1.5.5 Robben in der Antarktis

Die einzigen in der Antarktis lebenden Säugetiere sind Robben und Wale. Die meisten Robben der Antarktis zählen zu den Hundsrobben. Das Leben der Weddellrobbe (Leptonychotes weddellii), der Krabbenfresserrobbe (Lobodon carcinophaga), des Seeleoparden (Hydrurga leptonyx) und der Rossrobbe (Ommatophoca rossii) ist eng mit dem Meereis verbunden. Der südliche See-Elefant (Mirounga leonina) und die antarktische Pelzrobbe (auch antarktischer Seebär; Arctocephalus gazella) gebären ihre Jungen entlang der Küsten der antarktischen und subantarktischen Inseln und ziehen von dort jahreszeitabhängig bis in die von Meereis bedeckten Gebiete des Südpolarmeers zur Nahrungssuche. Alle diese Robbenarten unterscheiden sich deutlich voneinander.

Weddellrobbe (Leptonychotes weddellii)

Die Populationen der Weddellrobbe (Leptonychotes weddellii) konzentrieren sich auf das zirkumpolare, küstennahe Festeis der Antarktis. Die Tiere verteilen sich um natürliche Risse und Spalten und um Eislöcher herum, die sie auch im Winter mit Hilfe ihrer Zähne offenhalten. Sie können eine Länge von mehr als 3 Metern und ein Gewicht von 550 kg bei einem Lebensalter von um die zwanzig Jahre erreichen. Die Weibchen sind etwas größer als die Männchen. Eine Schätzung über die Anzahl der Weddellrobben beläuft sich auf etwa 800.000 bis 1.000.000 Tiere (Thomas und Terhune, 2009).

Die Weddellrobbenweibchen gebären ihre Jungen in den residualen Festeisgebieten, in Abhängigkeit von der geographischen Breite, in der Zeit von September bis November. Die Stillzeit beträgt 7 bis 8 Wochen, an deren Ende sich die Paarungszeit anschließt. In der Zeit von etwa Mitte Januar bis Anfang März wechseln sie ihr Haarkleid. Die Tiere sind relativ standorttreu und finden ihre Nahrung, hauptsächlich Fisch und Tintenfisch, zumeist im Umfeld von etwa 50 bis 100 Kilometern von den Festeisgebieten. Einzelne Individuen entfernen sich auch deutlich weiter und folgen im Winter der Ausdehnung des Packeises. Zur Fortpflanzungszeit im Südfrühsommer aggregieren sich die Weddellrobben in lockeren Gruppen von bis zu einigen Hundert Tieren im küstennahen Festeis entlang von Presseisrücken oder an offenen Stellen im Eis, die durch die Gezeiten entstehen und ihnen auf diese Weise Zugang zum Eis bzw. zum Wasser gewähren. Vornehmlich im Sommer ruhen die Robben nach ihren Tauchgängen für jeweils einige Stunden auf dem Eis. Gelegentlich findet man Einzeltiere auf großen Schollen, manchmal auch Kleingruppen und in seltenen Fällen größere Ansammlungen von bis zu 60 Tieren (Bester et al., 2017). Weddellrobben können sehr tief tauchen. Die Rekorde liegen bei Tauchgängen mit einer Dauer von um die 80 Minuten und 600 Metern Tiefe. In der Regel bewegen sie sich aber in Tiefen von 100 bis 300 Metern (Bester at al., 2017).

Krabbenfresser (Lobodon carcinophaga)

Der Krabbenfresser (Lobodon carcinophaga) ist rings um den antarktischen Kontinent zu finden. Die Robbenart ist vorwiegend mit dem Packeis assoziiert. Im Laufe des Jahres folgen die Tiere der Ausdehnung des Packeis. Im Südsommer hat dieses eine geringere Ausdehnung als im Winter, sodass die Robben zur Sommerzeit näher an den Küsten anzutreffen sind als im Winter (Bester et al., 2017).

Die Jungtiere werden je nach Region meist zwischen Oktober bis in den Dezember hinein geboren. Auf die Zeit der Geburt folgt im von Dezember bis in den frühen Januar die Paarungszeit. Der Fellwechsel findet zwischen Januar und Februar mitunter auch im März statt. Krabbenfresser sind eher Einzelgänger. Gelegentlich werden auf dem Eis aber auch Tiere in kleinen, und seltener auch größeren Gruppen von an die 30 Tieren beobachtet. Im Wasser schließen sich die Tiere teilweise in kleineren Gruppen zusammen. Es liegen jedoch auch Berichte über Beobachtungen von Gruppen mit bis zu 500 Tieren vor (Bester et al., 2017).

Krabbenfresser erreichen in der Regel eine Länge von rund 2,70 Metern und ein Gewicht von mehr als 200 Kilogramm. Extrem schwere Tiere können aber sogar bis zu 400 Kilogramm wiegen. Genauso wie bei den Weddellrobben werden die Weibchen der Krabbenfresser größer als die Männchen. Die Robben können maximal 40 Jahre alt werden. Im Durchschnitt erreichen sie ein Alter von 20 bis 25 Jahren (Bester et al., 2017).

Die Robben legen kurze Tauchgänge von etwa fünf Minuten zurück, in denen sie mittlere Tiefen zwischen 40 und 140 Metern erreichen. Forscherinnen und Forscher konnten aber auch schon extreme Tauchtiefen von mehr als 700 Metern nachweisen (Bester et al., 2017). Die Tauchtiefe hängt insbesondere von dem Vorkommen ihrer Beutetiere ab, die in der Wassersäule im Tagesverlauf auf- und absteigen. Dazu gehört vor allem der antarktische Krill, der den wesentlichen Teil ihrer Nahrung ausmacht und, wenn auch missdeutend (Krill ist eine Garnelenart) namensgebend für die Art gewesen ist. Krabbenfresser haben eine einzigartige Anpassung ihres Gebisses an ihre Ernährung. Mit ihren speziellen, läppchenartig ineinandergreifenden Backenzähnen können sie die Krustentiere aus dem Wasser filtern. Ähnlich den Barten von Walen sind die Zähne siebartig aufgefächert. Auf diese Weise wird das Wasser zwischen ihren Zähnen herausgedrückt und Krill auf der Innenseite einfangen. Man schätzt, dass im südlichen Polarmeer zwischen 7 und 15 Millionen Krabbenfresser leben (Bester et al., 2017). Damit ist der Krabbenfresser die häufigste Robbenart weltweit.

Seeleopard (Hydrurga leptonyx)

Wie die Weddellrobbe und der Krabbenfresser ist auch der Seeleopard (Hydrurga leptonyx) rings um den antarktischen Kontinent heimisch. Sein Lebensraum bewegt sich am Rande des Packeises. Einige Tiere folgen der Packeisgrenze nach Norden, wenn sich das Eis ausdehnt. Bei dieser Wanderung während des Winters machen sie zwischendurch Rast an den Küsten der subantarktischen Inseln. Je nach Standort bringen die Robbenweibchen zwischen Oktober und Mitte November auf dem Packeis ihre Jungen zur Welt. Darauf folgt von Dezember bis in den frühen Januar die Paarungszeit. Der Fellwechsel findet im Januar und Februar statt. In der Regel sind Seeleoparden Einzelgänger, kommen aber im Umkreis großer Pinguinkolonien gehäuft vor (Bester et al, 2017).

Seeleoparden können eine Länge von 4,5 Metern und ein Gewicht von bis zu 600 Kilogramm erreichen. Die Weibchen werden größer als die Männchen. Seeleoparden werden maximal 25 Jahre alt (Bester et al., 2017). Die Population der Seeleoparden wird auf 220.000 bis 440.000 Tiere geschätzt (Bester et al., 2017). Im Gegensatz zu den anderen antarktischen Robben tauchen Seeleoparden nur in den oberen Wasserschichten zwischen 10 und 50 Metern Tiefe. Nur gelegentlich erreichen sie die 200 Meter (Bester et al., 2017). Ein äußeres Merkmal der Seeleoparden sind die nach oben geöffneten Nasenöffnungen, während die anderer Hundsrobben nach vorne gerichtet sind. Man nimmt an, dass die Fähigkeit sich sowohl von großen als auch von sehr kleinen Beutetieren zu ernähren der speziellen Zahnmorphologie der Seeleoparden entspricht. Die Zähne des Seeleoparden sind alle sehr groß. Robuste Eckzähne und Schneidezähne greifen und reißen große Beute. Ihre Backenzähne sind in ähnlicher Weise wie die des Krabbenfressers geformt, so dass sie damit Krill aus dem Wasser filtern können, der dem Umfang nach etwa die Hälfte ihrer Nahrung ausmacht (Hocking et al., 2013; Bester et al., 2017).

Rossrobbe (Ommatophoca rossii)

Die Rossrobbe (Ommatophoca rossii) ist eine weitere Art, die das Packeis der Antarktis bewohnt. Die größten Vorkommen dieser seltensten antarktischen Robbenart finden sich im Rossmeer, der König-Haakon-VII.-See und im westlichen Weddellmeer. Die Robben werden etwa 2 bis 2,5 Meter lang und erreichen ein Gewicht bis etwa 220 kg. Ihre Lebenserwartung liegt bei gut 20 Jahren (Bester et al., 2017).

Je nach Standort gebären die Rossrobben ihre Jungen zwischen Mitte Oktober und November. Die Paarung findet kurz danach im Dezember bis Januar statt. Der genaue Zeitpunkt hängt von den örtlichen Gegebenheiten ab. Der Fellwechsel der Robben findet zwischen Dezember und dem frühen Februar statt. Direkt im Anschluss ziehen die erwachsenen Tiere nach Norden und leben im offenen Wasser südlich der ozeanischen Polarfront bis sie im Oktober wieder nach Süden ins Packeis ziehen, um ihre Jungen zur Welt zu bringen (Bester et al., 2017).

Rossrobben machen über das Jahr hinweg bis zu 100 Tauchgänge pro Tag und tauchen dabei zwischen 100 und 300 Meter tief und etwa 5 bis 15 Minuten lang. Der tiefste dokumentierte Tauchgang liegt bei fast 800 Metern (Bester et al., 2017). Rossrobben haben relativ große Augen, die ihnen bei der Nahrungssuche in der Tiefe helfen. Sie haben kleine scharfe und kegelförmige Zähne, mit denen sie bevorzugt Tintenfische packen können. Die Rossrobben sind meistens Einzelgänger, finden sich aber auch zu Kleingruppen oder gelegentlich größeren Ansammlungen zusammen. Schätzungen zufolge besteht die Rossrobbenpopulation der Antarktis aus 130.000 bis 220.000 Tieren (Bester et al., 2017).

Südlicher See-Elefant (Mirounga leonina)

Im Gegensatz zu den Packeisrobben gebären südliche See-Elefanten ebenso wie Pelzrobben ihre Jungen entlang der Uferzonen der subantarktischen Inseln und der eisfreien Strandgebiete der Antarktischen Halbinsel. Große Populationen existieren auf der Valdés-Halbinsel in Argentinien, in Südgeorgien, auf den Kerguelen, den Heard- und Macquarieinseln. Eine Reihe weiterer auf den Prinz-Edward-, Crozet-, Südlichen Shetland-, Südlichen Sandwich- und den Südlichen Orkneyinseln (Bester et al., 2017). Der Südliche See-Elefant ist damit zirkumpolar im Bereich der Antarktis verbreitet. Die Weibchen sind bis zu 2,8 m lang und können bis zu 900 kg wiegen. Die männlichen Tiere werden bis zu 5 m lang und können bis zu 5 Tonnen wiegen und erreichen ein Alter von um die zwanzig Jahre. Ihre Population wird auf circa 600.000 Tiere geschätzt (Bester et al., 2017). Der Nachwuchs kommt in der Zeit ab spätem September bis Anfang November zur Welt. Der Südliche See-Elefant lebt zur Fortpflanzungszeit und zum Haarwechsel in großen Kolonien. Er ist ein sehr guter Taucher und taucht in der Regel in einer Tiefe von 200 bis 600 Metern und mit einer durchschnittlichen Dauer von 20 bis 30 Minuten. Es sind aber auch Tauchgänge von über zweitausend Meter und zwei Stunden Dauer nachgewiesen. Wie alle Robben verbringt auch der südliche See-Elefant den überwiegenden Teil seines Lebens im Meer und unter Wasser auf der Suche nach Fischen und vor allem Tintenfischen. Seine Nahrungswanderungen führen ihn bis in die biologisch besonders produktiven Eisrandgebiete; sie können aber auch bis in die küstennahen hochantarktischen Meeresgebiete mit höchsten Eiskonzentrationen reichen. (Bester et al., 2017).

Antarktische Pelzrobbe (Arctocephalus gazella)

Die Antarktische Pelzrobbe lebt nur auf den Inseln des Südozeans vornehmlich südlich der Antarktischen Polarfront. Auf drei Inselgruppen, den Prinz-Edward-Inseln, Crozetinseln und Macquarieinseln kommt sie zusammen mit der subantarktischen Pelzrobbe (Arctocephalus tropicalis) vor. Die größte Population existiert auf Südgeorgien; zahlreiche kleinere Bestandsvorkommen sind zudem von den Inseln Bouvet, Heard und McDonald, sowie den Kerguelen, Südlichen Shetland, Südlichen Sandwich und Südliche Orkney Inseln bekannt. Pelzrobben werden vereinzelt auf größeren Eisschollen und Pfannkucheneis-Schollen beobachtet (Bester et al., 2017). Die weibliche Pelzrobbe wird ca. 1,45 m lang und kann bis zu 50 kg wiegen, die männlichen Tiere werden bis zu 2 Meter lang und wiegen bis zu 230 kg. Während die weiblichen Tiere ein Alter von bis zu 23 Jahren erreichen, werden die männlichen Tiere nur bis zu 14 Jahre alt (Bester et al., 2017). Ihre Population im Südlichen Ozean wird auf 2 bis 3 Millionen Tiere geschätzt. Die Jungtiere werden von Ende November bis Ende Dezember in Kolonien geboren. Die Antarktische Pelzrobbe ist ein guter Taucher. Männliche Tiere tauchen im Durchschnitt bis zu 350 m und bis zu 9 Minuten, während die weiblichen Tiere circa 200 m tief tauchen und im Durchschnitt nur 4 Minuten lang. Längere Tauchgänge in den zu den Dämmerungsstunden dürften vermutlich den Vertikalbewegung ihrer Beutetiere folgen, die je nach Region und Jahreszeit aus unterschiedlichen Arten von Fischen, Tintenfischen und Krill besteht (Bester et al., 2017).

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Bester M. N., H. Bornemann & T. McIntyre (2017): Antarctic marine mammals and sea ice. In: D. N. Thomas (ed.), Sea Ice, 3rd edition, Wiley-Blackwell, Chichester (UK) Hoboken (NJ), pp. 534-555
Hocking, D.P., A.R Evans, & E. M. G. Fitzgerald (2013): Leopard seals (Hydrurga leptonyx) use suction and filter feeding when hunting small prey underwater
. Polar Biol 36, pp. 211–222 (2013). doi.org/10.1007/s00300-012-1253-9
Thomas, J. A & J. Terhune (2009): Weddell Seal: Leptonychotes weddellii. In: Perrin, W. F, B. Würsig & J.G.M. Thewissen (eds), Encyclopedia of Marine Mammals (Second Edition), Academic Press, 2009, pp. 1217-1220, ISBN 9780123735539, doi.org/10.1016/B978-0-12-373553-9.00278-9.