Arktische Meereisausdehnung zeigt weiter deutliche Abnahme

15. Juli 2020

Die Ausdehnung des Meereises in der Arktis ist mit dem Beginn des Sommers auf der Nordhemisphäre und somit des Mitsommers nördlich des Polarkreises auf weiterhin niedrigem Kurs. Im Großteil des Monats Juni und auch zu Beginn des Julis war die Eisausdehnung unterhalb des Rekordjahrs 2019 für diesen Monat (Abb. 1). Im Monatsmittel betrug die Eisausdehnung 10,03 Millionen km² und war damit zusammen mit 2019 der niedrigste jemals beobachtete Wert seit 1979, dem Beginn der kontinuierlichen Satellitenaufzeichnung (2019: 10,03 Millionen km²) (Abb. 2). Insbesondere in der russischen Arktis waren größere Bereiche der Küstenregion eisfrei, allen voran in der Kara- und Laptewsee (Abb. 3). Ende Juni und Anfang Juli hat sich in der Ostsibirischen See eine breite Küstenpolynja ausgebildet, die es bisher zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben hat (Abb. 4). Im Gegensatz dazu war der Eisrückgang in der kanadischen Arktis nicht so ausgeprägt wie im letzten Jahr, sondern folgte hier eher dem Langzeitmittel. Ursache hierfür war eine ausgeprägte Temperaturanomalie über der nördlichen sibirischen Arktis, die im Juni mehr als sechs Grad Celsius über dem Langzeitmittel von 1971 – 2000 erreichte (Abb. 5). In der Region Sacha (Ost Sibirien) wurden sogar Temperaturen von 38 °C nördlich des Polarkreises erreicht, wo sonst zu dieser Jahreszeit üblicherweise 20 °C vorherrschen. Diese hohen Temperaturen führen zu Waldbränden und beschleunigen das Auftauen des Permafrostes mit weitreichenden Folgen für die Natur, die Infrastruktur und die Freisetzung von Methan, dem neben CO2 bedeutsamen Treibhausgas mit 20mal stärkerer Klimawirkung. Diese langanhaltende Wärmeinsel, die sich bereits im Mai gebildet hat, kann in Zusammenhang mit einer Schwächung des atmosphärischen Jetstream sowie einem verstärkten Mäandrieren der atmosphärischen Zirkulationsmuster stehen (siehe auch Abb. 5 rechts; mehr Informationen hier). Bereits im Mai hatte es in der Region eine deutlich geringere Schneebedeckung im Vergleich zu Vorjahren gegeben, die zu einer Verstärkung des Eis-Albedo Effektes und damit eine Erwärmung führte. In Folge begann der Permafrost stärker zu tauen, mit großen Auswirkungen auf die Infrastruktur und die Wechselwirkungsprozesse zwischen Landoberflächen und Atmosphäre.

Im Juni hat sich eine Hochdruckzelle in der Troposphäre auf 500 hPa etabliert (Abb. 5 Mitte), die weiter warme Luft in diese Region transportiert hat. Verminderte Niederschläge und eine reduzierte Bodenfeuchte führten zu einer Verstärkung dieser Hochdruckwetterlage. Dieser gesamte Effekt steht in Zusammenhang mit der sogenannten „quasi resonanten Verstärkung planetarer Wellen“ (kurz QRA im Englischen), die als atmosphärisches Muster Extremwetterbedingungen begünstig, z. B. den Hitzesommer und Extremniederschläge in Europa 2018. Weiterführende Informationen hierzu finden Sie hier. Im Frühsommer 2020 führte dies zu großer Hitze in Sibirien, während es im Südwesten Europas zu Starkniederschlägen und Überschwemmungen in Ungarn, Polen, Slowakei und Tschechien kam.

Kontakt:
Monica Ionita-Scholz (AWI)
Klaus Grosfeld (AWI)  
Renate Treffeisen (AWI)

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