Jede Fahrt ein neues Abenteuer: Arbeitsplatz Forschungseisbrecher

Quelle: blogs.helmholtz.de/polarstern/

5. Juni 2015
Kirstin Werner, Meri Korhonen, and Shannon MacPhee

Wir sind in der dritten Woche der TRANSSIZ-Expedition, in deren Mittelpunkt Prozessstudien rund um das arktische Meereis stehen. Wir haben bisher drei erfolgreiche Stationen an Meereiseisschollen absolviert und eine funktionierende Routine in der Probenahme etabliert. Ein guter Zeitpunkt, um auch andere Arbeitsbereiche näher vorzustellen: Dankenswerterweise haben sich Kapitän und Schiffsarzt der Polarstern die Zeit genommen, um mit uns darüber zu sprechen, wie sie in ihre Führungsposition an Bord des berühmten Forschungsschiffes gekommen sind und was sie an ihrer Arbeit am meisten mögen. Der Kapitäns-Blog vom 5. Juni 2015.

Erzählen Sie uns etwas über Ihren Karriereweg. Wie sind Sie in Ihre heutige Position gekommen?

Kapitän Thomas Wunderlich ist in der Nähe von Berlin aufgewachsen und sein Vater war ebenfalls Seemann. Als Kind wollte er unbedingt Kapitän werden – bis seine Mutter ihm sagte „der Kapitän sinkt mit dem Schiff!“. Daraufhin dachte er darüber nach, Polizist zu werden, Überlegungen gingen auch in Richtung Versicherungskaufmann oder Buchhalter. Das änderte sich jedoch in einer Zeit, als die deutsche Schifffahrtsindustrie eine Rekrutierungsoffensive für nautische Berufe startete. So besuchte Kapitän Wunderlich die Universität und wurde diplomierter Nautiker. Im November 2004 ging er als dritter Offizier auf die Polarstern. Befördert zum zweiten Offizier wechselte er 2005/06 auf das Forschungsschiff Meteor. Bis zum Jahr 2012 arbeitete er sowohl auf Meteor als auch auf Polarstern und in dieser Zeit wurde er zum Kapitän ernannt.

Schiffsarzt Norbert Spilok hat über 38 Jahre als Chirurg in einem kleinen Krankenhaus in Norddeutschland gearbeitet. Der Job war stressig: über 80 Stunden Arbeitszeit pro Woche und mehr als 100 Patienten am Tag. Vor 15 Jahren hat er zufällig eine Stellenanzeige für einen Schiffsarzt gesehen. Er entschied, dass dies eine gute Ausstiegsstrategie sei für den Fall, dass ihm einmal alles zu viel würde. Seit dem Jahr 2012 ist unser Schiffsarzt an Bord der Polarstern, vorher war er für vier Wochen auf der Meteor gewesen. Diesen Sommer macht er seine letzte Tour, bevor er nach vielen Dienstjahren und Abenteuern im August in Ruhestand geht.

Was gefällt Ihnen bei der Arbeit auf einem Forschungsschiff am besten?

Der Kapitän erzählt uns, dass die meisten Seeleute auf Handelsschiffen unterwegs sind, die mit sehr strikten Zeitvorgaben und mit höchster wirtschaftlicher Effizienz von A nach B fahren. Im Gegensatz dazu kann man auf Forschungsschiffen wie der Polarstern eine große Vielfalt seiner gelernten Fähigkeiten anwenden: Man kennt Datum und Ort von Start und Ziel einer Expedition, hat aber keinen wirklich festen Plan davon, was zwischendurch passiert. Es gibt ein Wunschgebiet, wo die Forschung nach Möglichkeit stattfinden soll. Und man tut alles, um es zu erreichen, aber es besteht immer eine Unsicherheit. So ist jede Reise ein Abenteuer: Laufende logistische Planung ist notwendig, denn die gegebenen Umstände wie Eisverhältnisse, Wetter, Reparaturbedarf an einzusetzendem Forschungsgerät oder sich ändernde wissenschaftliche Prioritäten aufgrund vorheriger Entdeckungen können sich sehr schnell ändern. Die wichtigste Aufgabe des Kapitäns ist gleichzeitig auch das, was ihm am meisten Spaß macht: Die Wissenschaftler glücklich zu machen, indem alle an Bord, also die Crew mit Offizieren, Ingenieuren und Decksmannschaft mit der Wissenschaft Hand in Hand arbeiten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

Doktor Spiloks liebster Aspekt beim Job an Bord ist natürlich die Arbeit mit den Patienten. Neben der Verantwortung für die Gesundheit aller Expeditionsteilnehmer unterstützt der Schiffsarzt auch bei der Beschaffung der Lebensmittel und bei Fragen der Hygiene und organisiert außerdem die beliebten Filmabende.

Was passiert, wenn der Doktor krank wird?

Der Arzt erzählt, dass ihm seine Frau genau diese Frage immer stellt! Glücklicherweise Nautiker werden während ihres Studiums ein halbes Jahr lang auch für medizinische Notfallversorgung ausgebildet. So sind sie geschult und autorisiert, um medizinische Versorgung durchzuführen, die über das hinausgeht, was Krankenschwestern oder Pfleger leisten dürfen. Zusätzlich gibt es auf der Polarstern Telemedizin. Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoff- und Kohlendioxidgehalt des Bluts können live auf dem Monitor eines Bremerhavener Krankenhauses verfolgt werden – eine mögliche 24-Stunden-Unterstützung für Arzt und Krankenschwester. Weiterhin gibt es heutzutage ein starkes Supportnetzwerk auf See, das in lebensgefährlichen Situationen dafür sorgt, möglichst schnell den nächsten Hafen zu erreichen oder einen Patienten im Notfall auszufliegen. Insgesamt hat die Lebensrettung höchste Priorität.

Wie viel Landurlaub haben Sie im Jahr und wie gewöhnt man sich nach der Zeit auf See wieder an das Landleben?

Die Polarstern-Crew ist das halbe Jahr auf See und die andere Hälfte an Land, aufgeteilt in dreimonatige Segmente. Man ist normalerweise drei Monate in der Antarktis, dann gibt es einen Crewwechsel und drei Monate später geht es in die Arktis. Das Schiff hat zwei sich abwechselnde Stammcrews, so dass sich alle sehr gut kennen – allerdings nicht wie in der Familie. Es gibt Grenzen der Privatsphäre, die von allen respektiert werden. Schließlich leben wir hier mit fast 100 Personen auf sehr begrenztem Raum zusammen!

Kapitän und Arzt sind sich beide einig, dass es während der drei Monate an Land wichtig ist, sich wieder auf das „normale Leben“ einzustellen und die Freizeit sowie Besuche von Familie und Freunden zu genießen, bevor es wieder auf See geht. Der Kapitän fügt hinzu, dass es egal ist, wie viele Jahr man schon zur See fährt, der härteste Tag ist immer der, an dem man das Zuhause mit Familie und Freunden verlässt, um wieder aufs Schiff zu gehen.

Wo sind Sie lieber, in der Arktis oder der Antarktis?

Beide sagen übereinstimmend, dass die Antarktis noch schöner ist als die Arktis, denn dort gibt es eine größere Vielfalt an Lebewesen, riesige Eisberge und spektakuläre Eiskanten. Außerdem ist das antarktische Klima trockener, so dass es im Südsommer viel Sonnenschein gibt. Aber auch die Arktis ist ein großartiger Arbeitsplatz, auch wegen der seltenen Gelegenheit, Eisbären in ihrer natürlichen Umgebung beobachten zu können. Kapitän Wunderlich machen die Begegnungen mit dieser seltenen und gefährdeten Art immer wieder bewusst, wie wichtig die Forschungsarbeiten an Bord sind, um das arktische Ökosystem zu verstehen und zu schützen. Wir haben auch auf unserer Fahrt schon mehrere Eisbären und ihre Spuren gesehen.

Impressionen