Sommerliches Meereisminimum in der Arktis durchschritten - Das Jahr 2016 zeigt die zweitniedrigste jemals gemessene Meereisausdehnung

14. September 2016

In einer gemeinsamen Pressemitteilung  der Universität Hamburg, CEN – Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit, und dem Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, wird die diesjährige Bilanz der Sommerschmelzperiode gezogen. Im September 2016 ist die Fläche des arktischen Meereises auf eine Größe von knapp 4,1 Millionen Quadratkilometern (Mio. km2) abgeschmolzen. Dies ist die zweitkleinste Fläche seit Beginn der Satellitenmessungen. Weniger Meereis gab es nur im Negativ-Rekord-Jahr 2012 mit 3,4 Mio. km2. „Dies ist erneut ein massiver Eisverlust in der Arktis“, so Prof. Lars Kaleschke von der Universität Hamburg. Prof. Christian Haas vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) bestätigt: „Der Trend setzt sich fort.“ Nordost- und Nordwestpassage sind jetzt gleichzeitig für Schiffe befahrbar.

Die Schmelzsaison in der Arktis geht zu Ende, die Größe der verbliebenen Eisfläche, das Septemberminimum, ist ein wichtiger Indikator für Klimaänderungen. So hat sich das Meereis in diesem Jahr ungefähr entlang der zweifachen Standardabweichung des langjährigen Mittelwertes von 1981-2010 (Abb. 1) bewegt. Selbst in der Winterperiode Januar bis März war die Ausdehnung sehr gering, gefolgt von der geringsten Ausdehnung im Frühjahr (Mai), was sich insbesondere durch erste eisfreie Flächen in der südlichen Beaufortsee, aber auch in der Barents- und Karasee zeigte.

„Im Winter 2015/2016 war die Luft über dem arktischen Ozean in weiten Teilen mehr als sechs Grad Celsius wärmer als im langjährigen Durchschnitt“, sagt Meereisphysiker Lars Kaleschke vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg. „Durch die höheren Temperaturen wächst das Eis im Winter weniger stark an.“ Dies wird auch durch Messungen der Eisdicke in diesem Sommer deutlich. Hochauflösende Flugzeugmessungen in verschiedenen Gebieten der Arktis zeigen: „Besonders das neu gebildete, erstjährige Eis war in diesem Jahr sehr dünn, kaum dicker als einen Meter. Normalerweise ist es beinahe doppelt so dick“, sagt Christian Haas. „Das mehrjährige Eis war dagegen in etwa so dick wie in den Vorjahren, rund drei bis vier Meter.

Dies hat den Eisverlust im Juni und Juli stark verzögert, bevor es im August aufgrund starker Winde doch noch schmolz.“ Für eine kontinuierliche Eisdickenbestimmung entwickelten die Universität Hamburg und das AWI gemeinsam ein neues Datenprodukt , das im Datenportal auf meereisportal.de zur Verfügung gestellt wird (siehe hier). Es kombiniert erstmals Messungen der zwei ESA-Satelliten CryoSat und SMOS und kann Trends aufzeigen. „So konnten wir schon am Ende des arktischen Winters sehen, dass das Eis zehn Zentimeter dünner war als in den Vorjahren, eine deutliche Verminderung“, sagt Lars Kaleschke. 

Die jeweils aktuelle Fläche des Meereises wird mit Hilfe von Satellitendaten bestimmt. Ein vom Team um Kaleschke verbessertes Verfahren erlaubt jetzt eine Abbildung bis auf drei Kilometer genau. Üblich sind bisher Auflösungen von etwa mindesten zwölf Kilometern. In der Visualisierung werden dadurch Details wie Wirbel, Rinnen und Eiskanten besonders gut sichtbar – und geben wertvolle Hinweise auf die Dynamik im Eis und damit seine Stabilität.  Es lässt sich hiermit erkennen, wie nördlich von Alaska der so genannte Beaufort-Wirbel das Eis ungewöhnlich früh im April aufbricht. Im Mai und Juni war die Eisfläche seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen dann tatsächlich kleiner als jemals zuvor.  Ebenfalls ungewöhnlich: Auch in der Nähe des Nordpols zeigt das Meereis in diesem Jahr viele offene Wasserflächen (Abb. 2).  Im Vergleich zu den Jahren 2007 und 2012 hat sich das Eis in diesem Jahr besonders stark zum Pol hin zurückgezogen und weist große eisfreie Flächen auf.

Die zeitliche Entwicklung der sommerlichen minimalen Meereisausdehnung für die Periode 1979-2016 (Abb. 3)  zeigt, dass der langjährige Trend in den letzten 10 Jahren in sieben Jahren unterschritten wurde und in diesem Jahr den zweitniedrigsten Wert erreicht.

Seit Ende August 2016 sind die Nordost- und die Nordwestpassage in der Arktis wieder offen. Die südliche Route der Nordwestpassage wurde in diesen Wochen von Yachten und einem Kreuzfahrtschiff durchfahren. Beide Schiffspassagen waren erstmals im Jahr 2008 gleichzeitig passierbar.

Das Meereis der Arktis gilt als kritisches Element im Klimageschehen und als Frühwarnsystem für die globale Erwärmung. In den 1970er und 1980er Jahren lagen die sommerlichen Minimumwerte noch bei durchschnittlich rund sieben Mio. km2. „Der Rückzug des arktischen Meereises ist ein deutlicher Hinweis, dass die globale Erwärmung ungebremst fortschreitet“, sagt Lars Kaleschke.

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Christian Haas (Meereisphysik AWI-Bremerhaven)
Prof. Lars Kaleschke (CEN – Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit, Universität Hamburg)

Hier geht es zur vollständigen Pressemitteilung.

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