1.6.2 Vogelwelt der Antarktis

Die Vögel in der Antarktis südlich der Antarktischen Konvergenz können in drei verschiedene Gruppen eingeteilt werden. Gruppe 1 umfasst Meereis-assoziierte Vogelarten („Eis-abhängige Arten“). Sie leben ganzjährig mit dem Eis. Gruppe 2 umfasst Vögel, die auf offener See leben und das Eis meiden. Gruppe 3 umfasst Arten, die ebenfalls auf offener See leben, jedoch Eis tolerieren. Im Sommer finden sie sich häufig an Eisrändern um den antarktischen Kontinent ein, sind von dem Eis aber nicht wirklich abhängig (David et al., 2017).

Im Südpolarmeer südlich von 40 ° S wurden über 130 verschiedene Arten fliegender Seevögel aus neun Familien in drei Ordnungen erfasst (Ropert-Coudert et al., 2014). Viele von ihnen kommen aber nur in geringer Anzahl vor. Die meisten antarktischen Vögel sind echte Seevögel und verbringen die meiste Zeit des Jahres auf dem Meer, das ihnen fast ausnahmslos als Nahrungsquelle dient. Die Familien, die die antarktische Meeresavifauna am besten vertreten, sind Röhrennasen (Procellariiformes) eingeschlossen Albatrosse (Diomedeidae), Sturmvögel (Procellariidae) und Tauchsturmvögel (Pelecanoides). Die Suliformes sind eine Ordnung der Vögel, die durch die Kormorane (Phalacrocoracidae) repräsentiert werden. Die Ordnung der Regenpfeiferartigen (Charadriiformes) werden durch Skuas (Stercorariidae) und zu einem geringeren Umfang durch Möwen und Seeschwalben aus der Familie der Möwenverwandte (Laridae) vertreten (Ropert-Coudert et al., 2014). Eine Liste der antarktischen Vogelwelt kann hier gefunden werden. Die antarktischen Sturmvögel sind während ihres gesamten Jahreszyklus eng mit Eisbergen und / oder offenen Gewässern verbunden, die den großen saisonalen Meereisbewegungen folgen. Antarktische Sturmvögel suchen im Allgemeinen in enger Verbindung mit Meereis, kalten Wassermassen und Eisbergen nach ihrem Futter. Daher kann jede Änderung der Eislandschaft unmittelbare Folgen für die Sturmvogelpopulation haben (Delord et al., 2020).

Vier der antarktischen Arten leben sehr eng und ganzjährig mit dem Meereis zusammen: Antarktisturmvogel (Thalassoica antarctica), Schneesturmvogel (Pagodroma nivea), Adeliepinguin (Pygoscelis adeliae) und die Kaiserpinguine (Aptenodytes forsteri). Ihre Anatomie, Physiologie und ihr Verhalten ist sehr an das Leben mit dem Meereis angepasst.

Pinguine

Die Charaktervögel der Antarktis sind die flugunfähigen Pinguine. Zu ihnen gehören Adeliepinguine (Pygoscelis adeliae) und die Kaiserpinguine (Aptenodytes forsteri). Obwohl es sich um Seevögel handelt, werden Pinguine getrennt von den anderen Seevögeln behandelt. Pinguine haben die Fähigkeit zu fliegen verloren, als sie sich zu hoch spezialisierten Tauchern entwickelten. Mit ihren zu Flippern umgebildeten Flügeln sind sie ideal an das Wasserleben angepasst. Ihr „Unterwasserflug“, die Stromlinienform und ihre Wendigkeit beim Schwimmen und Tauchen ermöglichen es ihnen, ihre Hauptbeutetiere, Krill, Fische oder Tintenfische zu erjagen, aber auch ihren Hauptfeinden, dem Seeleopard und dem Schwertwal meist zu entfliehen (Peter, 2014). Nur zur Fortpflanzung und zur Mauser kommen sie an Land bzw. auf das Eis. Ihre dichten Knochen und flossenartigen Flügel ermöglichen es ihnen, wiederholt in große Tiefen zu tauchen, wodurch sie einen viel größeren Teil der Wassersäule im Vergleich zu den meisten anderen Seevögeln nutzen können (Ropert-Coudert et al., 2014). Adeliepinguine (Pygoscelis adeliae) und die Kaiserpinguine (Aptenodytes forsteri) können die Luft sehr viel länger anhalten als andere, in der Größe vergleichbare und im offenen Wasser lebende Arten. Das ermöglicht es ihnen, dass sie unter Eisschollen beachtliche Strecken zur Futtersuche zurücklegen können. Das ist ein großer Vorteil gerade im Winter, wenn das einzige wachsende Phytoplankton, also die Nahrung ihres Futters, unter den Eisschollen zu finden ist (Ainley et al., 2003).

Obwohl Pinguine gut an die harschen Lebensbedingungen der Antarktis angepasst sind, bleiben diese eine Herausforderung. Gebiete, die fernab von zugänglichen Wasserstellen liegen oder über den Winter und Frühling lange Zeit stark mit Eis bedeckt sind, verhindern den Zugang zum Wasser und zur Nahrung. Besonders nach der Energie zehrenden Brutzeit müssen die Tiere aber so schnell wie möglich wieder ihre Fettreserven auffüllen. Sind die Wasserstellen weit entfernt, müssen die Vögel große Distanzen zurücklegen, um an die Eiskante des Küsteneises zu gelangen. Damit kann der Bruterfolg rapide abnehmen.

Die größten Pinguine sind die 0,8–1 m großen Kaiserpinguine, die zu Beginn des antarktischen Winters im März / April zu ihren Brutplätzen auf dem antarktischen Kontinent zurückkehren. Das ca. 450 g schwere Ei wird vom Weibchen an das Männchen übergeben. Das Männchen bebrütet das Ei nun allein auf den Füßen, geschützt durch eine befiederte Hautfalte, 60–66 Tage lang auf dem Eis, und das bei Temperaturen bis - 40 °C und Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 km/h. Mitte Juli schlüpfen die Küken und werden nun von den zurückkehrenden Weibchen betreut und gefüttert. Die Männchen – sie haben in diesen vier Monaten seit Beginn der Brutsaison bis zu ein Drittel des Körpergewichts verloren – wandern zum Meer, um sich voll zu fressen und dann mit neuer Nahrung zu den Jungen zurückzukehren (Peter, 2014). Die Population der Kaiserpinguine wurde 2009 auf circa 238.000 Brutpaare geschätzt (Fretwell et al., 2012).

Neben Kaiserpinguinen sind Adéliepinguine die einzigen Pinguine, die in der Mehrzahl auf dem antarktischen Kontinent brüten. Ihre Kolonien sind über alle Küsten des Kontinents sowie über die umliegenden Inseln verbreitet. Adéliepinguine brüten im südhemisphärischen Sommer zwischen Oktober und März. Der Adéliepinguin ist ein sensitiver Indikator für die Variabilität der physikalischen und biologischen Umweltparameter. Ihre Nahrungssuche hängt extrem stark von den Meereisbedingungen ab (Ropert-Coudert et al., 2014). Adéliepinguine finden optimale Winterbedingungen bei einer mittleren Eisbedeckung von ungefähr 15 %. Im Frühling und Sommer findet ihre Nahrungssuche vorwiegend an der Eisrandzone mit einer Eisbedeckung von 6 bis 15 % statt (Ainley et al., 2003). Die antarktische Population der Adéliepinguine wurde auf circa 3.790.000 Brutpaare geschätzt und ist damit um circa 50 % größer als bei Schätzungen 20 Jahre davor (Lynch und LaRue, 2014).

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David, A., E. J. Woehler & A. Lescroël (2017): Birds and Antarctic sea ice, In: D. N. Thomas (ed.), Sea Ice, 3rd edition, Wiley-Blackwell, Chichester (UK) Hoboken (NJ), pp.  570-582
Delord, K., A. Kato, A. Tarroux, F. Orgeret, C. Cotté, Y. Ropert-Coudert, Y. Cherel & S. Descamps (2020): Antarctic petrels ‘on the ice rocks’: wintering strategy of an Antarctic seabirdR. Soc. open sci.7191429, doi.org/10.1098/rsos.191429
Fretwell P. T., M. A. LaRue, P. Morin, G. L.  
Kooyman, B. Wienecke & N. Ratcliffe N et al. (2012): An Emperor Penguin Population Estimate: The First Global, Synoptic Survey of a Species from Space. PLoS ONE 7(4): e33751. doi.org/10.1371/journal.pone.0033751
H. J. Lynch & M. A. LaRue (2014): First global census of the Adélie Penguin, The Auk, Volume 131, Issue 4, 1 October 2014, pp. 457–466, doi.org/10.1642/AUK-14-31.1

Peter, H. U. (2014: Die Vogelwelt der Polarregionen und ihre Gefährdung, In: Lozán, J.L., H.Grassl, D.Notz & D.Piepenburg (eds.): WARNSIGNAL KLIMA: Die Polarregionen. Wissenschaftliche Auswertungen, Hamburg. 376 pages. ISBN: 978-39809668-63, pp. 169-176
Ropert-Coudert, Y., M. A. Hindell, R. Phillips, J.-B. Charrassin, L. Trudelle & B. Raymond (2014): Birds and Mammals. In: de Broyer C, Koubbi P, Griffiths H, Raymond B et al. (eds) The Biogeographic Atlas of the Southern Ocean. Scientific Committee on Antarctic Research, Cambridge UK, pp. 364-387. ISBN: 978-0-948277-28-3
Ainley, D.G, C. T. Tynan & I. Stirling (2003): Sea ice: A critical Habitat for Polar Marine Mammals and Birds, In: D. N. Thomas (ed.), Sea Ice, 3rd edition, Wiley-Blackwell, Chichester (UK) Hoboken (NJ), pp. 240-266