Bojenpatenschaft geht in die heiße Phase

15. Januar 2018
Was zunächst nur eine kleine Idee war, ist zu einem tollen Schulprojekt herangereift und geht nun in die spannende Phase: das „Projekt Bojen-Abenteuer“

Dr. Stefanie Arndt, Meereisphysikerin am Alfred-Wegener-Institut, hat sich neben ihrer Forschung zur Meereisentwicklung in der Antarktis schon immer dafür interessiert, wie das Wissen um die Klimaveränderungen in den Polargebieten in die breite Öffentlichkeit gelangen und wie man insbesondere junge Menschen für die Polarforschung begeistern kann. Denn was geographisch so weit entfernt von uns liegt, ist durch das Klimasystem und die damit verbundenen Wechselwirkungsprozesse eng mit unserem eigenen Leben  verbunden. Und so ist Stefanie Arndt schon während ihrer Doktorarbeit und auch danach viel in Schulen unterwegs gewesen, um über ihre Forschung zu berichten, hat bei „Science on the Road“ mitgemacht und sich im Sommer 2017 am Tag der offenen Tür auf dem Forschungsschiff Polarstern „OpenShip“ beteiligt. Und dort wurde die Idee für die Bojen-Patenschaften dann geboren. Vor ihrer Expedition in die Antarktis mit dem Forschungseisbrecher Polarstern vom 19. Januar bis 14. März 2018, wo sie neue Meereisdaten gewinnen und neue Messbojen im Meereis ausbringen wird, hatten wir die Gelegenheit, sie zu ihrem Projekt der Bojen-Patenschaften genauer zu befragen.

meereisportal.de: Wie bist du auf die Idee der Bojen-Patenschaften gekommen und was treibt dich an, dieses Projekt zu realisieren?

Stefanie Arndt:
Ich finde es wichtig, dass wir unsere Forschung nicht nur unter wissenschaftlichen Kolleginnen und Kollegen national und weltweit diskutieren und präsentieren, sondern dass die gewonnenen Ergebnisse auch so dargestellt werden, dass sie jedermann versteht. Besonders in den polaren Regionen unserer Erde passiert eine ganze Menge. Ich selber kann mich kaum erinnern in der Schule viel über die Arktis oder Antarktis gelernt zu haben. Anhand des Bojen-Projektes sehe ich daher nun die Möglichkeit, den Kindern die Polarregionen auf ganz spielerische Art und Weise näher zu bringen. Schon bei Gesprächen während “Science on the Road“ und „OpenShip“ hatten wir tolle Gespräche, ob die Bilder, die Kinder über die Arktis und Antarktis malen können, Eisschollen bei den Eisbären oder Pinguinen dekorieren sollen. Und schon haben die Kinder erste Dinge über die entfernten Regionen gelernt.
Die detaillierte Bojen-Patenschafts-Idee entstand aus zwei Ansätzen: Auf einer Expedition vor zwei Jahren ins Weddellmeer, Antarktis, war eine Schulklasse unseres HighSea-Schulprojektes hier am AWI Pate einer einzelnen Boje.
Die Idee war es auch schon damals den Schülern zu zeigen, was man rund ums Eis alles messen kann und wie sich Meereiseigenschaften verändern. Betreut wurde das Projekt damals von meinem Kollegen Leonard Rossmann im Zuge seines DFG-Doktoranden-Projektes (Snow Cover Impacts on Antarctic Sea Ice, SCASI). Auf der anderen Seite bin ich studierte Meteorologin und habe mein Bachelor-Studium in Berlin absolviert. Hier ist an das Institut für Meteorologie der sogenannte „Wetterturm“ gekoppelt, von dem aus bis heute stündlich Wetterbeobachtungen gemacht werden. Außerdem werden hier die Namen der Hoch- und Tiefdruckgebiete auf unserer Wetterkarte vergeben bzw. verkauft. Wenn man also ein Hoch- oder Tiefdruckgebiet erworben hat, bekommt man am Ende seiner Laufzeit auch eine kleine Lebensgeschichte über die entsprechende Trajektorie und verbundene Ereignisse des Wettersystems. Die Verknüpfung von beiden Projekten hat mein Bojenpaten-Projekt inspiriert.

meereisportal.de: Wieviel Schulen und Kinder beteiligen sich an dem Projekt und woher in Deutschland kommen die vielen kleinen Forscherinnen und Forscher?

Stefanie Arndt: Nachdem ich diese Woche auch noch von den letzten Nachzügler-Künstlerinnen und -Künstlern ihre Bilder bekommen habe, stehen wir nun bei 66 Kunstwerken, die auf Reise gehen werden. Viele der Bilder sind individuelle Bilder, ohne einen Schul- oder Gruppenverband. Ganz besonders gefreut habe ich mich aber über drei große Collagen, die von Grundschul- und Kitagruppen angefertigt wurden. Das sind tolle Gemeinschaftsprojekte. Die Gesamtheit der Bilder kommt quasi aus ganz Deutschland: Berlin, Hamburg, München, Jena – und alles dazwischen. Aber interessanter Weise haben wir kein Bild aus Bremerhaven erhalten.

meereisportal.de: Wann geht es mit deinem Fahrtabschnitt los und was ist dein Arbeitsschwerpunkt während der Expedition?

Stefanie Arndt: Für mich geht es am kommenden Freitag (19. Januar) in Kapstadt an Bord unseres Forschungseisbrechers Polarstern, der dann wieder für acht Wochen mein Zuhause sein wird. Mein Hauptforschungsgebiet hier in Bremerhaven im Büro und in der Antarktis auf den Eisschollen ist der Schnee. Den nehme ich auch auf dieser Expedition ganz genau unter die Lupe – im wahrsten Sinne des Wortes: Wir werden viele sogenannte Schneeschächte buddeln und in diesen die verschiedenen Schneeschichten analysieren. Und dafür sitze ich tatsächlich mit der Lupe im Schnee und schaue mir einzelne Schneekristalle an.
Diese Informationen geben mir wichtige Hinweise auf die Geschichte der Schneeauflage im vergangenen Jahr: Ist der Schnee im Laufe des geschmolzen und womöglich wiedergefroren und haben sich Eislinsen gebildet? Ist die Schneeauflage so schwer geworden, dass sie die unterliegende Eisscholle unter Wasser gedrückt haben und Wasser auf die Scholle „gelaufen“ ist? All diese Fragen sind für mich von unheimlich großem Interesse um zu verstehen, wie sich das antarktische Meereis und das daran gekoppelte Ökosystem verändert. Ein zusätzlicher Schwerpunkt ist die Messung von Schnee- und Eisdicke auf allen Schollen, die wir beproben. Die Daten geben uns ein Gefühl dafür, wie repräsentativ unsere Messungen an dem einen Messpunkt der Boje oder des Schneeschachtes sind. Auf der anderen Seite sind die Daten eine wichtige Grundlage für die Validierung von antarktisweiten Satellitendatenprodukten.

meereisportal.de: Wie werden die Schülerinnen und Schüler über den Fortgang und das Aussetzen „ihrer“ Boje informiert?

Stefanie Arndt: Schon in den vergangenen Wochen habe ich den Kindern regelmäßig E-Mails geschrieben, um sie auf dem Laufenden zu halten, als ihre Bilder in die entsprechenden großen Boxen gepackt wurden, die dann an Bord von Polarstern gingen. Sobald es dann wirklich so weit ist und Bilder mit den Bojen auf große Reise gehen, werden wir Forscher im Feld dieses Ausbringen mit Bildern dokumentieren.

Diese Fotos mit einem kleinen Protokoll werden dann sofort per E-Mail von Bord an die Kinder Zuhause geschickt. Da die bebilderten Bojen alle per Satellit regelmäßig ihre Daten nach Hause schicken, können auch die Kinder immer sehen, wie es „ihren Bildern“ geht. Im Detail können sie das dann hier im meereisportal.de verfolgen. Zusätzlich werde ich regelmäßig einen kleinen wissenschaftlichen Input an die Kinder zu ihren individuellen Bildern liefern, um ihnen näher zu bringen, was dort (vermutlich) um ihr Bild herum passiert, wie z.B., ob es geschneit hat, wie warm oder kalt es ihr Bild gerade hat usw.

meereisportal.de: Was können die kleinen Forscherinnen und Forscher anhand ihrer Boje noch alles lernen?

Stefanie Arndt: Alle Bojen verfügen über ein GPS-Modul, damit wir immer wissen, wo genau sich die Boje befindet. Die Kinder können daher neben der Information, ob es schneit oder schmilzt, wie warm oder kalt es ist, auch etwas über die dominante Meereisdrift-Richtung im Weddellmeer lernen.

meereisportal.de: Und wie geht es nach deiner Expedition mit Bojen-Abenteuer weiter?

Stefanie Arndt: Nach meiner Expedition werden die Bojen hoffentlich noch fleißig ohne mein Zutun weiterdriften. 2013 konnten wir Bojen ausbringen, die fast drei Jahre im Eis überlebt haben. Das ist ein einmaliger Datensatz. Vielleicht gelingt uns ja sowas wieder?! Sobald aber der Zeitpunkt gekommen ist, dass eine Boje „stirbt“, weil, z. B. ihre Scholle getaut ist, es technische Probleme gab oder die Scholle mit einer anderen Scholle zusammengestoßen ist und die Boje u. U. dabei kaputt gegangen ist, werden die Kinder einen kleinen Lebensbericht über ihre ganz individuelle Boje bekommen. Dieser wird dann vor allem noch einmal die genaue Drift-Trajektorie enthalten und ein bisschen darüber erzählen, was die Boje auf ihrem Weg erlebt hat.

meereisportal.de: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für die Expedition!

Stefanie Arndt: Vielen Dank – ich freu mich!


Weitere Informationen zum „Projekt Bojen-Abenteuer“ finden Sie hier:  

Ansprechpartner:
Dr. Stefanie Arndt (Alfred-Wegener-Institut)
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