Abbildung 7: Differenz der mittleren Eiskantenposition im November 2025 im Vergleich zum Langzeitmittel 2003-2014. Blau gekennzeichnet sind Meeresgebiete, in denen im November 2025 mehr arktisches Meereis existierte als im Vergleichszeitraum. Rot markierte Regionen hingegen wiesen weniger Meereis auf. Letzteres war vor allem in der Hudson-Bucht, westlich von Grönland sowie in der nördlichen Barentssee und in der Karasee der Fall.

Abbildung 8: Zeitreihe der mittleren Meereisausdehnung in der Arktis für den Monat November. Die hellblaue Linie stellt den langfristigen Trend dar. Der Mittelwert für November 2025 bleibt klar darunter.

Abbildung 9: Der Jahresgang der arktischen Meereisausdehnung im Vergleich.Blau markiert ist die Kurve für 2025. Sie verlief den gesamten November hindurch unterhalb der türkis-gefärbten Spannbreite der Minimum-Maximum-Werte aus dem Zeitraum 1981-2010. Als durchgezogene rote Linie ist die Entwicklung der Meereisausdehnung im Winter 2016/17 dargestellt. Deutlich zu erkennen: der steile Anstieg der Meereisausdehnung in der zweiten Novemberhälfte sowie im Dezember 2016.

Atmosphärenforschung auf CONTRASTS: Drohne, Brennstoffzelle und Hölzer im Gepäck

Die Atmosphärenforschenden vom AWI Potsdam haben schon viele Polarstern-Expeditionen begleitet. Wann immer das Schiff an einer Eisscholle stoppte, bauten sie ihre Messtürme für Lufttemperatur, Feuchte und Strahlungsflüsse auf oder ließen Sonden in den Himmel steigen. Ihre technischen Instrumente jedoch für mehrere Wochen allein auf einer Scholle zurückzulassen, war den Wissenschaftler:innen um Dr. Sandro Dahlke bis zur CONTRASTS-Expedition im Spätsommer 2025 nicht in den Sinn gekommen.

Abbildung 10: Atmosphärenforscher Dr. Sandro Dahlke vom AWI Potsdam leitete die atmosphärischen Messungen auf der CONTRASTS-Expedition. Foto: Alfred-Wegener-Institut / Mario Hoppmann

“Die CONTRASTS-Expedition bot uns zum ersten Mal die Chance, die Sommerschmelze auf drei sehr unterschiedlichen Eisschollen zu begleiten – vorausgesetzt, unsere Instrumente würden mehrere Wochen lang autonom messen. Denn allen Beteiligten war klar, dass wir im Gegensatz zu sonstigen Expeditionen nicht täglich auf das Eis können, um Daten auszulesen, schief stehende Türme wieder auszurichten oder die Batterien zu wechseln“, erzählt Sandro Dahlke.

Also begannen die Physiker:innen im Frühsommer, unter großem Zeitdruck ihre autonome “Met-City”, wie sie den Messaufbau nannten, zu entwickeln. Das System bestand aus einem 10 Meter hohen Messturm und einem kleineren Mast. Der große Turm war ausgestattet mit Temperatur- und Feuchtesensoren in 2, 6 und 10 Metern Höhe über dem Eis. Der kleinere bildete die sogenannte Surface-Energy-Balance-Station (Video 1).

“Mit ihr haben wir die einfallende Sonnenstrahlung gemessen, die Rückstrahlung an der Eisoberfläche, die thermische Ausstrahlung und Gegenstrahlung sowie die sensiblen und latenten Wärmeflüsse über dem Eis. Diese Größen brauchen wir, um die Oberflächenenergiebilanz zu berechnen, denn zusammengenommen sind sie verantwortlich dafür, dass das Meereis im Sommer schmilzt”, erläutert Sandro Dahlke.

Video 1: Drohnenflug über die Messstation, welche Sandro Dahlke und sein Team auf der dritten Eisscholle mit besonders altem und dicken Meereis aufgebaut hatten. Zu sehen sind der 10 Meter hohe Messturm für Lufttemperatur und Feuchte sowie der kleinere Turm für die verschiedenen Strahlungsparameter. Video: Sandro Dahlke/Alfred-Wegener-Institut

Abbildung 11: Aufbau der Met-City auf Scholle 1. Foto: Alfred-Wegener-Institut / Sandro Dahlke

Abbildung 12: Wie verankert man Spannseile auf einem schmelzenden Untergrund? Sandro Dahlke und Kolleg:innen probierten es mit Anker-Hölzern, die sie durch Bohrlöcher unter das Eis schoben und dann längs vor das Loch zogen, sodass das Seil gespannt werden konnte. Diese Konstruktion hielt aufgrund der Eisschmelze auch nicht ewig, funktionierte aber deutlich besser als normale Eisnägel. Fotos: Alfred-Wegener-Institut / Sandro Dahlke

Ausreichend Strom lieferten in jeder Met-City spezielle Batterien sowie eine Brennstoffzelle. Um die Halteseile der Messtürme spannen zu können, hatte das Team lange Hölzer im Gepäck. Diese wurden am Seilende befestigt, durch ein Bohrloch unter das Meereis geschoben und längst vor das Loch gezogen. “Perfekt war diese Lösung leider nicht, aber wir wussten, dass es auf den schmelzenden Schollen wenig Sinn machen würde, Heringe oder Eisnägel in das Eis zu hämmern”, erzählt Sandro Dahlke.

Entwicklungspotenzial sieht er im Nachhinein bei der Datensammlung: “Aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit konnten wir unsere Messdaten nur auf SD-Karten speichern, die sich in den Messinstrumenten befanden. Eine Datenübertragung per Satellit konnte leider nicht mehr realisiert werden”, so der AWI-Forscher. Hilflos mussten die Atmosphärenforschenden dann aus hunderten Meilen Entfernung zuschauen, wie das Packeis bei einem ihrer Messaufbauten im Nu auseinanderriss und sowohl die Instrumente als auch die jüngsten Daten verloren gingen.

“An der dritten Station mit besonders altem und dicken Eis hatten wir unsere Türme auf 2,7 Meter dickem Packeis aufgebaut. Alle waren überzeugt, dass dieses alte Meereis den Sommer überstehen würde. Doch nur einen Tag, nachdem Polarstern von der Scholle abgelegt hatte, brach die Scholle in mehrere Stücke auseinander und unsere zwei Türme trieben innerhalb weniger Tage meilenweit auseinander“, berichtet Sandro Dahlke.

Abbildung 13: Bei ihrem dritten Besuch an der Scholle 2 war die Eiskante so dicht an die Messtürme herausgerutscht, dass die Forschenden die Türme einmal abbauen und an einer anderen Stelle wieder neu aufbauen mussten - eine körperlich herausfordernde Arbeit. Foto: Alfred-Wegener-Institut / Phillip Eisenhuth

Abbildung 14: Schnee macht den Unterschied. Nachdem es auf die Scholle 1 geschneit hatte, stieg die Rückstrahlkraft der Schollenoberseite rasant an. Wer die beiden Bilder vom 12. und 25. Juli nebeneinander sieht, versteht, warum. Fotos: Alfred-Wegener-Institut / Sandro Dahlke

Die Expedition war für ihn und sein Team dennoch ein Erfolg.

Zum ersten Mal haben wir während der Sommerschmelze die Strahlungs- und Wärmeflüsse über einen Zeitraum von mehreren Wochen erfasst - und das gleichzeitig in verschiedenen Regionen. Dank der vielen Kameras auf dem Meereis können wir unsere Messdaten auch auf die Minute genau mit Bildern der Eisoberfläche abgleichen. Wir erkennen zum Beispiel, dass ein leichter Schneefall genügt, um die Rückstrahlkraft des Eises (Albedo) schlagartig zu erhöhen oder dass Regen die Eisoberfläche blau färbt und ihre Rückstrahlkraft dadurch deutlich sinkt

Begeistert ist er zudem von seinen Drohnenaufnahmen und -messungen bis in eine Höhe von 1.000 Metern über dem Meereis. “Wir konnten viele Messflüge durchführen und haben jetzt sowohl die Daten als auch die parallel aufgenommenen Videoaufnahmen, was großartig ist”, schwärmt er. Einige seiner schönsten Aufnahmen hat er für das Meereisportal herausgesucht (Abbildung 15, 16 & Video 2).

Abbildung 15: Foto oder Gemälde? Drohnenaufnahme des Eisbrechers Polarstern, der für Forschungsarbeiten an Scholle 3 angelegt hat. Foto: Alfred-Wegener-Institut / Sandro Dahlke

Abbildung 16: Drohnenaufnahme des deutschen Forschungseisbrechers im Packeis der nördlichen Framstraße. Im Vordergrund treibt dickes, altes Meereis. Foto: Alfred-Wegener-Institut / Sandro Dahlke

Video 2: Flug über die dritte Eisscholle und das angrenzende Packeis bei sehr guten Wetterbedingungen. Ein Anblick zum Staunen und Genießen. Video: Sandro Dahlke/Alfred- Wegener-Institut

Antarktis: Trend der geringen Meereisausdehnung setzt sich fort

Die Meereisausdehnung in der Antarktis hat im November deutlich schneller abgenommen als im langfristigen Mittel. Bewegte sich die Kurve des Jahresganges im Oktober nur knapp unterhalb der Spannbreite der Minimal- und Maximalwerte aus den Jahren 1981 bis 2010, vergrößerte sich der Abstand im November deutlich (Abbildung 17).

Am Monatsanfang betrug die Meereisausdehnung  noch 16,19 Millionen Quadratkilometer. Bis zum letzten Novembertag ist sie dann auf 12,31 Millionen Quadratkilometer gesunken - ein Rückgang von mehr als 3,88 Millionen Quadratkilometern, was fast der elffachen Fläche Deutschlands entspricht. Das Monatsmittel von 14,52  Millionen Quadratkilometern ist das viertkleinste Novembermittel seit Beginn der Satellitenmessungen (Abbildung 18).

Abbildung 17: Der Jahresgang der antarktischen Meereisausdehnung im Vergleich. Blau markiert ist die Kurve für 2025. Sie verlief den gesamten November hindurch weit unterhalb der türkis-gefärbten Spannbreite der Minimum-Maximum-Werte aus dem Zeitraum 1981-2010.

Abbildung 18: Zeitreihe der mittleren Meereisausdehnung in der Antarktis für den Monat November. Die hellblaue Linie stellt den langfristigen Trend dar. Der November 2025 platziert sich als viertkleinster Mittelwert deutlich unter der Trendlinie.

Abbildung 19: Differenz der mittleren Eiskantenposition im November 2025 im Vergleich zum Langzeitmittel 2003-2014. Blau gekennzeichnet sind Meeresgebiete, in denen im November 2025 mehr antarktisches Meereis existierte als im Vergleichszeitraum. Rot markierte Regionen hingegen wiesen weniger Meereis auf. Die Farbgebung zeigt einen deutlichen Meereisrückgang vor der Küste des Enderby-Landes. An diesen Sektor des Südlichen Ozeans schließt sich im Norden der Indische Ozean an.

Besonders auffällig sind die drastischen Meereisverluste vor der Küste des Enderby-Landes und der MacKenzie-Bucht am Amery-Schelfeis (30-90 Grad östliche Länge) (Abbildung 19). Beide Regionen liegen im Einflussgebiet des Indischen Ozeans und haben im Laufe des Novembers sowohl hohe Lufttemperaturen als auch außergewöhnlich warme Meeresoberflächentemperaturen verzeichnet. An manchen Tagen war es über dem Enderby-Land bis zu 10 Grad Celsius wärmer als im Referenzzeitraum 1991 bis 2020, wie NOAA-Lufttemperaturdaten im Climate Reanalyzer zeigen. Gleichzeitig war auch der Südliche Ozean in diesem Teil der Antarktis außergewöhnlich warm. Unsere Karte zu den gemittelten Abweichungen der Meeresoberflächentemperatur zeigt Wärmeinseln mit Abweichungen von bis zu 2 Grad Celsius (Abbildung 20 und 21).

Inwiefern die beiden Wärmesignale die Meereisschmelze in dieser Region vorangetrieben haben, kann auf Grundlage der vorhandenen Daten nicht gesagt werden. Dazu muss das lokale Wechselspiel von Meereis, Ozean und Atmosphäre genauer untersucht werden. Es deutet jedoch vieles darauf hin, dass die hohen Luft- und Wassertemperaturen hier eine wichtige Rolle gespielt haben.

Abbildung 20: Abweichungen der gemittelten Meeresoberflächentemperaturen im November 2025 im Vergleich zu den Monatsmitteln aus dem Bezugszeitraum 1971-2000. Die orangefarben bis roten Flächen vor der Ostantarktis markieren jene Region des Südlichen Ozeans, in der die Meeresoberfläche im November auffallend warm war. Türkis eingefärbt sind jene Bereiche, in denen die Meeresoberfläche vermutlich infolge der Meereisschmelze kälter war als im Vergleichszeitraum.

Abbildung 21: Darstellung der gemittelten Lufttemperaturabweichungen im Monat November im Vergleich zum Novembermittel aus dem Bezugszeitraum 1971-2000. Vor allem über der Ostantarktis sowie über dem Rossmeer war die Luft gemessen auf einem mittleren Höhenniveau von 925 hPa, circa 764 Metern über dem Meer, im November deutlich wärmer als im Vergleichszeitraum.

Ozonloch und mysteriöse Dellen am Meeresboden: Gute Nachrichten aus der Antarktis

In den zurückliegenden Wochen gab es aber auch gute Nachrichten aus der Antarktis. Zum einen fiel das diesjährige Ozonloch über der südlichen Hemisphäre erfreulich klein aus und schloss sich deutlich früher als in den sechs Jahren zuvor. Wie der europäische Klimadienst Copernicus berichtet, steigen dadurch die Hoffnungen, dass sich die Ozonschicht der Erde doch noch vollständig erholen kann. In den Jahren 2020 bis 2023 hatte sich jeweils ein auffallend großes und langanhaltendes Ozonloch gebildet.

Britische Polarforschende haben derweil ein Rätsel gelöst, welches sie seit einer Expedition in das westliche Weddellmeer im Jahr 2019 beschäftigt hat. Auf dieser Expedition hatten die Wissenschaftler:innen in der Region des ehemaligen Larsen-C-Schelfeises auffällige Dellen im Meeresboden entdeckt. Diese waren in sechs auffälligen Mustern angeordnet – mal in einer Linie, ein anderes Mal in Form eines Halbmondes oder in Form des großen U, beispielsweise (Abbildung 22).

Sechs Jahre später haben die Fachleute jetzt eine Erklärung veröffentlicht. Bei den Dellen im Meeresboden handelt es sich um Nester des Gelbflossen-Notie (Lindbergichthys nudifrons), einem bis zu 19 Zentimeter langen rot-gelblich gefärbten Antarktisfisches, von dem man weiß, dass die Männchen ihr Gelege verteidigen.

Abbildung 22: Folgende sechs Muster der Nestanordnung konnten die Forschenden identifizieren (von links oben nach rechts unten): Cluster-, Halbmond-, Linien-, Oval-, scharfes U- und Einzelnest. Collage: Connelly RB, Woodall LC, Rogers AD and Taylor ML (2025) A finding of maintained cryonotothenioid nesting sites in the Western Weddell Sea. Front. Mar. Sci. 12:1648168. doi: 10.3389/fmars.2025.1648168, CC-BY

Dass die Fische ihre Nester zur Eiablage in bestimmten Mustern anlegen, scheint eine gemeinschaftliche Schutzmaßnahme vor möglichen Fressfeinden wie Schlangensternen und Rüsselwürmern zu sein, vermuten die Wissenschaftler:innen. Jedes Männchen schützt so nicht nur sein eigenes Nest, sondern in Teilen auch die seiner Nachbarn. Neben einigen Nestern entdeckten die Forschenden sogar Steine, die auf dem ebenen Meeresboden durchaus Schutz bieten können.

Diese Entdeckung solcher Fischgelege im Weddellmeer hat nicht nur eine wissenschaftliche Bedeutung. Solche Studien werden auch herangezogen, wenn die Kommission zum Erhalt der lebenden marinen Ressourcen in der Antarktis (Commission for the Conservation of Antarctic Marine Living Resources (CCAMLR) über den Schutzgebietsantrag für das Weddellmeer diskutiert. Insofern haben die Forschenden ein weiteres Argument geliefert, das für den weiträumigen Schutz des Weddellmeeres und seiner Bewohner spricht.

 

Vielen Dank und eine friedliche Adventszeit

Das Meereisupdate November 2025 ist unser letztes Update in diesem Jahr. Wir bedanken uns für Ihr Interesse und hoffen, dass Sie uns auch im kommenden Jahr die Treue halten. Bis dahin wünschen wir Ihnen und Ihren Familien eine friedliche Adventszeit und frohe Feiertage. Wir, das Team des Meereisportals, melden uns im Januar 2026 zurück – dann mit der Rückschau auf die Meereissituation im Dezember 2025.

 

Kontakt

Dr. Sandro Dahlke (AWI)

Dr. Klaus Grosfeld (AWI)

Dr. Renate Treffeisen (AWI)

 

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Autorin

Sina Löschke (Science Writer)

www.schneehohl.net