Meereisausdehnung im Juni in der Antarktis auf monatlichem Tiefststand seit 1979

18. Juli 2022

Der Monat Juni ist in beiden Polarregionen durch starke Veränderungen hinsichtlich der Eisausdehnung geprägt. In der Arktis nimmt der Einfluss der solaren Einstrahlung stetig zu bis am 21. Juni der Polartag nördlich des Polarkreises beginnt und die Sonne für viele Wochen nicht mehr unter den Horizont sinkt. In der Antarktis setzt die Polarnacht ein und die Sonne ist in vielen Gebieten südlich des Wendekreises nicht mehr zu sehen. In der Arktis beginnt die Phase der stärksten Eisschmelze, während der Packeisgürtel in der Antarktis stetig anwächst. In diesem Jahr beobachten wir in der Antarktis jedoch eine für Juni niedrige Eisausdehnung, die mit 12,35 Mio. km² im Monatsmittel sogar einen Tiefstwert seit Beginn der kontinuierlichen Satellitenbeobachtungen im Jahr 1979 angenommen hat. In welcher Region zeigt sich diese geringe Eisausdehnung und was sind mögliche Ursachen dafür?


Monatliche Meereisentwicklung in der Antarktis im Juni 2022

Die Meereisausdehnung im Monat Juni 2022 ist von 10,82 Mio. km² am 01.06.22 auf 13,83 Mio. km² am 30.06.22 angewachsen (Abb. 1). Das entspricht einer durchschnittlichen Wachstumsrate von ca. 100.000 km² / Tag und einer täglichen Zunahme der Meereisfläche der Größe Islands. Den gesamten Monat entwickelte sich die Eisausdehnung am unteren Rand der zweifachen Standardabweichung der Jahre 1981 – 2010, die als klimatologische Referenzperiode gilt. Am 21.06.22 wurde sogar ein besonders niedriger Wert für diesen Tag im Juni mit 12,74 Mio. km² beobachtet. Schaut man sich die Entwicklung der mittleren monatlichen Eisausdehnung im Juni für den Zeitraum 1979 – 2022 an, so ist in diesem Jahr ein neuer Minimumwert mit 12,35 Mio. km² erreicht, der nur knapp unter den bisher niedrigsten Werten der Jahre 2002, 2017 und 2019 liegt (Abb. 2). Auffällig ist, dass in den vergangen sieben Jahren die Monatsmittelwerte unterhalb des Langzeittrends liegen (bis auf das Jahr 2021). Dies ist auch für die anderen Monate des Jahres zu beobachten (siehe hier). Bis 2016 zeichnete sich die Entwicklung durch einen eher langsam aber stetig anwachsenden Packeisgürtel mit ca. 0,6 % pro Dekade im Monatsmittel ab.

Im Vergleich zum Langzeitmittel der Jahre 2003 bis 2014 ist insbesondere im nördlichen Weddellmeer bis hin zur Kosmonauten See sowie in der Bellingshausen- und Amundsensee weniger Meereis vorhanden (Abb. 3).  Insgesamt beträgt der Unterschied zum Langzeitmittel etwa 1 Mio. km². Eine mögliche Ursache für das außergewöhnlich geringe Eiswachstum verbunden mit der für diesen Monat geringen Eisausdehnung könnte in den für den Monat Juni ungewöhnlich hohen Lufttemperaturen in der Antarktis auf 925 hPa (circa 760 m Höhe) liegen, die sich auf fast dem gesamten Kontinent und dem umgebenden Ozean deutlich über dem langjährigen Durchschnittswert befinden (Abb. 4). Diese Anomalie erstreckt sich über weite Bereiche des Weddellmeeres mit Temperaturwerten von bis zu 6° C oberhalb des Langzeitwertes 1971-2000. Nördlich der Eisrandzone im Weddellmeer sind Meeresoberflächentemperaturen von bis zu 1,5°C oberhalb es Langzeitmittels zu beobachten, die die Meereisbildung zusätzlich verzögern. Die ausgedehnte Temperaturanomalie über dem Weddellmeer und der zentralen Antarktis ist verbunden mit einer ausgeprägten Tiefdruckzelle über der Bellingshausen- und Amundsensee, die warme Luftmassen über das Weddellmeer in die zentrale Antarktis führt. Erst mit Einbrechen des Tiefdruckzelle über der Antarktischen Halbinsel ist ein genereller Wechsel im Wetterregime zu rechnen, der eine stärkere Abkühlung und damit ein schnelleres Anwachsen des Packeisgürtels zur Folge hätte.

Der National Snow and Ice Data Center (NSIDC) schreibt dazu aber auch: Während die auf den Luftdruckmustern basierenden Windrichtungen mit den Temperaturunterschieden übereinstimmen (kühle Winde kommen vom Kontinent, wärmere Winde kommen aus dem Norden), stimmen sie im Allgemeinen nicht mit dem Meereismuster überein. Obwohl kühle kontinentale Luft über die Amundsensee strömt, ist die Meereisausdehnung dort noch gering. Die warmen Bedingungen entlang der Küste von Wilkes Land (Ost-Antarktis) haben nicht dazu beigetragen, die Eisausdehnung im Juni in diesem Gebiet zu verringern.

Monatliche Entwicklung in der Arktis

In der Arktis lag der Eisverlust im Juni sehr gleichförmig um etwa 80.000 km² pro Tag. Das Mittel der Eisausdehnung für diesen Monat betrug 10,66 Mio. km² und rangierte hiermit auf Platz 10 der Liste der langjährigen Entwicklung (Abb. 5). Die Eisabnahme entwickelte sich vergleichbar zum letzten Jahr und verlief entlang der unteren Grenze der zweifachen Standardabweichung der Jahre 1981-2010. Zum Ende des Monats war die Eisabnahme geringer als im Vergleich zum Vorjahr. Erste Öffnungen der Eisdecke sind in der sibirischen Arktis im Bereich der Kara- und Laptewsee erfolgt, sowie in der Tschuktschensee, entlang der Küste von Alaska und in der Baffin Bucht (Abb. 6). Insbesondere die Barentssee weist eine für diese Jahreszeit geringe Eisbedeckung auf und die Eiskante ist gegenüber dem Langzeitmittel der Jahre 2003 – 2014 deutlich nach Norden verschoben (Abb. 7).

Mit dem Monat Juni ist auch die erste Vorhersage des sogenannten Sea Ice Outlook (SIO) veröffentlicht worden. Dies ist eine seit mehr als zehn Jahren laufende gemeinsame Bemühung der Wissenschaftsgemeinschaft, alle zur Verfügung stehenden Daten und Beobachtungen zusammenzufassen, um Interessensgruppen und die Öffentlichkeit mit den bestverfügbaren Informationen über die Entwicklung des arktischen Meereises zu versorgen. Der für dieses Jahr prognostizierte Medianwert für die panarktische Meereisausdehnung im September beträgt 4,57 Millionen Quadratkilometer mit Quartilen von 4,34 und 4,90 Millionen Quadratkilometern. Dies liegt über dem vom SIO zum selben Zeitpunkt prognostizierten Wert der Meereisausdehnung im September für die letzten drei Jahre (2019-2021). Eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Juni Vorhersage für das Meereisminimum im September wird in Kürze auch auf meereisportal.de veröffentlicht.

Kontakt:
Dr. Klaus Grosfeld
Dr. Renate Treffeisen

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