Das Bojenpatenschafts-Projekt geht nach über zweieinhalb Jahren zu Ende

13. Januar 2020

Im April 2017 hat die Meereisphysikerin Stefanie Arndt vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven aus der Not eine Tugend gemacht: Sie und ihre Kollegen haben darüber nachgedacht, wie sie ihre Wissenschaft zum Thema Meereisphysik ein bisschen bunter auf der „Open Ship“ - Ausstellung unseres deutschen Forschungseisbrechers FS Polarstern vorstellen können. Das Ergebnis ihrer Überlegungen: Die jungen Besucherinnen und Besucher (Schülerinnen und Schüler) einladen Bilder zu malen, damit diese Kunstwerke mit autonomen Messgeräten (kurz: Bojen) im arktischen und antarktischen eisbedeckten Ozean auf Reisen gehen. Kinder in ganz Deutschland haben diese Idee begeistert angenommen und so erreichten die Meereisphysikerin in ihrem „Schollenpostamt“ im Bremerhaven weit über 60 Bilder von 3- bis 16-jährigen Malbegeisterten aus Hamburg bis München – als Einzelkunstwerke oder Gruppen-Collagen (siehe auch hier). Da die geplante Arktis-Forschungsreise, auf der die Bilder das Zuhause der Eisbären dekorieren sollten, nicht wie ursprünglich geplant stattfand, hat Stefanie Arndt alle Bilder selber mit in die Antarktis genommen – auf eine Expedition die allerdings erst im Januar 2018 startet. „Damit die Zeit nicht so lang wurde, habe ich die Kinder schon an der Vorbereitung meiner kommenden Expedition teilhaben lassen – und sie natürlich immer wissen lassen, wo ihre Bilder gerade sind“, erzählt die Meereisphysikerin.

Die Bojen mit den unzähligen bunten Bildern wurden schließlich zwischen dem 11. und 26. Februar 2018 in der Antarktis installiert. „Meine Kollegen Marcus Huntemann und Nicolas Stoll, die mich bei den Arbeiten auf dem Eis unterstützt haben, wussten anfangs gar nicht so genau, worum es geht – und haben sich aber an Bord mit Begeisterung die vielen bunten Bilder angeschaut. Am Ende wussten sie genau: Nach jedem Bojen-Aufbau werden die Bilder ausgesucht, die mit den Messsystemen auf Reise gehen – und ganz wichtig: Das Beweis-Foto des Bildes mit der Boje in der Eislandschaft“. Genau dieses Foto wurde dann – zurück an Bord – in eine Bojen-Paten-Urkunde eingesetzt und zusammen mit der Information, wo und wann die Reise ihrer Bilder losging, an die Kinder nach Hause geschickt. „Auf das Versenden der Urkunden habe ich unfassbar großes und positives Feedback erhalten – und viele neugierige Fragen. Die häufigste Frage lautete: Wie kalt ist es gerade bei dir?“, erinnert sich die Meereisphysikerin. „Die Frage ist natürlich sehr naheliegend. Ich habe da aber gar nicht dran gedacht, dass das so spannend für die Kinder ist. Aber damit haben sie es mir leicht gemacht, wie ich die darauffolgenden Lebensgeschichten der Bojen beginne: Mit der Start-Temperatur ihres Bildes.“ Denn sobald die Bojen aufgehört haben zu senden, weil ihre Heimatscholle zerbrochen ist und die Boje im Wasser gesunken ist oder die Boje durch Eispressungen beschädigt wurde, hat die Meereisphysikerin in ihrem Schollenpostamt jedes Mal eine Bojen-Lebensgeschichte geschrieben. Aus denen haben die Kinder dann zum Beispiel gelernt: Von wo nach wo ist die Boje mit meinem Bild gedriftet? Wie viele Kilometer hat sie dabei hinter sich gebracht? Welche Stürme und Schneefall-Ereignisse hat mein Bild erlebt? Wie viel Schnee hat sich auf meinem Bild gesammelt? „Das Schreiben der Berichte hat mir großen Spaß gemacht – denn so wird der Blick auf ganz offensichtliche Dinge gelenkt, wie zum Beispiel die angesammelte (akkumulierte) Schneemenge oder die Anzahl von Stürmen – Erkenntnisse, die nicht nur für die Kinder, sondern auch für uns in der Wissenschaft von großem Interesse sind“, erzählt die Meereisphysikerin.
Die erste Boje hat leider schon Mitte März kein Signal mehr gesendet, da ein starker Sturm die Scholle zerrissen hat. Bis Dezember 2018 haben elf der dreizehn bebilderten Bojen aufgehört zu senden. „Der Großteil der ausgebrachten Bojen auf dieser Expedition hat leider schon sehr früh aufgehört Daten zu übermitteln. Wir vermuten, dass der große Eisberg A23, der in unserem Forschungsgebiet lag, daran nicht ganz unschuldig ist: Durch seine Lage verhältnismäßig nahe am südlichen Schelfeis des Weddellmeeres, staut sich zwischen dem Eisberg und dem Schelf das Meereis – welches dann durch den Druck stark verpresst wird und bricht“, erklärt Stefanie Arndt.

Die Schneeboje (2018S59) und die Eis-Massenbilanz-Boje (2018M11), die auch im Jahr 2019 noch weiter Daten sendeten, stellen zwei absolute Highlights für die Meereisphysikerin da. Denn das Zielgebiet der darauffolgenden Polarstern-Expedition ins Weddelmeer im Februar 2019, also ein Jahr nach der Ausbringung der Bojen, war das Larsen-C Schelfeis und der A68-Eisberg. Beide Bojen konnten somit vielleicht erreicht werden, denn: Die Bojen sind beide mit dem sogenannten Weddell-Wirbel entlang der antarktischen Halbinsel gen Norden transportiert worden – der geplanten Fahrtroute der FS Polarstern entgegen. Und tatsächlich: Auch wenn das Forschungsgebiet aufgrund der schweren Eisbedingungen nicht erreicht werden konnte, so lag zumindest die Schneeboje (2018S59) in Helikopter-Reichweite vom Schiff, so dass die Meereisphysikerin mit dem Meereis-Team an Bord dort hinfliegen konnte. Sie erzählt: „Eine weiße Boje in einer weißen Schneelandschaft zu finden, war wie die Nadel im Heuhaufen zu suchen. Aber dank vieler geschulter Augen haben wir sie am Ende schnell ausfindig gemacht.“ Und das war trotzdem nicht selbstverständlich. Denn die „Landschaft“ um die Boje sah ganz anders aus, als vor einem Jahr, als die Stefanie Arndt und ihr Team die Boje auf dem Eis installiert hatten. „Die Boje stand in Mitten von einem Presseisrücken – schief und krumm.“ Die Schneedaten sind schon seit Juni 2018 nicht mehr sinnvoll – dem Moment als die Scholle sich zu diesem Rücken zusammengeschoben hat. Aber die restlichen Daten wurden fortan gesendet. „Wir haben noch nie im Süd-Ozean eine Boje wiederbesuchen können. Das war wirklich mein persönliches Highlight.“ Zusätzlich wurden Schnee- und Eismessungen auf der Scholle vorgenommen – ähnlich wie ein Jahr zuvor, was den Datensatz der Boje umso wertvoller macht. Die Boje ist im Anschluss noch bis Ende April 2019 weiter gen Norden gedriftet, wo sie dann in der Eisrandzone aufgehört hat zu senden.

Die letzte Boje aus dem Bojen-Patenschafts-Projekt war eine Eis-Massenbilanz-Boje (2018M11). Diese hat am 27. November 2019 in der Eisrandzone ebenfalls aufgehört zu senden. Damit ist die Boje für 1 Jahr, 9 Monate und 9 Tage quer durch das Weddellmeer gedriftet und hat dabei über 8200 km hinter sich gebracht. Damit die Kinder von einer solch langen Strecke eine Vorstellung bekommen, beschreibt die Meereisphysikerin dies in der Lebensgeschichte als „Entfernung von Berlin zum Nordpol – und zurück!“. Und damit nicht genug: Keine Eis-Massenbilanz-Boje hat jemals so lange zuverlässig Daten im Weddellmeer aufgenommen. „Die Thermistorketten der Bojen sind sehr empfindlich und sind in den vergangenen Jahren immer wieder durch Sturm an der Oberfläche oder Eispressungen und ähnliches kaputt gegangen. Deswegen freuen wir uns umso mehr über diese lange Zeitreihe – und ihre wissenschaftliche Auswertung“, erklärt Stefanie Arndt.

Damit geht das Bojen-Patenschafts-Projekt zu Ende. Auf die Frage, ob sie ein solches Projekt in Zukunft noch einmal plant, muss die Meereisphysikerin lachen: „Das haben mich in letzter Zeit sehr viele Menschen gefragt. Ich würde gerne wieder ein vergleichbares Projekt auf die Beine stellen, da ich glaube, dass für die Kinder, ihre Eltern und Lehrer/innen unsere Forschung und die damit verbundenen Erkenntnisse wirklich greifbarer und verständlicher werden, wenn wir sie so in unsere Arbeit integrieren. Das ist ganz wichtig, denn wir forschen für ihre Zukunft – damit auch die nächsten Generationen noch einen weißen Kontinent, die Antarktis, und einen eisbedeckten Nordpol, die Arktis, erleben dürfen.“

Kontakt:
Dr. Stefanie Arndt (AWI)
Dr. Renate Treffeisen (AWI)

 

Haben Sie Fragen?
info(at)meereisportal.de