Saisonal geringe Meereisbedeckung in der Arktis

25. Mai 2020

Nach dem historisch niedrigsten Wert der Meereisausdehnung für den Monat April im letzten Jahr 2019 ist die Eisausdehnung in diesem Jahr nur 204.000 km² größer und rangiert in der Liste der Monatsmittelwerte auf Platz zwei seit 1979 (Abbildung 1). Insbesondere im Beringmeer, aber auch im Ochotskischen Meer sowie in der östlichen Barentssee war weniger Meereis vorhanden, als im langjährigen Mittel von 2003 – 2014. In der nordöstlichen Grönlandsee sowie in der westlichen Barentssee war der Eisrand hingegen ausgedehnter als es im Langzeitmittel der Fall war (Abbildung 2). Das Tempo des Eisverlustes betrug im April circa 36.100 km² pro Tag. Insgesamt verringerte sich die Ausdehnung des arktischen Meereises im April gegenüber dem Monat März um circa 1,1 Mio. km², was etwa zweimal der Fläche der Größe von Frankreich entspricht.

Die Lufttemperaturen im April auf der 925 hPa Druckhöhe (ca. 750 m Höhe) lagen im Großteil der Ostsibirischen See und der Beringsee 2-5 C° über dem langjährigen Durchschnitt, mit der Ausnahme von Spitzbergen und der Barentssee, deren Temperaturen nah am Durchschnitt rangierten (Abbildung 3, links). In der Baffin Bay, in Nord-Grönland sowie in der Grönlandsee lag die Lufttemperatur ebenfalls 6-8 C° über dem Durchschnitt, und etwa 8 C° in Sibirien. Kanada wies währenddessen weiterhin eine unterdurchschnittliche Lufttemperatur für die entsprechende Jahreszeit auf (Abbildung 3, rechts). Dieses Muster der Lufttemperaturen ist das Ergebnis eines überdurchschnittlichen Luftdrucks auf Meeresniveau über Alaska und Sibirien, gekoppelt mit niedrigem Druck über dem zentralen Arktischen Ozean, der dazu beiträgt, warme Luft aus dem Süden über das Beringmeer und die Karasee zu transportieren. Der  ungewöhnlich niedrige Luftdruck über der zentralen Arktis führt zu einer zyklonalen (auf der Nordhalbkugel gegen den Uhrzeigersinn gerichteten) Luftströmung, in der die warmen Luftmassen von Nord-Grönland in Richtung Osten, nördlich von Spitzbergen treiben und dort für teilweise ungewöhnlich warme Temperaturen geführt haben. So wurde im MOSAiC- Camp am 19. April die bisher wärmste Temperatur mit -0,2°C erreicht. Generell haben die warmen Lufttemperaturen den Schnee dort teilweise zum Schmelzen gebracht und zu Schmelz-Gefrier-Zyklen geführt, die die Schneeeigenschaften deutlich verändert haben. Die generelle Witterung hat auch für die Meereisbedingungen rund um das MOSAiC-Camp Konsequenzen. Es bildeten sich zunehmend Spalten und Risse im Eis und die Eiskonzentration sank auf teilweise unter 90 % (Abbildung 4). Hierdurch konnten einige Außenstation und Observatorien nicht mehr zu Fuß, sondern nur noch mit dem Helikopter besucht werden.

Meereisentwicklung in der Antarktis auf durchschnittlichem Verlauf

In der Antarktis hat sich der Trend des Vormonats fortgesetzt und die Eisausdehnung hat sich auf durchschnittlichem Niveau des langjährigen Mittels fortentwickelt (Abbildung 5). Ende April betrug die Meereisausdehnung 8,26 Mio. km² und lag damit nur knapp unter dem Durchschnittswert der Jahre 1981 - 2010 und deutlich innerhalb der 2-Sigma Standardabweichung dieses Vergleichszeitraums (Abbildung 6). Weiterhin ist insbesondere im Weddellmeer sowie in der Eisrandzone vom Bellingshausen- bis ins Rossmeer hinein für die Jahreszeit zu wenig Meereis vorhanden, in der Davis-See, Ostantarktis, ist jedoch eine größere Eisbedeckung gegenüber dem Langzeitmittel festzustellen. So ist die Entwicklung von besonders geringen Eisausdehnung im Monat April der letzten drei Jahre zwar gebrochen und der Wert ist wieder auf ein durchschnittliches Niveau angestiegen. Für den Monat April ist ein langfristiger Trend in der Eisausdehnung für den Zeitraum 1979 – 2020 von -1,5 % pro Dekade festzustellen (Abbildung 7). Über dem Eisschild hat sich die Oberflächentemperatur im April als überwiegend zu warm dargestellt. In großen Teilen der Ostantarktis lagen die Lufttemperaturen auf 925 mb über 6°C oberhalb des langjährigen Mittelwertes der Jahre 1972-2000, während in der Westantarktis bis hin zur Antarktischen Halbinsel 1-3°C wärmere Temperaturen vorherrschten. Auch die Meeresoberflächentemperaturen im Südozean sind noch durch den Sommer geprägt und haben leicht wärmere Temperaturen als im Langzeitmittel der Jahre 1980-2000.

Wie der wissenschaftliche Leiter des meteorologischen Observatoriums an der deutschen Überwinterungsstation Neumayer III, Dr. Holger Schmithüsen, zur Bewertung der Sommersaison 2019 / 2020 beschreibt, lag die Atmosphärentemperatur in 2 m Höhe nahe der Station während des Südsommers im Normalbereich der langjährigen Streuung. Die Monatsmittelwerte der Monate November bis Januar lagen alle etwas über dem Durchschnitt (November: 0,7°C, Dezember: 1,3°C und Januar: 1,2°C). Im Gegensatz dazu liegen die Aufzeichnungen vom Februar 2020 nahe am Mittelwert (Abbildung 9). Die kältesten Temperaturen wurden im November mit -26,0°C erreicht, während Dezember und Januar häufig Temperaturen bis zum Gefrierpunkt aufweisen. Im Gegensatz zum eher ruhigen November herrschten im Dezember windigere Bedingungen als normal. Januar und Februar waren, was typisch ist, die windstilleren Monate, was die Windgeschwindigkeit betrifft. Auch begann das Jahr 2020 mit White-Out-Werten nur zu 5 % und 6 % der Zeit mit recht guten Arbeitsbedingungen. Im Jahr 2020 gab es nur ein einziges, eher kurzes Sturmereignis am 18. und 19. Januar.

Kontakt :
Dr. Klaus Grosfeld (AWI)
Dr. Renate Treffeisen (AWI)
Dr. Holger Schmithüsen

 Haben Sie Fragen?
info(at)meereisportal.de