Hören und Sehen

+++ Position 61° 49’ S, 55° 30’ W +++ Die Temperaturen steigen auf -1°C +++ Wir nähern uns der Eisgrenze
07. August 2013

Das Meereis stand im Mittelpunkt unserer Expedition. Wie entfaltet sich im antarktischen Winter das Leben im Eis und wie leben einige Tiere mit dem Eis? Der Ozean-Akustiker Dr. Lars Kindermann berichtet heute über seine Arbeit und die größten Bewohner des Weddellmeeres.

Der größte Bewohner des winterlichen Packeises ist der antarktische Zwerg- oder Minkwal, Balaenoptera bonaerensis. Mit bis zu 10 Metern Länge und 10 Tonnen Gewicht ist er ein eher kleiner Vertreter der Familie der Plankton fressenden Bartenwale. Während seine größeren Verwandten wie Blau- Fin- und Buckelwal im Winter die Antarktis meist verlassen und ihre Fortpflanzungsgebiete in subtropischen Breiten aufsuchen, hat sich die Art an das Leben im Eis dauerhaft angepasst. Wenig ist über diese Art bekannt, da die Beobachtung im Eis schwierig ist, sogar der Bestand kann nicht genauer als zwischen 360.000 und 1.000.000 Exemplaren angegeben werden, auch ob ihre Zahl steigt oder abnimmt, ist umstritten. Bekannt ist er vor allem als Ziel des umstrittenen wissenschaftlichen Walfanges einiger Nationen.

Ähnlich wie Vögel im Wald kann man Meeressäuger oft leichter anhand ihres Gesanges finden und erkennen, als sie während ihres kurzen Auftauchens zu erspähen, wobei man oftmals sogar nur die an der kalten Luft  kondensierende Wolke ihres Blas sieht. Insbesondere in der Polarnacht ist ein Beobachten dieser Tiere kaum möglich. Die Rufe mancher Wale können dagegen unter Wasser mehrere hundert Kilometer weit tragen. Deshalb sind in vielen der langfristig verankerten Messstationen des AWI im Weddellmeer und im PALAOA Observatorium an der Neumayer Station Audiorekorder installiert worden, die über mehrere Jahre hinweg die Klangkulisse des Ozeans kontinuierlich aufzeichnen. So kann dann anhand der akustischen Präsenz die raum- zeitliche Verteilung der meisten Wal- und Robbenarten rekonstruiert werden. Doch die eindeutige Zuordnung eines Geräusches zu einer Tierart und vielleicht sogar zu einem bestimmten Verhalten ist Voraussetzung, um solche Daten zu verstehen: Mindestens einmal muss man ein Tier gleichzeitig gehört und gesehen haben, um seine Laute richtig zuordnen zu können.

Für die antarktischen Zwergwale war dies bisher noch nicht gelungen. Allerdings haben die Unterwasserrekorder aber auch etliche Geräusche aufgezeichnet, die bisher noch keiner Tierart zugeordnet werden konnten. Manche davon sind nur im antarktischen Winter zu hören. Ziel der Bioakustiker an Bord ist es, einen Zusammenhang herzustellen, also Minkwale gleichzeitig zu beobachten und zu belauschen. Dazu werden Wale gesucht, traditionell vom Schiff oder Helikopter aus mit Auge und Fernglas sowie mit einer Wärmebildkamera, die die warmblütigen Tiere im -1,8° kalten Wasser auch bei Dunkelheit sichtbar machen kann. Mit einem Hydrophon, einem speziellen Unterwassermikrofon, werden gleichzeitig die Unterwassergeräusche aufgezeichnet.

Da ein fahrendes Schiff ähnlich viel Lärm erzeugt wie ein startendes Flugzeug und in unmittelbarer Nähe alle Tierstimmen übertönt, verwendet man dafür sogenannte Sonobojen, die man aus dem Helikopter oder vom Schiff aus ins Wasser wirft. Sie senken dann automatisch ein Hydrophon 300 m tief ab und übertragen 8 Stunden lang per Funk, was in der Tiefe zu hören ist. So kann man aus bis zu 30 km Entfernung von Bord aus dem Unterwasserklang lauschen. 20 dieser normalerweise von der Marine zum Aufspüren von U-Booten verwendeten Geräte wurden bisher auf der Fahrt eingesetzt und es konnten so einige bisher noch keiner Art zugeordneten Geräusche als die Lautäußerungen von antarktischen Zwergwalen identifiziert werden.

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