Anatomie einer Sichtung

49°00‘ S, 12° 55‘ O +++ +5°C, 2 m Dünung, 1 m Windsee +++

27. Januar 2015
(von Sacha Viquerat)

 Eiskalt weht den drei tapferen „marine mammal observern“ auf dem Krähennest seit einer Stunde der antarktische Wind um die Polaranzüge. Wir sind bei der Hälfte der letzten Schicht angelangt, in knapp 16 Minuten geht unsere Schicht zu Ende. Die Ausbeute an Sichtungen war bis jetzt gering: einzig eine Gruppe antarktischer Zwergwale mit zwei Tieren hatte am frühen Morgen um 06:10 Uhr in dichtem Eis über strahlend blauem Wasser durch ihren Blas unsere Aufmerksamkeit erregt. Plötzlich, um 06:14 Uhr, erscheint ein weiterer Blas inmitten des Eises. Die Sichtung wird ausgerufen und in unserem Computerprogramm notiert. Der erste Instinkt aufgrund der Lage in dichtem Eis: Ein antarktischer Zwergwal!

Nun geht es um die Details der Sichtung, zum Beispiel die Gruppengröße und vor allem um die sichere Identifizierung der Art, die gesehen wurde. Dies ist bei einer Entfernung von drei Kilometern zur Sichtung ohne Hilfsmittel kaum zu bewerkstelligen. Zwar kann schon der Blas Hinweise auf die Art geben, allerdings ist dies schon bei leichtem Wind kein sicheres Merkmal zur Artbestimmung und genügt in allen Fällen nicht unseren Qualitätsstandards. Gut, dass wir unsere leistungsfähigen Kameras stets im Anschlag haben: Schnell werden mit klammen Fingern Fotos der Sichtung geschossen, um diese später zur Artbestimmung zu nutzen. Dabei tritt überraschendes zu Tage: Auf dem Bild der Sichtung ist das Tier eindeutig als ein gemütlich durch dichtes Eis schwimmender Blauwal (Balaenoptera musculus) zu identifizieren! Dies ist ein überaus selten beobachtetes Verhalten, da die bis zu 33 Meter langen und bis zu 120 Tonnen schweren Tiere in der Regel offene Gebiete bevorzugen und nur selten mit eisbedeckten Arealen in Verbindung gebracht werden. Daher ist auch nicht verwunderlich, dass die Sichtung intuitiv als antarktischer Zwergwal eingeordnet wurde: diese sind bekannt dafür, gezielt die eisbedeckten Gebiete aufzusuchen, um dort den unmittelbar unter dem Eis heranwachsenden Krill zu fressen.

Auf einem weiteren Bild ist die Musterung des Blauwalrückens deutlich zu erkennen. Diese Musterung ist für jedes Tier individuell unterschiedlich und wird zur Verfolgung von Wanderwegen und zur Aufzeichnung der Lebensgeschichte mit vorhandenen Sichtungen in Datenbanken verglichen und entsprechend zu Forschungszwecken genutzt. In unserem Fall werden mit uns kooperierende Spezialisten der Antarctic blue whale division dieses, sowie weitere Fotos von Blauwalsichtungen mit ihrer umfangreichen Datenbank abgleichen. So gehen wir zufrieden dem Ende unserer Schicht entgegen, in der Gewissheit, dass nicht nur das Wasser an diesem Tag in einem besonderen Blau erstrahlt.

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