Verhandlungssache Eis – Wie sich Polarstern durch die Arktis bricht

Quelle: blogs.helmholtz.de/polarstern/

8. Juni 2015
Hauke Flores, Anna Nikolopoulos, and Fokje Schaafsma

Es fühlt sich an, als fliegen wir über das Eis. Sachte schiebt sich der Bug der Polarstern über die Eisschollen. Dann: ein lautes Krachen, wenn der Kiel aufs Eis trifft. Manches Mal führt das abrupte Abbremsen zu ordentlichem Krach in Kabinen und Laboren und Bücher purzeln aus Regalen. In solchen Momenten erreicht die Spannung auf der Brücke ein Maximum: Bricht die Scholle oder stoppt sie uns und zwingt uns, zum Zurücksetzen und somit dazu, einen weiteren Anlauf zu nehmen, um uns einen Weg durch den gefrorenen Ozean zu brechen? Dann das vom Schnee gedämpfte Geräusch des brechenden Eises, wenn die Polarstern mit ihrem vollen Gewicht das Eis zum Bersten bringt und wir eine weitere halbe Schiffslänge vorangekommen sind.

Tatsächlich ist der Begriff „Eisbrecher“ für ein Schiff wie die Polarstern etwas irreführend. Es sind eher ein permanente „Verhandlungen“ zwischen Eis, Wetter und Schiff. Meereis gleicher Dicke können die 20.000 PS starken Maschinen an einem Tag entspannt durchfahren, am nächsten kann uns der gefrorene Ozean für zwölf Stunden einschließen. Wenn der Wind das Eis zusammenschiebt, wirkt es wie eine hydraulische Bremse. Schnee kann die Reibung beim Eisbrechen verstärken und fungiert wie Leim. Als Faustregel kann man sagen, dass eine Schneeauflage von zehn Zentimetern so wirkt, als sei das Eis einen ganzen Meter dicker.

Die nautischen Offiziere auf der Brücke scherzen, ob der Wachhabende in den folgenden Stunden überhaupt voran kommen wird. Ernsthaft beugen sie sich jedoch gemeinsam über die aktuellen Satellitenkarten und das Meereisradar des Schiffes und diskutieren den besten Weg durch die teils mehrere Kilometer großen Eisschollen. Abhängig von den aktuellen Bedingungen ist es eine delikate Angelegenheit, den besten Weg durch das Eis zu finden. Bis zu 1,5 Meter dickes Eis kann Polarstern bei guten Bedingungen in einfacher Vorausfahrt durchbrechen. Die Herausforderung ist es, den besten Weg an den Bruchkanten entlang und durch offenes Wassers zu fahren. Türmen sich die Schollen zu dicken Presseisrücken auf, wird eine andere Strategie verfolgt: Anstatt geradeaus in eine Scholle zu rammen, brechen die Nautiker das Eis dadurch scheibchenweise beiseite, dass sie es mit versetztem Winkel anfahren.

Unter heftigen Frühjahrseisbedingungen, wie wir sie erleben, lassen die Begebenheiten nicht immer den geplanten Kurs zu. Manchmal läuft die Eisdrift dem geplanten Kurs direkt entgegen und ist schneller als die Vorausfahrt des Schiffes. Das kann dazu führen, dass wir uns entgegengesetzt der Richtung bewegen, in die wir eigentlich fahren. Die Abbildung unseres Kurses vor zwei Tagen zeigt an, wie schwierig die Bedingungen waren, als wir versuchten, weiter nach Osten vorzudringen.

Steht man auf dem Arbeitsdeck an der Reling, lassen sich die großen Bruchstücke prima beobachten, die am Schiff vorbei gleiten. Bläulich schimmernd im Licht der tief stehenden Sonne, erzählen sie dem Betrachter ihre Geschichten: Einige Eisbruchstücke haben klar abgesetzte Schichten unterschiedlicher Struktur, die wiederholtes Tauen und Gefrieren anzeigen. Andere haben braune Einschlüsse von Erde, die vom flachen Meeresgrund der Sibirischen See stammen, wo das Eis einst gebildet wurde. Einige haben grünlich-braune Flecken oder Schichten – Algen wachsen in den zahllosen Kanälen und Hohlräumen der Schollen. Ab und zu schlängelt sich ein Fisch auf einer umgedrehten Scholle: Polardorsch, der ein gefunden Fressen für die Vögel ist, die der Polarstern folgen. Jetzt haben Krachen, Knarzen und Rammen aufgehört: Zeit um einen detaillierten Blick auf das Eis und die assoziierten Lebensformen zu werfen und die Geschichten, die sie für uns bereithalten. Zeit für eine Eisstation!

Impressionen