1.5.6 Wale in der Arktis

In der Arktis leben 17 verschiedene Arten von Walen. Jedoch nur drei Walarten kommen dort das ganze Jahr vor: der Narwal (Monodon monceros), der Belugawal (Delphinus leucas) und der Grönlandwal (Balaena mysticetus). Diese drei, permanent im Arktischen Ozean lebenden Wale sind sehr unterschiedlich hinsichtlich ihrer Lebensweise und ihrer Verbreitung. Entscheidend für die Wale der Polarmeere ist, dass das Treib- und Packeis noch offene Rinnen aufweisen und die Eisdecke nicht viel dicker ist als 30 cm. Solange kann z. B. der Grönlandwal sie noch mit seinem klobigen Kopf und Rücken durchstoßen und sich Atemlöcher erzeugen. Bei allen drei Walarten fehlt die kleine Rückenfinne, was das Schwimmen unter dem Eis wesentlich erleichtert. Ein solcher Gewebelappen auf dem Rücken, wie ihn schnell schwimmende Furchenwale oder Delfine als Stabilisator tragen, würde beim Manövrieren in und unter dem Eis Verletzungsgefahr mit sich bringen (Deimer-Schütte, 2014). Der Grönlandwal gehört zur Gruppe der Bartenwale (Mysticeti), während die anderen beiden Arten zu den Zahnwalen (Odontoceti) zählen. Wie der Name sagt, unterscheiden sich diese beiden Walgruppen insbesondere durch die unterschiedliche Form ihres Gebisses – die Barten und die Zähne. Ein weiterer Unterschied ist die Zahl der Blaslöcher. Die Zahnwale haben nur ein Blasloch, während die Bartenwale zwei haben. Bei den Bartenwalen hängen von beiden Seiten ihres langen und gewölbten Oberkiefers Hornplatten, die Barten, herab. Sie bestehen aus ähnlichem Material wie die Fingernägel beim Menschen oder die Außenseite des Horns beim Rind. Sie fransen zu den Enden hin borstenartig aus. Die Wale filtern mit Hilfe der Barten kleine bis winzige Lebewesen (meist tierisches Plankton und kleinere Meerestiere) aus dem Wasser. In den oberen Schichten der kalten Gewässer um die Pole herum finden sich dichte Schwärme dieser Tiere. Die Wale gleiten mit offenem Mund durch diese Schwärme und nehmen dabei viel Wasser auf. Dann schließen sie ihr Maul und drücken das Wasser mit der Zunge durch die Barten wieder nach außen. Die winzigen Lebewesen verfangen sich aber in den Barten und werden als Ganzes geschluckt. Wenn man bedenkt, wie groß diese Wale werden können und dass sie zum Nahrungserwerb nur die Barten zur Verfügung haben, dann ist dies ein sehr wirkungsvolles Instrument. Die längsten Barten (mit bis zu 4,5 Metern) hat der Grönlandwal. Bei ihm ist der Oberkiefer so stark gewölbt, dass selbst die längsten Barten noch ins Maul passen (Dow, 1992).

Zahnwale sind aktive Jäger, die ihre Zähne zum Fangen und Festhalten ihrer Beuteorganismen einsetzten. Ihre Beutetiere sind in der Regel wesentlich größer als die der Bartenwale und reichen von diversen Fischarten über Tintenfische bis hin zu anderen Meeressäugern. Die meisten Wale sind äußerst gesellige Tiere mit einem hoch entwickelten Sozialverhalten, nur wenige Arten leben paarweise oder als Einzelgänger. Die Walgruppen, auch als Walschulen bezeichnet, bestehen dabei meistens aus zehn bis 50 Tieren. Mehr Informationen zu den meisten Walen finden sich hier auf den Seiten der Internationalen Walfangkommission.

Narwal (Monodon monceros)

Narwale (Monodon monceros) sind diskontinuierlich um den Nordpol verbreitet. Diskontinuierlich bedeutet hier, dass sie hauptsächlich im atlantischen und selten im Pazifischen Teil des Arktischen Ozeans vorkommen. Narwale können eine Länge um die 5 m erreichen und 1600 kg schwer werden. Das sind die Daten für männliche Tiere, die Weibchen sind etwas kleiner und leichter Ihre Zahl wird auf etwa 100.000 Tiere geschätzt jedoch sind Bestandszahlen je nach Literatur sehr unterschiedlich (Laidre und Regehr, 2017). Das hervorstechendste Merkmal der Narwale ist der zwei bis drei Meter lange Stoßzahn, den die meisten männlichen Narwale, aber nur wenige weibliche Individuen tragen. Sie kommen in der östlichen kanadischen Arktis und um West- und Ostgrönland, bei Spitzbergen und um die Inselgruppe Franz-Joseph-Land nördlich von Russland vor. Im Jahresverlauf folgen sie dem Meereis. Sie können sehr tief tauchen und sind perfekt an das Leben im Arktischen Ozean angepasst. Ihre Beute sind der Polar- und Grönlanddorsch sowie Tiefseekalmare. Die Narwale sind die einzigen Wale, die im Winter bis zu sechs Monate in Gebieten leben, die von dickerem Meereis bedeckt sind. Hier bevorzugen sie Meeresregionen mit großen Tiefen entlang des Kontinentalhangs. Im Sommer halten sie sich vor allem in eisfreien Buchten und Fjorden in der Hocharktis auf. Doch bereits im Herbst wandern sie wieder in ihre Überwinterungsgebiete. Während des Sommers nehmen Narwale vergleichsweise wenig Nahrung auf. Die Hauptphase der Nahrungsaufnahme ist die Zeit von November bis März. Hier jagen sie in den Packeisgebieten. Der Narwalnachwuchs wird im Frühling geboren (Laidre und Regehr, 2017).

Belugawal (Delphinapterus leucas)

Auch der Belugawal (Delphinapterus leucas) ist um den Nordpol verbreitet. Sie können eine Länge um die 5 m erreichen und 1600 kg schwer werden. Die erwachsenen Tiere besitzen eine schneeweiße Färbung, weshalb sie auch Weißwal genannt werden. Sein Bestand wird auf rund 200.000 Tiere geschätzt, aufgeteilt auf mindestens 21 Subpopulationen (Lowry et al., 2017). Große Populationen gibt es in der östlichen Beringsee, der östlichen Beaufortsee und der westlichen Hudson-Bucht. Hier bewohnen die Belugawale Flussmündungsgebiete und die Gewässer über dem Kontinentalschelf oder Kontinentalhang. Es kommt aber auch vor, dass Belugawale in tiefere Ozeanbecken schwimmen – unabhängig davon, ob diese von einjährigem Meereis bedeckt oder offen sind. Manche Belugawale nehmen weite Reisen zwischen den Sommer- und Winterhabitaten auf sich, andere halten sich eher ganzjährig im gleichen Gebiet auf. Letztere verlassen die Küstengewässer in der Regel erst dann, wenn im Winter die Küste zufriert und sich Festeis bildet. Wandernde Belugas gelangen bis in die Gewässer westlich und nördlich von Alaska und in die kanadische Hocharktis. Die Tiere ernähren sich überwiegend von pelagischen oder benthischen Fischen, Tintenfischen oder Flohkrebsen (Laidre und Regehr 2017). Sie können im Sommer in sehr großen Gruppen von mehreren Tausend Tieren vorkommen. Den Zusatz „Kanarienvögel“ der Meere haben sie erhalten, da sie sehr vokalisationsfreudig sind und ein großes Lautrepertoire haben.

Grönlandwal (Balaena mysticetus)

Der Grönlandwal erreicht eine Länge zwischen 15 und 18 m und ein Gewicht zwischen 75 bis 100 Tonnen. Grönlandwale können sehr alt werden – geschätzt wird bis zu 200 Jahre (George et al., 199; Keane et al., 2015; Wetzel et al., 2017). Die Population der Grönlandwale (Balaena mysticetus) besteht aus geschätzt ca. 25.000 Tieren. Insgesamt gibt es vier Subpopulationen: zwei größere in der Region Bering-, Tschuktschen- und Beaufortsee sowie im Gebiet zwischen Kanada und Grönland, und zwei kleinere Populationen in der Region zwischen Spitzbergen und der Barentssee sowie im Ochotskischen Meer. Die Grönlandwale sind wie die Belugawale rund um den Nordpol verbreitet und halten sich das ganze Jahr über im Arktischen Ozean auf. Die mit ca. 17.000 Grönlandwalen größte Gruppe lebt in der Region Bering-, Tschuktschen- und Beaufortsee. Die Population in Gewässern um Grönland ist durch den Walfang drastisch geschrumpft und wurde an manchen Orten sogar ausgerottet.

Die Grönlandwale wandern zwischen Winter und Sommer von subarktischen Gewässern in hocharktische Gewässer. Während ihrer Wanderungen durchqueren sie auch Gebiete mit fast kompletter Eisbedeckung. Im Winter und im frühen Frühling halten sie sich vorwiegend in Polynien oder an Eisrandzonen auf. Die Wale sind stark genug, um durch feste Eisdecken von bis zu 45 Zentimetern Dicke zu brechen. Die Grönlandwale sind gut an ihren Lebensraum im und am Eis angepasst. Im Spätsommer und Herbst, wenn das Meereis weit von der Küste entfernt ist, suchen sie aber auch im offenem Wasser nach Beute (Moore et al., 2010). Grönlandwale sind Bartenwale und fressen Zooplankton. Sie sind der größte und dominanteste Zooplanktonkonsument im Arktischen Ozean. Ihre Nahrung besteht aus Krebstieren, wie Ruderfuß- und Flohkrebsen, die im freien Wasser oder auf dem Meeresboden leben (Laidre und Regehr, 2017).

Alle 5–15 min kommt ein Grönlandwal an die Oberfläche zum Atmen – zum Blasen. Er kann aber auch 40 Minuten lang tauchen. Besonders tief tauchen muss er nicht, da seine Nahrungsquellen das nicht unbedingt erfordern. Grönlandwale können aber nach Nahrungsverfügbarkeit und Jahreszeit auch wesentlich tiefer tauchen (über 400 m wurden schon gemessen). Wissenschaftler vermuten, dass Grönlandwale auf ihren Wanderungen mit einem Stakkato modulierter Töne im Frequenzbereich um 50–300 Hz ihre Umgebung, die Eisdecke und –dicke akustisch abtasten. Und das derartig präzise, dass sie höchst selten die Orientierung verlieren.

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Deimer-Schütte P. (2014): Warnsignale Walfang. In: Lozán, J.L., H.Grassl, D.Notz & D.Piepenburg eds.: Warnsignal Klima: Die Polarregionen. Wissenschaftliche Auswertungen, Hamburg. 376 Seiten. ISBN: 978-39809668-63, pp. 192-199.
Dow L. (1992): Wale Großtiere dieser Welt, Jahr-Verlag Hamburg, ISBN: 3-921789-58-3, Auflage 1992
Laidre K. & E. V. Regehr (2017): Arctic marine mammals and sea ice., In: D. N. Thomas (ed), Sea Ice, 3rd edition, Chapter 21, pp. 518-521
George, J.C., J. Bada, J. E. Zeh, L. Scott, S. E. Brown, T. O'hara &R. S. Suydam (1999): Age and growth estimates of bowhead whales (Balaena mysticetus) via aspartic acid racemization. Canadian Journal of Zoology 77, pp. 571-580.
Keane, M., J. Semeiks, A. E. Webb, Y. I. Li, V. Quesada, & T. Craig (2015):
Insights into the evolution of longevity from the bowhead whale genome. Cell Reports 10(1), pp. 112-122.
Lowry, L., R. Reeves & K. Laidre (2017): Delphinapterus leucas. The IUCN Red List of Threatened Species 2017: e.T6335A50352346.
http://dx.doi.org/10.2305/IUCN.UK.2017-3.RLTS.T6335A50352346.en
Wetzel, D.L., J. E. Reynolds III, P. Mercurio, G. H. Givens, P. L. Pulster, & J. C. George (2017): Age estimation for bowhead whales (Balaena mysticetus) using aspartic acid racemisation with enhanced hydrolysis and derivatisation procedures. Journal of Cetacean Research and Management 17, pp. 9–14