1.5.1 Fische im Arktischen Ozean

Im Vergleich zum Südpolarmeer kommen im Arktischen Ozean nur wenige endemische, d. h. nur in bestimmten, räumlich abgegrenzten Umgebungen lebende Arten vor. Das liegt daran, dass die Antarktis durch Meeresströmungen und angrenzende tiefe Meeresgebiete isoliert ist, während die Arktis über die Verbindungen zum Pazifik und Atlantik leichter für Fische zugänglich ist. Es gibt in den arktischen Gewässern eine Vielzahl von Fischarten. Von diesen gibt es nur zwei, die sehr eng und direkt ganzjährig mit dem Meereis leben: der Polardorsch (Boreogadus saida) und der Grönlanddorsch (Arctogadus glacialis). Beide kommen im Arktischen Ozean endemisch vor (Christiansen et al., 2010). Allerdings gilt zweifellos auch für die anderen Fische, dass sie von der Anwesenheit und der Dynamik des Meereises und die verbundenen physikalischen und ökologischen Zusammenhänge beeinflusst werden.

Polardorsch (Boreogadus saida)

Der Polardorsch (Boreogadus saida) ist der am häufigsten in der Arktis auftretende Fisch, der eng mit dem Meereis verbunden ist. Der Polardorsch legt seine Eier im tiefen Winter ab. Die Fischlarven schlüpfen im Frühjahr, wenn die ersten Eisalgenblüten Millionen von Kleinkrebsen anlockt. Viele juvenile (junge) Polardorsche im Alter bis ca. 2 Jahren nutzen die Unterseite des Meereises als Nahrungsquelle und Schutz vor Räubern. Große Populationen finden sich in den Schelfmeeren der Arktis. Allerdings ist der Polardorsch durchaus auch am Meeresboden aktiv, um Planktonorganismen als Nahrung zu suchen. Im Nahrungsnetz ist er damit eine wichtige Verbindung zwischen dem Plankton und höheren trophischen Ebenen wie marinen Säugern (Robben und Wale) und Seevögeln. Dies macht ihn zu einer ökologischen Schlüsselart im Arktischen Ozean. Beispiele für arktische Seevögel, die sich von Polardorschen ernähren, sind Trottellummen und Dreizehenmöwen. Polardorsche treten in der gesamten Arktis in unterschiedlich großen Populationen auf, von kleinen Schwärmen bis zu Schwärmen mit Millionen von Fischen. Der Polardorsch kann sich recht flexibel an Umweltveränderungen anpassen und damit in unterschiedlichen Habitaten leben. Wie wichtig das Habitat Meereis für die Beständigkeit der Polardorschpopulation wirklich ist, ist aber noch nicht vollständig geklärt (David et al., 2016). So wird entlang der arktischen Schelfe oft von unter dem Meereis lebenden Polardorschen im Herbst und Winter berichtet. Darüber hinaus ist bekannt, dass er weite Wege zwischen seinen Sommer-Futtergebieten und den Winter-Laichgebieten unternimmt: er bewegt sich im Herbst nach Süden und kehr im Frühling nach Norden zurück (Vestfals et al., 2019).

Grönlanddorsch (Arctogadus glacialis)

Wie der Polardorsch ist auch der Grönlanddorsch (Arctogadus glacialis) eine eis-assoziierte Fischart. Er lebt nicht zusammenhängend zirkumpolar sondern überwiegend vor der Sibirischen Küste, in der Tschuktschensee, in der kanadischen Arktis und in den Schelfgebieten von Nordrostgrönland. Er kommt selten in der europäischen Arktis vor. Sein Lebensraum sind die Fjorde und Schelfgebiete des Arktischen Ozeans und nicht der tiefere und zentrale Arktischen Ozean (Aschan et al., 2009). Aufgrund der weiten Verbreitung von Boreogadus saida im Arktischen Ozean ist das Auftreten von Arctogadus glacialis immer begleitet vom Auftreten Boreogadus saida, aber nicht umgekehrt. Da die beiden oft nebeneinander in den Fjorden und Schelfgebieten des Arktischen Ozeans leben, teilen sie sich auch die gleichen Nahrungsquellen (Christiansen et al., 2012). Grönlanddorsche sind z. B. Beute von Ringelrobben, Narwalen und Belugawalen.

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Vestfals, C.D., F. J. Mueter & J. T. Duffy-Anderson et al. (2019): Spatio-temporal distribution of polar cod (Boreogadus saida) and saffron cod (Eleginus gracilis) early life stages in the Pacific Arctic. Polar Biol 42, pp. 969–990. doi.org/10.1007/s00300-019-02494-4