Der Lebensraum Meereis

Marine arktische Ökosysteme haben einzigartige physikalische Eigenschaften, die sie von anderen marinen Systemen in den niederen Breiten deutlich unterscheiden. Einige der bedeutendsten unter ihnen sind: strenge Saisonalität der Lichtbedingungen, von völliger Dunkelheit im Winter zu ständigem Tageslicht im Sommer; generell niedrige Temperaturen mit Extrema im Winter; und das Vorhandensein von ausgedehnten Schelfgebieten. Wahrscheinlich eine der wichtigsten Charakteristiken ist jedoch, dass für die letzten mehr als fünf Millionen Jahre, in der Arktis eine „permanente Eisbedeckung“ von mehrjährigem Meereis vorhanden war, und auch über eine weite Fläche einjähriges Eis, das sich saisonal ausgedehnt und verringert hat. Gemeinsam bilden das einjährige und das mehrjährige Eis einen einzigartigen Lebensraum. Es wird zwischen drei Zonen unterschieden: [1]

  • eine polferne, fast ganzjährig eisfreie Zone, in die nur sporadisch Treibeisfelder und Eisberge driften
  • eine saisonale Eiszone, die im Winter von neugebildeten Eis bedeckt wird, das aber im folgenden Sommer wieder schmilzt (einjähriges Eis)
  • eine permanente Eiszone, die auch im Sommer einen bis mehrere Meter dicken Eispanzer besitzt (mehrjähriges Eis)


Die Grenzen zwischen diesen Zonen verlaufen fließend, Eisschollen unterschiedlichen Alters vermischen sich durch Strömungen, und die Eisrandzone ist oft viele Kilometer breit (siehe Meereisdrift). Das Meereis ist für die marinen Ökosysteme in den Polarregionen von größter Bedeutung.

Zusätzlich zur direkten Rolle als Habitat für arktische Biota spielt das Meereis auch eine Schlüsselrolle in Bezug auf die Ausbildung des arktischen Ökosystems. Meereis beeinflusst alle Prozesse, die an der Grenzfläche Ozean und Atmosphäre stattfinden. Aus der biologischen Perspektive ist eine der zentralen Rollen die Beeinflussung des Strahlungsaustauschs, die kritisch für die Photosynthese und den Wärmeaustausch ist. Das Meereis beeinflusst darüber hinaus den Impulstransport zwischen Ozean und Atmosphäre, was wiederum die Oberflächenschichtung und Mischungsbedingungen beeinflusst. Die Gebiete im Übergang von Meereis zum offenen Wasser, wie auch Polynjas, sind normalerweise Gebiete mit einer hohen Eis-Produktivität. Die geschlossene Eisdecke ist nicht nur ein Lebensraum auf dem Tiere leben, sondern auch in dem Organismen leben. Ein Rückgang der Meereisbedeckung würde daher starke ökologische Folgen nach sich ziehen.



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[1] D. Piepenburg, Der Rückgang des polaren Meereises und seine ökologischen Auswirkungen, in Warnsignale Klima, Die Meere, Änderungen und Risiken, Herausgeber J. L. Lozán, Wissenschaftliche Auswertungen in Kooperation mit GEO, 2011, S. 208