Starker Rückgang der Meereiskonzentration verlangsamt sich

14.08.2020

Das Anfang Juli beobachtete schnelle Tempo des Eisverlusts setzte sich in der dritten Juliwoche weiter fort, danach verlangsamten sich die Eisverlustraten sehr schnell (Abb. 4).

Die durchschnittliche Ausdehnung des Meereises betrug im Juli 2020 6,85 Millionen km2, die niedrigste Ausdehnung aller für diesen Monat je aufgezeichneten Satellitenmessungen (siehe Abbildungen 1 und 2). Diese Werte lagen circa 2,5 Millionen km2 unter dem Juli-Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010 und damit circa 280.000 km2 unter dem vorherigen Rekordtief des Julis 2019 (siehe Abbildung 2). Im Laufe des Monats ging das Meereis um durchschnittlich circa 106.000 km2 pro Tag zurück, das entsprach circa 17.000 km² mehr als der Durchschnitt von 1981 bis 2010 von 86.800 km² pro Tag. Dies entspricht einem Gesamtrückgang von 3,07 Mio. km2 der Eisausdehnung im Juli 2020.

Einschließlich 2020 beträgt die lineare Abnahmerate der Meereisausdehnung im Monat Juli 8,5 % pro Jahrzehnt oder circa 80.000 km2 pro Jahr. Dies entspricht etwa der Größe des Bundeslandes Bayern. Während der 42-jährigen Satellitenaufzeichnung hat die durchschnittliche Juli-Meereisausdehnung in der Arktis etwa 3,47 Millionen km2 Eis abgenommen, basierend auf der Different der linearen Trendwerte in den Jahren 1979 und 2020.

Überdurchschnittlich hohe Lufttemperaturen und eine ausgedehnte Entwicklung von Schmelztümpeln trugen jedoch dazu bei, die Meereisausdehnung insgesamt auf einem Rekordtief für den Monat Juli zu halten. Gegen Ende des Monats zog ein starkes Tiefdrucksystem über dem Eis in der Beaufortsee-Region. Vor allen Dingen die Gewässer der Ostsibirischen See, der Laptewsee und der Karasee wurden vom offenem Ozean dominiert. Insgesamt liegt die Meereisausdehnung in weiten Teilen der Arktis deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt (siehe Abbildung 3).

Wegen des ungewöhnlich frühen Rückzugs des Meereises auf der sibirischen Seite der Arktis ist die Nordostpassage in der zweiten Monatshälfte eisfrei (siehe Abbildung 4). Dies ist der früheste Zeitpunkt im Jahr, an dem diese Route jemals eisfrei war. Um die Insel von Sewernaja Semlja findet sich im Juli noch etwas Eis, das Anfang August auch langsam verschwindet. Es wird davon ausgegangen, dass die Nordostpassage die kommenden zwei bis drei Monate eisfrei und offen sein wird.

Während sich das Eis in den ersten drei Juliwochen schnell zurückzog und unter der Kurve von 2019 lag, verlangsamte sich die Abnahme ab den 23. Juli, als sich die zurückgehende Eiskante Gebieten mit höherer Eiskonzentration näherte, das nicht so leicht wegschmilzt. Nichtsdestotrotz wurde im Juli 2020 ein neues Minimum der Juli-Ausdehnung des Meereises über die Satellitenzeitspanne erreicht.

Die durchschnittlichen Lufttemperaturen auf der Höhe von 925 hPa (ca. 760 m über dem Meeresspiegel) lagen im Juli bis zu 6 °C über dem langjährigen Durchschnitt über dem zentralen Arktischen Ozean in Polnähe (Abbildung 6 links). In den Küstenregionen lagen die Temperaturen zwischen 2°C und 4°C über dem langjährigen Durchschnitt. Überdurchschnittlich hohe Lufttemperaturen erstreckten sich auch weiter südlich über die Baffin Bay und die Davis-Straße. Eine Ausnahme bildete die südliche Beaufortsee, die um 1°C bis 2°C kühler als der langjährige Durchschnitt war. Die warmen Bedingungen der ersten Julihälfte  hielten auch im restlichen Juli weiterhin an. Dieses Temperaturmuster spiegelt den ungewöhnlich hohen Luftdruck auf Meereshöhe über der Laptewsee, der Ostsibirischen See und Grönland wider. So konnte sich die warme Luft bis in die Küstenregionen ausdehnen.

Schmelzbeginn und Schmelztümpel

Der Zeitpunkt des Schmelzbeginns und der Entwicklung der Schmelztümpel beeinflusst, wie viel Meereis im Sommer schmelzen wird. Schmelzender Schnee und Schmelztümpeln reduzieren die Oberflächenalbedo, wodurch mehr Sonnenenergie vom Eis absorbiert wird. Genauso ermöglicht es die frühe Entwicklung von offenem Wasser dem Ozean Sonnenstrahlen zu absorbieren, wodurch sich die Mischschicht des Ozeans erwärmt und dadurch das weitere Schmelzen von unten und von der Seite begünstigt werden.

In diesem Sommer setzte die Schmelze auf fast dem gesamten arktischen Ozean überdurchschnittlich früh ein, mit Ausnahme der südlichen Teile der Beaufort-, Tschuktschen und Teilen der Ostsibirischen See sowie der südlichen Hudson Bay. In der Laptew- und Karasee war der Schmelzbeginn bis zu 30 Tage früher als im langjährigen Durchschnitt. Der frühe Schmelzbeginn hing zum Teil mit einem anhaltenden Hochdruckgebiet über Sibirien im April und Mai und einem rekordverdächtigen warmen Frühling in dieser Region zusammen. Der frühe Schmelzbeginn auf der sibirischen Seite der Arktis spiegelt sich in einer ausgedehnteren Schmelztümpel-Entwicklung über der Ostsibirischen See, der Laptewsee und Teilen der Karasee bereits im Mai wider. Im Juni waren dann auch die Schmelztümpel über weite Teile des Arktischen Ozeans und vor allem nördlich von Grönland und dem kanadischen Archipel überdurchschnittlich ausgedehnt. Die Entwicklung von ausgedehnten Schmelztümpeln zu Beginn der Saison in der Ostsibirischen See und der Laptewsee hat die frühe Entwicklung von offenem Wasser in dieser Region begünstigt. Gleichzeitig hatte diese Region zu Beginn der Schmelze als Folge der starken positiven arktischen Oszillation über den Winter wahrscheinlich relativ dünnes Eis. Die atmosphärische Zirkulation von Land auf Meer im Frühjahr und Frühsommer trug ebenfalls zu einem frühen Eisrückgang in dieser Region bei. (Quelle: nsidc.org/arcticseaicenews/2020/08/steep-decline-sputters-out/)



Kontakt:
Dr. Georg Heygster (Universität Bremen)
Dr. Renate Treffeisen (AWI)

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