„Meereisbiologie“: neuer Wissensbereich in meereisportal.de

31. März 2022

Das Meereis der Arktis und Antarktis ist ein einzigartiger Lebensraum für eine Vielzahl von Organismen, die auf der Oberfläche des Eises, im Inneren in Salzlaugenkanälen oder an der Eisunterseite in der Grenzschicht zwischen Eis und Wasser vorkommen. Pflanzen und Tiere, die hier leben, müssen an dieses raue Klima besonders angepasst sein. Die Organismen müssen mit der Eisbedeckung, niedrigen Temperaturen und stark schwankenden Salzgehalten umgehen können. Hinzu kommt der Wechsel von Hell und Dunkel. Während der Polarnacht scheint die Sonne in den Polarregionen gar nicht. Im Sommer ist es rund um die Uhr hell. Algen, die hier heimisch sind, unterliegen damit einem saisonal stark schwankenden Lichtangebot. Da sie bei Dunkelheit weder wachsen noch sich vermehren können, ist die Produktion an Biomasse, die sogenannte Primärproduktion, hier in der dunklen Zeit im Vergleich zu anderen Meeresregionen deutlich geringer. Für Lebewesen, die sich von den Algen ernähren, bedeutet das, dass sie mit einem zeitweise stark limitierten Nahrungsangebot zurechtkommen müssen.


Bekannt ist, dass das Artenspektrum des arktischen und südlichen Ozeans immens ist (Abbildung 1). Die genauen Zahlen sind bis heute nicht bekannt, weil große Teile der polaren Tiefsee unerforscht und umfassende Artenzählungen noch immer schwierig durchzuführen sind. Zu den Bewohnern der Arktis und Antarktis zählen winzige Organismen wie Bakterien, Archaeen oder Mikroalgen, wirbellose Tiere, Fische, Robben oder auch Wale. Auf dem Eis leben Pinguine und Eisbären. Alle Lebewesen nehmen hier unterschiedliche Nischen ein. Manche Arten wohnen auf dem Meereis, andere am Rande der Meereisflächen, unter oder im Eis. Darüber hinaus ist das Meereis für viele marine Vogelarten  ein wichtiger Lebensraum, der auf vielfältige Weise mit Seevögeln interagiert. Einerseits ermöglicht das Meereis den Zugang zu einem zuverlässigen Nahrungsnetz, das mit den Lebensräumen des Meereises verbunden ist. Andererseits kann das Meereis eine physikalische Barriere darstellen, die die Versorgung mit Nahrung behindern kann. Das bedeutet, dass zu viel Eis, oder Eis am falschen Platz oder am richtigen Platz zur falschen Zeit, für Seevögel verheerend sein kann, wenn sie vollständig davon abhängig sind, in saisonal gefrorenem Meereis Nahrung zu finden. Viele Vogelarten folgen im Laufe des Jahres daher der Bewegung des Meereises.


„Lebensraum Meereis“ eine Erweiterung des Wissensangebots

Mit der Erweiterung des Angebots im Bereich „MeereisWissen“ von meereisportal.de wird ein bereits lang an das Team herangetragener Wunsch realisiert, die physikalische Welt und das Klimawissen rund um das Meereis um den wichtigen Bereich Meereisbiologie zu ergänzen. Denn beide Wissensfelder sind unabdingbar, will man sich den Fragen des Klimawandels in diesem einzigartigen und hoch spezialisierten Ökosystem stellen. „Wir haben uns bereits schon etwas länger auf den Weg gemacht, die Meereisbiologie in unser Angebot zu integrieren. Die Komplexität des Themas und die tagesaktuellen Aufgaben haben uns jedoch immer wieder zurückgeworfen, um das Projekt abzuschließen. Mit der Unterstützung vielen Kolleginnen und Kollegen, die die Texte auf Richtigkeit und Aktualität geprüft, Graphiken und Abbildungen erstellt und Fotos zur Verfügung gestellt haben, konnten wir dieses Vorhaben nun endlich realisieren“, freut sich Dr. Renate Treffeisen, Leiterin des Klimabüros für Polargebiete und Meeresspiegelanstieg am AWI und Initiatorin dieser Erweiterung. „Wenn wir das Klima- und Ökosystem der Polarregionen besser verstehen wollen, um auch bessere Prognosen erstellen zu können, geht dies nur durch interdisziplinäre Zusammenarbeit. Unsere Studien kombinieren immer mehr physikalische und biologische Untersuchungen, da wir nur so die Wechselwirkungen analysieren können. Ich finde es großartig, dass das Meereisportal nun um diese wichtige biologische Komponente erweitert wurde.“, bewertet Dr. Marcel Nicolaus das neue Angebot. Er ist Meereisphysiker am Alfred-Wegener-Institut und insbesondere auf die Prozesse an der Grenzschicht Meereis-Ozean spezialisiert. Dr. Ilka Peeken, Meereisbiologin am AWI, arbeitet seit vielen Jahren am Verständnis der Meereis-Ökosysteme in den Polarregionen und beschreibt die Bedeutung des Wissensangebot um die Meereisbiologie so: „Für die meisten Menschen ist es kaum vorstellbar, dass im Eis überhaupt Leben existiert. Dabei sind die Organismen, die dort wachsen, ein wichtiger Bestandteil der Nahrungskette in den polaren marinen Ökosystemen bis hinauf zu den Pinguinen bzw. Eisbären. Daher begrüße ich es, dass der Bereich Meereisbiologie im „MeereisWissen“ um dieses wichtige komplexe Thema erweitert wurde.“

Aufbau und Gliederung des Angebots

Der Bereich ‚Meereisbiologie' gliedert sich in drei Hauptthemen: Meereis als Lebensraum, Beziehung zwischen Meereis und pelagischer Umwelt und Meereisökosysteme und Klimawandel. Jedes dieser Kapitel ist in die Bereich Arktis und Antarktis unterteilt, da beide Polarregionen ihre eigenen Spezifika und Artenvielfalt haben. Die Texte sind so verfasst, dass sie das wichtigste Grundwissen darstellen, dann aber auch auf erweiterte Literatur verweisen. So soll Basiswissen vermittelt und ein erster Zugang zu dem komplexen Thema gegeben werden. „Wir wollen mit dem neuen Wissensangebot die Attraktivität von meereisportal.de erweitern und so dazu beitragen, ein verbessertes Verständnis für den Lebensraum in den Polarregionen und die Auswirkungen des Klimawandels insbesondere auf das hochspezialisierte Ökosystem zu geben und für die Verletzlichkeit dieses Lebensraums aber auch die Risiken durch die zunehmende Klimaerwärmung zu sensibilisieren“, beschreibt Dr. Klaus Grosfeld, Mitbegründer von meereisportal.de die Intention der Erweiterung des Informationsportals. Das neue Angebot ist an alle interessierten Personen gerichtet, insbesondere aber auch an Schülerinnen und Schüler sowie junge Studierende, die sich für die Thematik der Meereisforschung und Polarregionen begeistern und das Grundwissen als Einstieg in weitergehende Recherche und Studium nutzen möchten. meereisportal.de ist als Informations- und Datenportal zum Thema Meereis 2014 an den Start gegangen und hat sich mittlerweile als zentrale Wissensplattform etabliert.


Viele Kolleginnen und Kollegen haben die Erweiterung durch unterschiedliche Expertisen und Zuarbeiten unterstützt, dafür bedanken wir uns ausdrücklich. Und trotzdem kann es sein, dass an der einen oder anderen Stelle eine größere Tiefe gewünscht oder manch wichtiger Aspekt nicht ausreichend erfasst ist. Das ist die Gradwanderung, mit der wir das Wissensangebot an eine möglichst breite Zielgruppe richten. Für Anregungen, Kritik oder Wünsche sind wir daher offen, um langfristig das Angebot weiter verbessern zu können.


Kontakt:
Dr. Renate Treffeisen (AWI) und Dr. Klaus Grosfeld (AWI) stellvertretend für das gesamte meereisportal.de-Team


Folgende Personen haben zum Bereich Meereisbiologie beigetragen:

Horst Bornemann, Elke Burkhardt, Hauke Floris, Steve Geelhoed, Klaus Grosfeld, Clara Hoppe, Hennig Lege, Simon McGlone, Hadi Mahenna, Barbara Niehoff, Ilka Peeken, Renate Treffeisen, Marietta Weigelt, Dieter Wolf-Gladrow wie auch viele Praktikant:innen des Klimabüros.


Weiterhin bedanken wir uns für die Unterstützung von Tim Schröder (freier Journalist).


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info(at)meereisportal.de