Die perfekte Scholle

+++ Position 67° 20’ S, 23° 17’ W +++ Sonnenschein +++ Schneedrift +++ 4 Tage Eisstation +++ Temperaturen von -27°C auf milde –2°C gestiegen
15. Juli 2013

„Die perfekte Scholle gibt es nicht“, sagte ein Wissenschaftler letzte Woche kurz nach dem Frühstück. Intensive Planungen, Diskussionen, Wünsche – bei sieben Arbeitsgruppen und 49 Expeditionsteilnehmern kann es die perfekte Scholle wahrscheinlich auch nicht geben.

Die Biogeochemiker möchten möglichst weit weg vom Schiff sehr reine Proben nehmen, um in ihren Analysen Spurenelemente und das Leben im Eis zu erfassen. Dämmern die Organismen im schummrigen, antarktischen Winter vor sich hin, oder sind sie auch bei wenig Licht noch im Eis aktiv?

Die Gruppe des British Antarctic Survey hat sich ebenfalls weit weg vom Schiff ein Arbeitsfeld markiert. Innerhalb der Arbeiten zur Atmosphärenchemie machen Markus Frey und David Jones Experimente mit „wehendem Schnee“, wollen also auch möglichst ungestört sein und ein wenig Sturm, der den Schnee verweht, wäre nicht schlecht.

Die Meereisphysiker sind unkompliziert. Sie können fast überall arbeiten, möchten aber von allem etwas, um möglichst repräsentative Datensätze über die Dicke des Meereises und die Schneeauflage zu bekommen. Ein schöner Presseisrücken, auch „ridge“ genannt, sollte auf jeden Fall in der Nähe sein: In einem Kraftakt bohren sie zum Beispiel 150 Löcher in drei parallelen Strecken à 50 Meter quer zu so einem „ridge“ und messen die Dicke des Eises. Zuvor ziehen sie ihren „GEM 2“ -Schlitten über den Rücken, um ein möglichst ungestörtes Messfeld zu haben. Das Gerät misst die Dicke des Eises elektromagnetisch, erfasst so den Abstand von der Eisoberfläche zum Salzwasser unter der Scholle. Ein Presseisrücken besteht aus aufgetürmten Schollenbruchstücken, ist also keine durchgehende Eisfläche, sondern hat Hohlräume, die mit Luft und Wasser gefüllt sind. Daher ist es für die Meereisphysiker besonders interessant, wie genau das elektromagnetische Gerät diese Struktur erfassen kann. Als Vergleich dienen die gewonnen Daten aus der schweißtreibenden Bohraktion per Hand.

Sturm, Schneedrift oder gar ein Presseisrücken, sind jedoch nicht nach dem Geschmack unserer Meteorologen, die mit ihren kleinen High Tech-Fliegern die Atmosphäre vermessen. Sie wünschen sich ein glattes Flugfeld auf der Eisscholle und müssen ihre Fluggeräte gut vor Vereisung schützen. Die Ozean-Akustiker halten bei jeder Scholle Ausschau nach offenen Wasserflächen. Sie wollen ihre Hydrophone oder „Horch“-Bojen ausbringen, allerdings möglichst weit weg vom Schiff, damit sie nicht die Maschinengeräusche aufzeichnen, sondern wirklich den Walen im Südpolarmeer zuhören können.

Nach mehreren Eisstationen hat sich die „Besiedelung“ einer Scholle mittlerweile aber gut eingespielt. Die letzten vier Tage haben wir auf dem Eis gearbeitet – und vielleicht gibt es sie doch, die perfekte Scholle, denn alle waren sehr zufrieden mit den Bedingungen; jede Arbeitsgruppe konnte ein großes Pensum abarbeiten. Und während wir da so mit „Polarstern“ in der Scholle steckten, die Maschinen heruntergefahren, sind wir mit dem riesigen Eisfeld ganz sanft 23 Meilen mit wechselnden Windrichtungen umher gedriftet. Gerade brechen wir uns wieder frei. Die nächste Scholle wartet bestimmt. Ob sie ebenso perfekt sein wird? Wir sind gespannt.

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