1.6.1 Vogelwelt der Arktis

1.6.1 Vogelwelt der Arktis

Das Meereis ist für viele marine Vogelarten ein wichtiger Lebensraum und interagiert auf vielfältige Weise mit Seevögeln. Einerseits ermöglicht das Meereis den Zugang zu einem zuverlässigen Nahrungsnetz, das mit den Lebensräumen des Meereises verbunden ist. Andererseits kann das Meereis eine physikalische Barriere darstellen, die die Versorgung mit Nahrung behindern kann. Das bedeutet, dass zu viel Eis, oder Eis am falschen Platz oder am richtigen Platz zur falschen Zeit, für Seevögel verheerend sein kann, wenn sie vollständig davon abhängig sind, in saisonal gefrorenem Meereis Nahrung zu finden. Viele Vogelarten folgen im Laufe des Jahres daher der Bewegung des Meereises. Mehr noch: Die Variabilität des Meereises hat einen erheblichen Einfluss auf ihren Lebenszyklus. Die Wanderrouten der Vögel, Brutzeiten, die Platzierung ihrer Kolonien, die Nahrungssuche und auch der Erfolg der Reproduktion und die Populationsgröße hängen von der Lage des Meereises, seinem Wachstum oder der Schmelze ab.

Die marine Vogelwelt der Arktis ist eine vielfältige Ansammlung von Arten. Es finden sich hier die höchsten Brutdichten von Seevögeln der Nordhemisphäre. Jeden Frühling ziehen Millionen von Vögeln in den Norden, um dort zu brüten (Karnovsky und Gavrilo, 2017).

Während es in der Antarktis nahezu keine Landvögel gibt, brüten nördlich des arktischen Polarkreises mehr als 150 Arten. Nur wenige Arten überwintern in der Arktis. Bei diesen acht Arten handelt es sich um Spornammer, Schneeammer, Polarbirkenzeisig, Birkenzeisig, Alpen- und Moorschneehuhn sowie Kolkrabe und Schneeeule. Der überwiegende Teil der arktischen Vogelwelt sind Zugvögel, unter ihnen vorwiegend z. B. Watvögel, Wasservögel (Seetaucher, Enten, Gänse und Schwäne) sowie Greifvögel. Diese Vogelarten ziehen nach dem Ende Brutzeit in den Süden und kehren erst im Frühling wieder in die Arktis zurück. Insofern verändern sich die Zahl der Vögel und die Artenvielfalt im Laufe eines Jahres recht stark. Ein Rekordhalter ist die Küstenseeschwalbe, die in einem Jahr eine Strecke von bis zu 80.000 Kilometern zurücklegt und dabei zwischen der Arktis und der antarktischen Polarregion pendelt (Peter, 2014; Fijn et al., 2013). Außerdem gehören zu den arktischen Arten auch etwa 50 Arten an Seevögeln. Dazu gehören vor allem Möwen, Raubmöwen, Seeschwalben, Lummen, Sturmvögel und Kormorane. Manche der arktischen Vogelarten kommen rund um die Arktis vor, andere nur im atlantischen oder pazifischen Sektor.

Da der Sommer in der Arktis kurz ist, haben die Vögel nur eine kurze Zeit, ihren Nachwuchs groß zu ziehen. In der Regel sind es nur zwei Monate zwischen der Ankunft in den Brutkolonien und dem Zeitpunkt, wo die Küken die Nester verlassen können. Das Aufziehen der Küken ist für die erwach-senen Vögel ein wahrer Kraftakt. Das Meereis beeinflusst die Nahrungsverfügbarkeit für Seevögel in verschiedener Weise (Karnovsky und Gavrilo, 2017):

  • Es fördert eine hohe Primärproduktion, indem es den Nährstoffen ermöglicht, sich in nährstoffarmen Gewässern wiederaufzubauen.
  • Eisalgen und abgestorbenes Phytoplankton sinken zum Benthos und liefern dort einen wichtigen Beitrag für die Muschelgemeinschaften, die eine wichtige Nahrungsquelle der Meerenten sind.
  • Es hat sich eine spezialisierte Gemeinschaft von Fischen und Krebstieren mit dem Meereis entwickelt, die eine wesentliche Nahrungsquelle der Seevögel darstellt.
  • Meereis dient darüber hinaus als eine wichtige Plattform zum Ausruhen während Nahrung verdaut wird.

Manche Vogelarten nutzen Polynien und sich periodisch öffnende Wasserwege zwischen dem Festeis und Packeis, um Nahrung zu suchen. Diese ermöglichen den Seevögeln einen sicheren Zugang zu ihren Nahrungsquellen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass entlang der Küsten in der Nähe von Polynjen die größten Brutkolonien der hohen Breiten existieren.
Die Wanderung der Seevögel ist eng abgestimmt auf bestimmte Zeitpunkte im Jahr, wenn die Nahrung für sie zur Verfügung steht. Verändern sich die Öffnungszeiten von Polynjen oder der Rückzug des Meereises im Allgemeinen, führt dies zu einer Diskrepanz zwischen dem Nahrungsangebot und der Ankunft der Seevögel. Bei vielen Arten hängt der Beginn der Brutzeit sehr stark von der Frühjahrsschmelze des Meereises ab. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Erfolg der Brutzeit von den Startbedingungen abhängen kann.

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Karnovsky N. J. & M. V. Gavrilo (2017): A feathered perspective: the influence of sea ice on Arctic marine birds, In: D. N. Thomas (ed.), Sea Ice, 3rd edition, Wiley-Blackwell, Chichester (UK) Hoboken (NJ), pp. 556-569.
Peter H. U. (2014): Die Vogelwelt der Polarregionen und ihre Gefährdung, In: Lozán, J.L., H.Grassl, D.Notz & D.Piepenburg (2014): WARNSIGNAL KLIMA: Die Polarregionen. Wissenschaftliche Auswertungen, Hamburg, ISBN: 978-39809668-63, pp. 169-176.
Eamer, J., G. M. Donaldson, A. J. Gaston, K. N. Kosobokova, K. F. Lárusson, I. A. Melnikov, J. D. Reist, E. Richardson, L. Staples & C. H. von Quillfeldt (2013): Life Linked to Ice: A guide to sea-ice-associated biodiversity in this time of rapid change. CAFF Assessment Series No. 10. Conservation of Arctic Flora and Fauna, Iceland.
ISBN: 978-9935-431-25-7.
Fijn R.C., D. Hiemstra, R. A. Phillips & J. van der Winden (2013): Arctic Terns Sterna paradisaea from The Netherlands migrate record distances across three oceans to Wilkes Land, East Antarctica. Ardea 101: pp. 3–12.