Schmelzsaison in der Arktis hat begonnen!

23. Juni 2020

In der Arktis ist die Schmelzsaison nun in vollem Gang. Die Meereisausdehnung bewegt sich aktuell unter der zweifachen Standardabweichung des langjährigen Mittelwertes und unterhalb der Kurse von 2019 (Abbildung 1). So hat sich die Meereiskonzentration seit Anfang Mai bis Mitte Juni um 2,68 Mio. km² verringert. Im Laufe des Monats Mai, nahm das Meereis um durchschnittlich 59.600 km² pro Tag ab. Im Mai betrug der Monatsmittelwert der Ausdehnung 11,96 Mio. km² (siehe Abbildung 2) und stellt damit den drittniedrigsten Wert für diesen Monat, seit es Satellitenaufzeichnungen gibt. Damit liegt der Wert 133.7501 km² unter dem langjährigen Durchschnitt von 1981 bis 2010, aber noch 155.671 km² über dem Rekordtief von Mai 2016 (siehe Abbildung 3). Der Rückgang des Meereises fand überwiegend in der Barents- und Karasee sowie in der Dänemarkstraße statt (Abbildung 4). Entlang der russischen Küste öffneten sich mehrere Küsten-Polynjas, ein Muster welches in den letzten Jahren regelmäßig aufgetreten ist. Ebenfalls im Mai bildete sich eine etwas überdurchschnittliche Öffnung im Meereis nördlich von Spitzbergen. Außerdem öffnete sich auch die Nordwasserpolynia, die sich jährlich im nördlichen Teil der Baffin Bay und im südlichen Smithsund zwischen 76° und 79° Nord und zwischen 70° und 80° West bildet.

Die lineare Abnahme der Meereisausdehnung beträgt, einschließlich 2020, 3,3 % pro Jahrzehnt für den Monat Mai im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt. Dies entspricht einer jährlichen Abnahme von circa 43.900 km² oder ungefähr die Größe des Bundeslandes Nordrheinwestfalens. Während der 42-jährigen Satellitenbeobachtung hat die Arktis insgesamt 1,34 Mio. km² Eis im Monat Mai verloren. Dies basiert auf der Differenz der linearen Trendwerte von 2020 und 1979. Die Größe dieses Meereisverlustes entspricht dabei in etwa viermal der Fläche Norwegens.

Die Lufttemperatur bei 925 hPa war über fast den gesamten arktischen Ozean überdurchschnittlich hoch, mit Abweichungen von bis zu 7 °C über dem zentralen arktischen Ozean und dem westlichen Teil Russlands (Abbildung 5). In Teilen Sibiriens lagen die Temperaturen teilweise 10 °C höher als im langjährigen Mittel. Im hohen Norden Kanadas erreichten die Temperaturen Werte von 3-5 °C unter dem Durschnitt. Der Druck auf Meereshöhe war besonders niedrig über Skandinavien und der zentralen Arktis. Der Druck über dem kanadisch-arktischen Archipel war recht hoch gegenüber dem langjährigen Mittelwert. An der deutsch-französischen Forschungsstation AWIPEV auf Spitzbergen, ist der besonders warme Mai nicht zu verzeichnen gewesen (Abbildung 6).

Die arktische Oszillation, ein zentrales Muster der atmosphärischen Variabilität über der Arktis und dem Nordatlantik, befand sich zwischen Mitte Dezember und dem frühen Frühling in einer anhaltenden positiven (zyklonalen) Phase. Eine solche Beständigkeit, die erst Anfang Mai endete, ist höchst ungewöhnlich und könnte mit einem starken kalten, stratosphärischen Polarwirbel und dem größten je beobachteten Ozonloch in der arktischen Stratosphäre verbunden sein. Innerhalb der Atmosphäre bestehen wechselseitige Beziehungen: was in der Stratosphäre passiert, beeinflusst das Geschehen, das in der unteren Atmosphäre passiert (Troposphäre) und umgekehrt.

Das Endergebnis ist, dass die zyklonale Zirkulation (gegen den Uhrzeigersinn) an der Oberfläche, welche mit dem positiven AO verbunden ist, mit der zyklonalen Zirkulation des starken und kalten stratosphärischen Wirbels, verbunden war. Die Folge dieser ausgeprägten stabilen und kalten atmosphärischen Bedingungen ist, dass sie günstige Bedingungen für die Bildung polarer stratosphärischer Wolke liefern, welche den Ozonverlust durch chemische Prozesse fördern.


Meereis in der Antarktis auf durchschnittlichem Niveau


In der Antarktis setzt sich die Trendwende der vergangenen Monate weiter fort. Nach den Jahren 2017, 2018 und 2019 mit außergewöhnlich geringer Eisausdehnung im Monat Mai, hat sich in diesem Jahr eine eher durchschnittliche Eiskonzentration im Vergleich zum langjährigen Mittel der Jahre etabliert (Abbildung 7). Gegenüber dem Vorjahr ist insbesondere im Weddellmeer, in der Bellingshausen- und D’Urville See mehr Meereis vorhanden (Abbildung 8). Nur in der Amundsensee, dem Ross Meer sowie in der Lasarew See ist weniger Eis vorzufinden. Dieser Trend setzt sich auch in der ersten Hälfte des Monats Juni fort, wo die Eisausdehnung entlang des langjährigen Mittels verläuft (Abbildung 9).

Kontakt:
Dr. Klaus Grosfeld (AWI)
Dr. Renate Treffeisen (AWI)

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