Saisonale Langzeitmittel der Eisausdehnung in beiden Polargebieten unterschritten

23. Juni 2022

Während wir uns in Deutschland langsam auf den Sommer zu bewegen, werden auch die Tage in der Arktis länger und somit die Sonneneinstrahlung stärker, die das Schmelzen von Meereis zum größten Teil bestimmt. In der Antarktis wächst in dieser Zeit der Packeisgürtel hingegen stetig an. In beiden Hemisphären stellt sich in diesem Jahr in der Betrachtung der bisherigen Entwicklung der Eisausdehnung ein deutlicher Verlauf unterhalb des langjährigen Mittels ein. Die weitere Entwicklung der Meereisausdehnung in beiden Hemisphären hängt von vielen Faktoren ab und es lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorhersagen, wie sie sich im Verlauf des Jahres einstellen wird.

Entwicklung der Eisausdehnung in der Arktis im Frühjahr 2022

Nachdem das Maximum der Eisausdehnung in der Arktis am 25. Februar 2022 mit 14,68 Mio. km² erreicht worden war, entwickelte sich die Eisausdehnung im Februar in einem Verlauf unterhalb des langjährigen Mittels von 1981 – 2010. Der Monat März war geprägt durch eine für die Jahreszeit geringe Eisausdehnung, die am unteren Rand der zweifachen Standardabweichung des langjährigen Mittels verlief. Am 17. und 23. März wurden kurzfristig sogar Niedrigwerte erreicht, die erst ab dem 12. April durch die einsetzenden Schmelzprozesse weiter unterschritten wurden. Im Vergleich zum Vorjahr war im Mai (Abb. 2) eine Fläche von etwa 292.000 km² mehr Eis auf dem arktischen Ozean vorhanden, was insbesondere in der Grönland- und in der Barentssee sowie in der Labrador See eine nach Süden ausgedehnte Eiskante verursachte.

Trotz der niedrigeren Eisausdehnung gegenüber dem Langzeitmittel rangierten die Monate April und Mai nur auf den Plätzen 14 und 15 der langjährigen Entwicklung (Abb. 3). Der abnehmende Trend der Eisausdehnung in den Frühjahrsmonaten März bis Mai ist recht ähnlich und beträgt durchschnittlich  -2,6 % pro Dekade. Erst mit dem eintretenden Sommer nimmt die Eisabnahme stetig zu, um im September bei etwa -12,4 % pro Dekade ihr Maximum im Langzeittrend zu erreichen.

Die Lufttemperaturen auf dem 925-Millibar-Druckniveau lagen im Frühjahr über fast dem gesamten Arktischen Ozean um etwa 2° C über dem langjährigen Mittel (Abb. 4, rechts). Im März (Abb. 4, links) hat sich über der gesamten zentralen Arktis bis nach Ostsibirien eine Anomalie von bis zu 6° C gebildet, die im April wieder leicht zurückging (Abb. 4, Mitte). Im Mai zeigten die Temperaturanomalien in der zentralen Arktis Werte von etwa 2° C oberhalb des langjährige Mittel, während die stärkste Erwärmung in Westrussland und Ostsibirien zu verzeichnen war, wo die Temperaturen bis zu 6° C über dem langfristigen Mittel lagen. Kältere Temperaturen von -1° bis -4° C unter dem langjährigen Mittel herrschten hingegen über Europa, Grönland, Kanada und Sibirien.

Antarktis zeigt für die Jahreszeit eher geringe Eisausdehnung

Nach dem absoluten Minimum (in der 43-jährigen Geschichte der kontinuierlichen Satellitenmessungen) der Meereisausdehnung im Februar 2022 entwickelte sich auch das Wachstum der Eisdecke im März 2022 recht zögerlich (Abb. 5). Dieses Ereignis steht vor dem Hintergrund mehrerer niedriger Eisausdehnungen seit 2014. Nahezu den gesamten Monat verlief die Eisausdehnung entlang der unteren Grenze der zweifachen Standardabweichung des Langzeitmittels 1981 – 2010. Mit 3,1 Mio. km² war die Eisausdehnung die Zweitniedrigste im Langzeittrend, der um 24 % unterschritten wurde (Abb. 6). Regionen mit dem deutlichsten Eisrückgang gegenüber der Periode 2003 – 2014 ist das Rossmeer und das nordwestliche Weddellmeer (Abb. 7).

Im April und Mai 2022 nahm das Meereiswachstum in der Antarktis mit durchschnittlich 113.600 km² bzw. 93.200 km² zwar deutlich zu, verliefen jedoch weiterhin unterhalb des Langzeitmittels und belegten Platz sechs und acht in der Liste der niedrigsten Monatsmittelwerte. Im letzten Drittel des Monats Mai nahm das Eiswachstum noch einmal ab und bewegt sich seitdem am unteren Rand der zweifachen Standardabweichung des Langzeitmittels. Insbesondere im Rossmeer und Amundsenbecken hat sich ein anomales Tiefdruckgebiet entwickelt mit überdurchschnittlich starken Winden, das warme Luftmassen von Norden und Nordosten über die Bellinghausen- und Amundsensee in die antarktische Küstenregionen transportiert und dort zu anomal warmen Lufttemperaturen von über 6° C oberhalb des Langzeitmittels führte und das Eiswachstum hemmte (Abb.8).

Für beide Polarregionen beginnen nun die spannenden Zeiträume, in denen sich die Eisschmelze bzw. das Eiswachstum etablieren und die Bedingungen für den nächsten saisonalen Höhepunkt im September gebildet werden. Für die Antarktis bleibt abzuwarten, ob das bestehende niedrige Niveau der Eisausdehnung einen ähnlichen Verlauf wie das Minimumjahr 2017 zur Folge hat.

Kontakt:
Dr. Klaus Grosfeld (AWI)
Dr. Renate Treffeisen (AWI)



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