Überwinterungsstrategien

+++ Position 63° 23’ S, 51° 06’ W +++ Seit über 7 Wochen unterwegs +++ Polarstern liegt an einer Scholle +++ Die letzte 4-Tage-Eisstation hat begonnen +++ Temperaturen unter -25°C
31. Juli 2013

„Keiner weiß, was sie aufweckt“, sagt Sabine Schründer. Die Meeresbiologin sitzt in einem der Laborcontainer an Bord der Polarstern, nimmt einen kleinen Copepoden mit der Pinzette aus dem Glas und legt ihn unter das Mikroskop. Copepoden sind Ruderfußkrebse, wenige Millimeter groß. Sie sind durchsichtig, nur ihre beiden Antennen, mit denen sie durchs Meer rudern, blinken wie zwei Lichtschnüre manchmal rot und grün.

Im Südpolarmeer machen die Winzlinge bis zu 80 Prozent der Zooplanktonbiomasse aus, spielen also eine wichtige Rolle im Nahrungsnetz. Wie schaffen sie es aber selbst, durch die kargen Wintermonate zu kommen? Eine der sehr häufig vorkommenden Copepodenarten hat offensichtlich eine ganz eigene Überwinterungsstrategie entwickelt. Bereits im Herbst sinken die Tiere in Wassertiefen von über 1.000 Metern. Sie fahren ihren Stoffwechsel herunter und dämmern in einer Art „Winterschlaf“ vor sich hin. Ihre Körperdichte passen sie der Dichte von Meerwasser in der Tiefe an. Mit ihren großen Fettreserven und dem geringem Energieverbrauch können sie mehrere Monate im Ozean schweben, überleben also auch ohne Futter und Licht. Was sie dazu veranlasst, wieder aufzuwachen und an die Meeresoberfläche zu rudern, weiß bis heute niemand.

Auf der letzten Winterexpedition im Jahr 2006 haben Dr. Franz Josef Sartoris und Prof. Dr. Siegrid Schiel dieses Verhalten der Copepoden bereits genauer untersucht. Sie entwickelten eine Methode, um den pH-Wert der Tiere zu messen, denn während der Schwebe-Phase ist er überraschend niedrig, gleichzeitig ist die Ammoniumkonzentration der Tiere sehr hoch. Die Biologen vermuten, dass die Kombination von niedrigem pH und hoher Ammoniumkonzentration eine wichtige Rolle bei der Regulation der Winterruhe spielt. „Für die meisten anderen Tiere wäre eine derart hohe Konzentration von Ammonium tödlich“, sagt Sabine Schründer, die ihre Doktorarbeit über die Ruderfußkrebse schreibt.

Für die Messungen muss den Tieren allerdings Blut abgenommen werden – und da sie durchsichtig sind, ist natürlich auch das Blut durchsichtig. Der kleine Copepode der gerade unter dem Mikroskop liegt, zappelt ein wenig, nur ein kleiner Pieks und die Werte können bestimmt werden. Über 800 Copepoden haben die drei Meeresbiologen Franz Josef Sartoris, Sabine Schründer und Carolin Hauer, auf dieser Fahrt bereits mit dem Multinetz gefangen und untersucht. So richtig aufwachen wollen die Tiere aber nicht; einige schlummern auch im Glas weiter vor sich hin. Licht allein kann sie wohl nicht aufwecken. Auch mit Futter ließen sie sich bisher nicht locken. Was sie aus dem Schwebezustand holt und wieder aktiv werden lässt, wird in verschiedenen Experimenten hier an Bord weiter untersucht, und auch an Land werden die Proben dieser Fahrt die Biologen noch lange beschäftigen.

Während die Zooplankton-Experten die kleinsten Tiere hier im Südpolarmeer untersuchen, hält der Ozean-Akustiker Lars Kindermann Ausschau nach den ganz großen Bewohnern des Eismeeres: den Walen. Über 20 Unterwasser-Rekorder an Verankerungen nehmen rund um das Jahr alle Geräusche im Weddellmeer auf. Viele Sounds können sehr leicht Walen und Robben oder sogar kalbenden Eisbergen zugeordnet werden. „Es gibt aber auch Geräusche, von denen wir nicht wissen, wo sie herkommen. Einige Sounds nehmen die Rekorder nur im Winter auf. Zu dieser Jahreszeit sind wir aber normalerweise nicht hier unten. Deswegen ist diese Winterexpedition eine einzigartige Gelegenheit, nicht nur Wale zu hören, sondern sie auch zu sichten und vielleicht sogar ganz bestimmten Tönen zuzuordnen“, so Kindermann.

Eine weitere Reportage gibt es auf der Internetseite National Geographic Deutschland.

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