Geringe Meereisveränderungen im Juni

20. Juli 2018

„Im Juni dieses Jahres bewegt die sie arktische Meereisausdehnung wieder im Bereich der zweifachen Standardabweichung des langjährigen Mittelwertes“, so Dr. Georg Heygster aus der Meereisphysik der Universität Bremen (siehe Abbildung 1). „Damit hat sich der Rückgang des Meereises im Juni verlangsamt. Überdurchschnittlichen Temperaturen finden sich weiterhin über Zentralsibirien und über der Laptew- und der Ostsibirischen See“, ergänzt der Experte. 

Die arktische Meereisausdehnung beträgt im Juni 2018 durchschnittlich 10,37 Millionen km² (siehe Abbildung 2). Dieser Wert liegt 1,4 Millionen km² unter dem Durschnitt der Jahre 1981 bis 2010 sowie 196.000 km ² entsprechend 1,9 % über dem Rekordtief der Meereisausdehnung im Juni 2016. Es war der viert-niedrigste Wert für den Monat Juni seit Beginn der Satellitenmessungen (siehe Abbildung 3).

In der Tschuktschensee blieb die Meereisausdehnung am Ende des Monats Juni unter dem langjährigen Durchschnitt, doch aufgrund des langsameren Rückgangs in dieser Region im Laufe des Junis ist die Meereisausdehnung nun näher am Durchschnittswert von 1981-2010, als dies Ende des Monats Mai der Fall war (Quelle: NSIDC). Die Meereisausdehnung in der Barents- und der ostsibirischen See liegen für Ende Juni ebenfalls unter dem langjährigen Durchschnitt. Der Großteil des Meereises im Ochotskischen Meer ist geschmolzen, wobei an der östlichen Seite der Bucht noch nennenswerte Eisfelder vorhanden sind. Eine merklich große Fläche offenen Wassers hat sich in der Laptewsee entwickelt, was zu einem Rekordtief der Ausdehnung in dieser Region während der ersten Hälfte des Junis geführt hat (siehe Abbildung 4). 

Das atmosphärische Druckmuster auf Meereshöhe für Juni zeigt Regionen mit geringem Drucküber der Barentssee und ein Hochdruckgebiet zentriert über der Laptewsee. Ein Hochdruckrücken weitet sich Richtung Osten nach Nord-Kanada aus (Abbildung 5a). Südliche Winde zwischen dem Tiefdruckgebiet in der Barentssee und dem Hochdruckgebiet in der Laptewsee bewirkten ein ausgeprägtes Gebiet mit überdurchschnittlichen Temperaturen über Zentralsibirien, das sich von der Laptew- bis zur ostsibirischen See erstreckt (Abbildung 5b). Die Temperaturen über dem übrigen arktischen Ozean lagen nah am langjährigen Durchschnitt oder leicht darunter (Quelle: NSIDC).

Dieses Temperaturmuster steht im Einklang mit der frühen Entwicklung von offenem Wasser in der Laptewsee. Die Meereisausdehnung hier umfasst ein Gebiet ähnlich demjenigen von Juni 2014, dem Monat mit dem bisherigen Rekordtief aller Monate Juni. Teile der Laptewsee haben sich bereits Mitte April geöffnet, womöglich durch die Winde, welche das Meereis von der Festeiszone (Eis welches an der Küste festgefroren ist und sich nicht bewegt) wegtransportierten. Sich hier neu bildendes Eis im offenen Wasser war dünn und zu Beginn der Eisschmelze im Sommer anfällig dafür zu schmelzen (Quelle: NSIDC).

Eine weitere Auswirkung der Warmluftmassen über der Laptewsee ist die einsetzende Schmelztümpelbildung auf dem Meereis in demselben Gebiet (Abbildung 6d). „Dies ist ein ungewöhnlicher Verlauf der Schmelze in der Arktis, denn üblicherweise beginnt die Bildung der Schmelztümpel in dieser Jahreszeit von der Tschuktschen-,Beaufort- und Ostsibirischen See aus“, erklärt Dr. Larysa Istomina von der Universität Bremen (siehe Abbildungen 6a-d für die Jahre 2010, 2011 und 2017).  

Von Bedeutung war der starke Zyklon Anfang Juni, der sich am 6. Juni in die Karasee bewegt hat. Das Minimum des zentralen Druckes erreichte am 7. Juni einen Wert von weniger als 970 hPa. Bis zum 10. Juni war er bis in die Beaufortsee vorgedrungen und löste sich am 13. Juni auf.

Neue Erkenntnisse für die Erwärmung der nördlichen Barentssee

Ein interessantes Phänomen der letzten Jahre ist eine Region von außergewöhnlich hohen Lufttemperaturen im Winter („Winter Hot Spots“) über der nördlichen Barentssee. Frühere Studien deuteten darauf hin, dass diese mit einem Rückzug der Halokline („halocline retreat“) in tiefere Wasserschichtenverbunden ist, also der Übergangszone zwischen Wasserschichten unterschiedlichen Salzgehalts. Süß- und Salzwasserschichten mischen sich dort nicht. Die weniger salzhaltigen, also leichteren Schichten „schwimmen“ auf den salzhaltigeren, also schwereren Schichten auf. Dadurch entsteht die Halokline oder Salzgehaltssprungschicht. Eine neue Veröffentlichung von Lind et al. (2018) argumentiert, dass die „Hot Spots“ aus einem fehlenden Transport des Meereises in dieses Gebiet resultieren. Meereis besteht aus Wasser geringen Salzgehalts (geringer Salinität), so dass mit dem Meereis nur eine geringe Menge Salz in diese Region transportiert wird. Folglich wird die Meeresoberfläche der nördlichen Barentssee weniger salzhaltig, was dem atlantischen Wasser erlaubt, sich stärker aufwärts zu vermischen. (Quelle: NSIDC)

Weitere Informationen:

Lind, S., R. B. Ingvaldsen, and T. Furevik. 2018. Arctic warming hotspot in the Northern Barents Sea linked to declining sea-ice import. Nature Climate Change.

Istomina, L., Heygster, G., Huntemann, M., Schwarz, P., Birnbaum, G., Scharien, R., Polashenski, C., Perovich, D., Zege, E., Malinka, A., Prikhach, A., and Katsev, I.: Melt pond fraction and spectral sea ice albedo retrieval from MERIS data – Part 1: Validation against in situ, aerial, and ship cruise data, The Cryosphere, 9, 1551-1566, doi:10.5194/tc-9-1551-2015, 2015.

Istomina, L., Heygster, G., Huntemann, M., Marks, H., Melsheimer, C., Zege, E., Malinka, A., Prikhach, A., and Katsev, I.: Melt pond fraction and spectral sea ice albedo retrieval from MERIS data – Part 2: Case studies and trends of sea ice albedo and melt ponds in the Arctic for years 2002–2011, The Cryosphere, 9, 1567-1578, doi:10.5194/tc-9-1567-2015, 2015.

Ansprechpartner:

Dr. Georg Heygster (Universität Bremen)

Dr. Larysa Istomina (Universität Bremen)

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