3.2.2 Veränderungen in der Antarktis

Anders als für die Arktis erwartet man für die Antarktis, dass die Menge an Biomasse, die dem Benthos zur Verfügung steht, zunehmen wird. Der Grund dafür ist, dass vor allem in der Westantarktis die Meereisfläche seit Jahren abnimmt und damit mehr offene Wasserflächen für die Primärproduktion zur Verfügung stehen. Allein in der Westantarktis sind in den letzten 50 Jahren durch den Verlust an Meereis und den Rückzug der Festlandgletscher rund 24.000 Quadratkilometer offene Wasserflächen hinzugekommen. Dazu hat der Abbruch riesiger Eisberge und der Zerfall ganzer Schelfeisgebiete wie zum Beispiel am Larsen-B -Schelfeis  im Jahr 2002 beigetragen. Den Einfluss auf die Biologie am Meeresboden beginnt man erst langsam zu verstehen. Die mächtigen Eismassen bewirken, dass in vielen Regionen am Meeresboden permanent Dunkelheit herrscht. Geht das Schelfeis verloren, dringt Licht ein. Das führt zu einem enormen Wachstum an Algen und Tangen. Mit dem Verlust an Meereis werden nicht nur die Algenblüten zunehmen, sondern sich auch die Zusammensetzung des Zooplanktons und anderer benthischer Lebensgemeinschaften verändern (Massom et al., 2010).

Die benthischen Lebensgemeinschaften in den flacheren Küstenbereichen, die permanent von Eis bedeckt sind, setzen sich normalerweise zum großen Teil aus wirbellosen Tieren zusammen, die an die Dunkelheit angepasst sind. Nimmt die Lichtmenge zu, kommt es starken Veränderungen. Vor allem werden die Gemeinschaften der Wirbellosen jetzt durch Tang-dominierte Lebensgemeinschaften ersetzt. In Modellrechnungen kommen Experten zu dem Schluss, dass bei einem anhaltend hohen Kohlendioxidausstoß bis zum Ende dieses Jahrhunderts bis zu 79 Prozent der endemischen Benthosorganismen von diesen Veränderungen betroffen sein könnten, indem sie sich aus vielen Meeresgebieten zurückziehen. Gemittelt über fast 1.000 verschiedene Tierarten würden die Bestände im Schnitt um mindestens 12 Prozent schrumpfen. Größere Verluste wurden vor allem für die besonders stark betroffenen Bereiche um die antarktische Halbinsel und die benachbarte Scotiasee errechnet (IPCC, 2019).

Insgesamt wird erwartet, dass die Gewässer um die Antarktis künftig nicht nur mehr Algenbiomasse produzieren, sondern dass die benthischen Lebensgemeinschaften durch den starken Biomasse-Eintrag zugleich mehr Kohlenstoff binden werden (IPCC, 2019).

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IPCC, 2019: IPCC Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate [H.-O. Pörtner, D.C. Roberts, V. Masson-Delmotte, P. Zhai, M. Tignor, E.  Poloczanska, K. Mintenbeck, A. Alegría, M. Nicolai, A. Okem, J. Petzold, B. Rama, N.M. Weyer (eds)].
Cavan, E.L., A. Belcher, A. & A. Atkinson et al. (2019): The importance of Antarctic krill in biogeochemical cycles. Nat Commun 10, 4742. doi.org/10.1038/s41467-019-12668-7
Massom R. A., et al. (2010): Antarctic sea ice change and variability e Physical and ecologi-cal implications. Polar science 4, 149-186.
Lannuzel, D., L. Tedesco & M. van Leeuwe et al. (2020): The future of Arctic sea-ice bio-geochemistry and ice-associated ecosystems. Nat. Clim. Chang. 10, 983–992. doi.org/10.1038/s41558-020-00940-4
Henley, S.F. et al. (2020): Changing Biogeochemistry of the Southern Ocean and Its Ecosys-tem Implications. Frontiers in Marine Science, 7, 581.
Maribus gGmbH (Ed.) (2019): Arktis und Antarktis – extrem, klimarelevant, gefährdet. In: World Ocean Review, Band 6.
Grosfeld, K. , R. Treffeisen & S. Löschke (2020): DriftStories aus der zentralen Arktis - Ein Jahr, eine Scholle - Meereisforschung extrem / K. Grosfeld , R. Treffeisen and S. Löschke (editors), Bremerhaven, REKLIM - Helmholtz-Verbund Regionale Klimaänderungen und Mensch, 106 p., ISBN: 978-3-9822680-0-2.