Theorie und Praxis

+++ Position 62° 52’ S, 53° 07’ W +++ Milde -6°C +++ Sonnenaufgang: 8:51 (UTC) +++ Sonnenuntergang: 16:34 +++ Nur noch eine Woche bis Punta Arenas
05. August 2013

Das letzte Mal haben wir gestern den Kranzwasserschöpfer mit der CTD-Sonde in das Weddellmeer ausgebracht. Insgesamt 38 CTD-Stationen können wir auf dieser Fahrt verzeichnen. Friedrich Richter, 24 Jahre alt, gehört zum CTD-Team. Vor einem Jahr hat er seine Bachelorarbeit abgegeben und ist seitdem Masterstudent im Fachbereich Meteorologie an der Universität Hamburg. Seine Eindrücke von Bord – heute im Meereisportal.

Die ersten drei Jahre Studium sind zunächst einmal nur Theorie. Praxis ist mir aber sehr wichtig. Jeder sollte sehen, dass er sein Fachgebiet nicht nur auf dem Papier beherrscht, sondern auch raus geht und die Feldarbeit sucht. Deswegen habe ich mich für einen Platz auf dieser Expedition beworben. Gemeinsam mit Matthias Krüger und Johannes Sutter teile ich eine Kammer, gemeinsam sind wir auch zuständig für den Kranzwasserschöpfer mit der CTD-Sonde.

Als Meteorologe für die Ozeanographie zu arbeiten, erweist sich als perfektes Zusammenspiel, denn um die Abläufe zwischen dem Ozean und der Atmosphäre zu verstehen, müssen alle Fachbereiche Hand in Hand Arbeiten. Mir wird bewusst, dass auf einem Forschungsschiff wie der Polarstern, die bekannten Grenzen zwischen den sonst definierten Studiengängen fließend ineinander übergehen und mir Erfahrungen und Wissen geboten wird, die ich sonst nie hätte bekommen könnte. Denn während Zuhause die Biologie auf der anderen Seite der Stadt liegen kann, arbeitet sie hier im Nachbarlabor und sagt mir, in welchen Tiefen des Ozeans die begehrte Fischart lebt, zu der alle Zustandsgrößen des Ozeans, wie Temperatur, Druck und Dichte des Wassers, abgeglichen werden müssen. Meine Ozeandaten dienen eben nicht nur der Ozeanographie, sondern werden auch von einer Vielzahl anderer Forschungsgruppen benötigt. Ich habe das Gefühl, anpacken und etwas wirklich Wichtiges der Wissenschaft beitragen zu können.

Doch wird nicht nur in den Laboren an Bord Teamarbeit großgeschrieben, sondern auch während der Eisstation wird einander geholfen. Die extremen Bedingungen des antarktischen Winters lassen jede Arbeit zu einer besonderen Herausforderung werden, weshalb bei -25 Grad jede Hand benötigt wird. Um eine flächendeckende Eis- und Schneedickenverteilung der zu untersuchenden Eisscholle zu bekommen, wird bei den Meereisphysikern auf 100 x 100 Metern geschaufelt, gebohrt und gemessen. Da auf einer mehrtätigen Eisstation keine Ozeanprofile aufgenommen werden, ist die Hilfe von uns Ozeanographen bei solchen Arbeiten auf dem Eis oft gefragt, und so habe ich die Möglichkeit, in weitere Arbeitsbereiche Einblick zu bekommen. Denn neben einem Skidoo-Transportservice, müssen zum Beispiel auch Lasermessgeräte gewärmt und Landebahnen für kleine Messflugzeuge planiert werden. Es gibt immer etwas zu tun und nach acht Wochen im Südpolarmeer ist mir bewusst, was es für mich heißt, „auf Expedition gehen“: Als Meteorologe, über die Ozeanographie, in allen Fachgebieten dabei zu sein und eine Wissenschaft zu betreiben, wie sie Zuhause nicht existiert.