1.5.4 Robben in der Arktis

Zu den auffälligsten Bewohnern der Arktis zählen Robben. Näher beschrieben werden an dieser Stelle sieben Robbenarten, die hier heimisch sind und das Meereis bewohnen. Alle diese Robbenarten werden den Hundsrobben zugeordnet. Einige von ihnen nutzen das Meereis während des ganzen Jahres (Ringel-, Bartrobbe, Walross), andere entfernen sich hin und wieder aus dem arktischen Ökosystem (Sattel-, Klappmützen-, Largha-, Bandrobbe) und wandern weiter nach Süden (subarktische Robben). Darüber hinaus kommen in den arktischen Gewässern auch Kegelrobben und Seehunde vor. Da sie aber nur in wenigen Gebieten mit Meereis in Kontakt kommen, werden sie hier nicht näher betrachtet.

Ringelrobbe (Pusa hispida)

Die Ringelrobbe ist im Arktischen Ozean die Robbenart mit der größten Verbreitung. Zugleich ist sie die kleinste arktische Robbenart und die einzige im nördlichen Polarmeer, die Atemlöcher im Meereis aufrechterhalten kann, indem sie die Eisdecke mit den mächtigen Krallen ihrer Vorderflossen kontinuierlich abschabt. Damit ist sie perfekt an die polaren Bedingungen angepasst, was ihre dominante Verbreitung bis zum Nordpol erklärt. Die Population der Ringelrobben wird auf einige Millionen Individuen geschätzt. Jedoch gibt es nur sehr eingeschränkte Informationen zur Größe von regionalen Subpopulationen (Laidre und Regehr, 2017).

Grundsätzlich kommen Ringelrobben vermehrt in Gebieten mit einjährigem Eis vor, weniger in den hocharktischen Gebieten nahe des Nordpols oder nördlich von Grönland mit mehrjährigem Eis. Es wird vermutet, dass es für sie weniger aufwendig ist, Atemlöcher im dünneren Eis offen zu halten. Die Ringelrobben sind stark vom Meereis abhängig, da sie für Ruhephasen einen festen Untergrund benötigen.

Darüber hinaus können sie sich nur dort fortpflanzen und ausruhen. Ringelrobben bevorzugen Festeis in Fjorden und entlang der Küste, das eine relativ dicke und stabile Schneedecke aufweist. Dort können sie Anfang des Frühjahrs Höhlen für die Geburt, Ruhe und Aufzucht ihrer Jungen bauen. Ausreichende Schneebedeckung, stabiles Eis und niedrige Temperaturen sind für den Fortpflanzungserfolg von Ringelrobben unbedingt erforderlich. Sie besitzen von allen nördlichen Robben die längste Laktationsperiode (Stillzeit). Ringelrobben gebären und säugen ihre Jungen auf dem Eis (Blanchet, 2014). Ringelrobbenjungtiere sind bei ihrer Geburt nur ungefähr vier Kilogramm schwer, weshalb sie auf ausreichend Wärme in der Höhle angewiesen sind. Die Höhlen geben außerdem Schutz vor Eisbären, Polarfüchsen und anderen Räubern. Ein Mangel an Schnee auf dem Eis oder hohe Frühjahrstemperaturen und Frühlingsregen können den Bruterfolg daher erheblich beeinträchtigen.

Im Sommer leben Ringelrobben im freien Wasser, wobei sie ganzjährig mit dem Meereis verbunden bleiben, weil sie sich von Tieren ernähren, die am Eis zu finden sind. Die Nahrung der Ringelrobbe ist vielseitig und regional und saisonal unterschiedlich. Die Ringelrobben selbst sind wiederum eine wichtige Beute für Eisbären.

Bartrobbe (Erignathus barbatus)

Bartrobben sind in der gesamten Arktis verbreitet. Sie hat ihren Namen wegen ihrer auffallend langen weißen Barthaare. Sie leben bevorzugt in den flachen Gewässern der Kontinentalschelfe. Sie vermeiden gewöhnlich dichtes Packeis ohne Zugang zum offenen Wasser und gelten vorwiegend als Küstentiere. Sie halten sich bevorzugt in unmittelbarer Nähe offenen Wassers auf, vor allem auf treibendem Packeis, wo ihnen Spalten und Polynjen Fluchtwege und Öffnungen zum Atmen bieten und Eisbären, ihre natürlichen Feinde, sie nicht erjagen können. Auf dichtem Packeis sind sie nur dann zu finden, wenn es dort offene Wasserstellen gibt. Im Sommer und Herbst leben sie vorwiegend im freien Wasser, wobei sie sich im Jahresverlauf immer nahe der Meereisgrenze befinden (Laidre und Regehr, 2017). Zur Aufzucht ihrer Jungen und zum Haarwechsel im Spätfrühjahr oder Frühsommer sind sie auf stabiles einjähriges Meereis angewiesen.

Ihr ganzjähriger Lebensraum auf dem Drifteis der flachen Küstengebiete bietet ihnen reichlich Nahrung. Sie können bis zu 220 Meter tief tauchen. Zur Nahrung dienen ihnen auf dem Meeresboden lebende Organismen, die sie mit ihren Barthaaren aufspüren, zum Beispiel Krebstiere, Muscheln und Schnecken oder auch kleinere Fische (Blanchet et al., 2014).

In Regionen, in denen das Eis vollkommen verschwindet, rasten und häuten sich die Robben an Land. In der Regel sind Bartrobben Einzelgänger. Zur Brut- und Häutezeit im späten Frühjahr und frühen Sommer finden sie sich aber durchaus zu kleinen Gruppen zusammen.

Die Population der Bartrobben wird auf 500.000 bis 750.000 Individuen geschätzt. Fachleute unterscheiden zwei Subpopulationen: die pazifische Bartrobbe (E. b. nauticus), die von der östlichen Laptewsee bis zur zentralen kanadischen Arktis verbreitet ist und im Ochotskischen Meer vorkommt sowie die atlantische Bartrobbenart (E. b. barbatus), die in dem Bereich von der zentralöstlichen kanadischen Arktis bis zur zentralen eurasischen Arktis beheimatet ist (Laidre und Regehr, 2017).

Walross (Odobenus rosmarus)

Die größte Robbenart ist das Walross. Es ist in der ganzen Arktis verbreitet. Sie benötigen Land- oder Eisflächen zum Ausruhen in der Nähe ihrer Futterplätze. Sie überwintern oft in Gebieten mit Polynjen, die ihnen den Zugang zum Wasser und ihren Nahrungsquellen ermöglichen. In der Arktis kommen zwei verschiedene Walrossunterarten vor – das pazifische Walross (Odobenus rosmarus divergens) und das atlantische Walross (Odobenus rosmarus rosmarus).

Die pazifischen Walrosse leben im Winter auf Eisschollen über dem flachen Kontinentalschelf in der Beringsee, die ihnen einen ungehinderten Zugang zum Wasser und zur Nahrung am Meeresboden bieten. Wenn sich das Eis im Frühling langsam zurückzieht, wandern die Weibchen mit den Jungtieren mit der Eiskante nach Norden in die Tschuktschen-, Ostsibirische- und Beaufortsee. Die meisten männlichen Walrosse bleiben im Süden und nutzen die russische Küste der Bering- und Tschuktschensee und teilweise die Küste vor Alaska als Ruheplattform, von der aus sie vermutlich Zugang zu geeigneten Nahrungsquellen haben. Im Herbst wandern die Weibchen und die Jungtiere wieder zurück in den Süden, um wieder zu den männlichen Tieren zu stoßen. Die Population des pazifischen Walrosses wird auf circa 129.000 Tiere geschätzt (Laidre und Regehr, 2017). Die Population des atlantischen Walrosses ist mit rund 20.000 Individuen deutlich kleiner. Die Tiere leben sowohl auf dem Meereis als auch auf dem Festland. Im Sommer verlassen die meisten von ihnen allerdings das Meereis, um auf festem Untergrund zu rasten (Laidre und Regehr, 2017).

Sattelrobbe (Pagophilus groenlandicus)

Keine andere Robbenpopulation in der nördlichen Hemisphäre ist so groß wie die der Sattelrobben. Fachleute schätzen, dass hier rund neun Millionen Tiere leben. Diese große Population verteilt sich auf drei Gebiete: erstens die Küsten von Labrador und Neufundland mit dem Sankt-Lorenz-Golf, zweitens das Gebiet von Ostgrönland nördlich der Insel Jan Mayen und drittens das Weiße Meer östlich von Murmansk. Die Sattelrobben sind eng an das Meereis gebunden. Auf dem Eis gebären die Weibchen die Jungtiere. Zudem verbringen die Sattelrobben hier die Zeit des Fellwechsels. Andererseits halten sich die Tiere durchaus auch für längere Zeit im freien Wasser auf. Sie leben auch in den subarktischen und wärmeren Gewässern nahe der Färöer-Inseln, der Barentssee und dem europäischen Nordmeer. Sattelrobben bevorzugen Flachgewässer über dem Kontinentalschelf, wo sie in Tiefen von weniger als ein paar Hundert Metern nach ihrer Nahrung tauchen (Laidre und Regehr, 2017).

Klappmützenrobbe (Cystophora cristata)

Die Lebensweise der Klappmützenrobben ähnelt derjenigen der Sattelrobben. Sie kommen ebenfalls im Nordatlantik vor. Auch sind sie auf stabile Meereisflächen für die Geburt der Jungtiere und für den Fellwechsel angewiesen. In eisfreien Monaten halten sie sich in subarktischen Gewässern auf. Sie können mitunter sogar an der europäischen Küste und der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika vorkommen. Klappmützenrobben tauchen bis zu einer Tiefe von 1000 Metern. Fachleute unterscheiden zwei Subpopulation, eine im nordwestlichen Atlantik mit einer Populationsgröße von mehr als einer halben Million Tiere und eine zweite im nordöstlichen Atlantik mit rund 82.000 Tieren (Laidre und Regehr, 2017).

Largha-Robbe (Phoca largha)

Die Largha-Robbe kommt im Nordpazifik im Japanischen Meer, im Ochotskischen Meer, in der Beringsee sowie in der Tschuktschen- und Beaufortsee vor. Largha-Robben sind nicht ganz so stark wie andere Robbenarten an das Meereis gebunden und zeigen eine große Flexibilität, was ihre Nutzung des Meereises als Lebensraum angeht. Grundsätzlich bevorzugen sie die Meereiskante oder kleinere Eisschollen. Im Sommer folgen einige Tiere der Meereisfront bis an die Küsten der Tschuktschensee oder der westlichen Beaufortsee. Wenn das Meereis im Oktober zunimmt, wandern sie nach Süden. Im Winter und Frühling nutzen Largha-Robben einen großen Raum von bis zu 300 km nördlich der Eiskante in der östlichen Beringsee. Largha-Robben kommen zur Fortpflanzungszeit auf das Pack- und Treibeis und bringen dort, abhängig von der Region, von Februar bis Mai ihre Jungen zur Welt. Largha-Robben fressen sowohl pelagische als auch benthische Organismen wie Fische, Krabben, andere Krebstiere und Oktopusse. Über das Gesamtvorkommen der Largha-Robbe ist wenig bekannt, es wird auf rund 200.000 Individuen geschätzt (Laidre und Regehr, 2017).

Bandrobbe (Histriophoca fasciata)

Die Bandrobben haben im Nordpazifik eine ähnliche Verbreitung wie die Largha-Robben. Sie kommen in dem Ochotskischem Meer, der Bering-, Tschuktschen- und der Beaufortsee vor. Auch nutzen sie den Bereich der Meereisfront von Winter bis Frühling, wenn sie ihre Jungen gebären und aufziehen. Im Sommer und Herbst leben sie vorwiegend im freien Wasser. Ihre Hauptnahrung sind Fische und wirbellose Tiere wie zum Beispiel Tintenfische. Man schätzt, dass es mehr als 200.000 Bandrobben gibt.

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Laidre K. & E. V. Regehr (2017): Arctic marine mammals and sea ice, In: D. N. Thomas (ed.), 3rd edition, Wiley-Blackwell, Chichester (UK) Hoboken (NJ), pp. 518-521
Blanchet, M.-A., M. Aquarone & U. Siebert (2014): Arktische Robben und Eisbären – Auswirkungen von Klimaerwärmung und Ressourcennutzung, In: Lozán, J.L., H.Grassl, D.Notz & D.Piepenburg (2014): WARNSIGNAL KLIMA: Die Polarregionen. Wissenschaftliche Auswertungen, Hamburg. 376 Seiten. ISBN: 978-39809668-63, pp. 183-191