Ebbe und Flut am Schelfeisrand

Antarktis +++ 70° 31’ S, 8° 45’ W +++ -2°C, bewölkt, Schneeschauer +++
11. Januar 2015
(von Peter Lemke)

Für die Übergabe der Treibstoffe (380.000 Liter Arctic Diesel und 60.000 Liter Flugzeugbenzin) für die Versorgung der Neumayer-Station war es wichtig, einen Platz zu finden, an dem Polarstern für mindestens 24 Stunden völlig stabil liegen konnte, denn der Treibstoffschlauch durfte nicht unter Spannung geraten. Wir wählten eine Ausbuchtung der Schelfeiskante, die zusätzlich durch einen etwas nördlich auf dem Meeresboden gestrandeten Eisberg vergrößert wurde. Der kräftige Ostwind, der über Eisberg und Schelfeis hinweg blies, trieb die Eisschollen aus der Bucht hinaus und bildete so eine zwei Meilen große Lee-Polynja.

Wir waren also recht gut vor dem driftenden Meereis geschützt. Nur die Tiden konnten Polarstern bewegen. Berechnungen mit einem Tidenmodell zeigten, dass der Tidenhub etwa einen Meter ausmacht. Der wirkte sich aber nicht auf den Schlauch aus, da sich das schwimmende Schelfeis mit dem Wasserstand auf und ab bewegt und der Abstand zur 30 Meter hohen Schelfeiskante damit konstant bleibt. Die Tidenströmung - das ablaufende bzw. auflaufende Wasser bei Ebbe und Flut - beträgt hier knapp zehn Zentimeter pro Sekunde. Dieser Einfluss ließ sich leicht durch unseren Hauptantrieb über die Schraube und durch Bug- und Heckstrahler ausgleichen.

Nach Beendigung der Treibstoffübergabe haben wir den Effekt der Tiden auf Temperatur und Salzgehalt in der Polynja durch stündliche CTD-Messungen bestimmt. Es zeigte sich, dass bei einsetzender Ebbe kaltes Wasser aus dem Bereich unterhalb des Schelfeises in die Polynja strömte und bei auflaufendem Wasser wieder zurück gedrückt wurde. Ist das ausströmende Wasser unterkühlt, bildet sich das Plättcheneis, das wir vielfach unter dem Meereis gefunden haben.

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