Auch in der Antarktis weit weniger Meereis als im langjähringen Mittel

19. Dezember 2016

In diesem Jahr wurde das jährliche Maximum der Meereisausdehnung in der Antarktis bereits deutlich früher als im Durchschnitt, nämlich Ende August erreicht. Seither nimmt die Meereisausdehnung beständig in einem verhältnismäßig schnellen Tempo ab und seit Ende Oktober liegt der Wert unterhalb der zweifachen Standardabweichung des langjährigen Mittelwertes (siehe Abbildung 1). Dies führt zu einem für den Monat November sehr geringen Wert (siehe Abbildung 2), dem niedrigsten seit es Satellitenaufzeichnungen gibt. Die durchschnittliche Meereisausdehnung im November 2016 betrug circa 13,8 Mio. km² (siehe Abbildung 3) und liegt circa 1,1 Mio. km² unter dem Wert von 1986 und circa 0,8 Mio. km² unter dem Wert von 2011, den beiden bisher niedrigsten gemessenen Werten im November überhaupt.

In diesem Jahr ist die Meereisausdehnung im November besonders niedrig im Indischen Ozean, hier insbesondere das Cosmonaut Meer und das Mawson Meer sowie westlich der Antarktischen Halbinsel im Bellinghausenmeer (Abbildung 4). Im Weddellmeer, Rossmeer und im Amundsenmeer beobachten wir eine deutlich verringerte Meereiskonzentration mit sehr stark auseinander getriebenem Meereis sowie große Gebiete offenen Wassers, sogenannte Polynjen , insbesondere im östlichen Wedellmeer und vor dem Ross Schelfeis (siehe Abbildung 4 und 5). 

Diese, im Vergleich zu den vergangenen Jahren außergewöhnliche Situation könnte durch ein verändertes Windfeld hervorgerufen worden sein, wodurch das Meereis auseinander und nach Süden getrieben wurde. Das Windsystem im Südlichen Ozean ist durch den sogenannten „Southern Annular Mode“ (SAM) gekennzeichnet (auch als Antarktische Oszillation (AAO) bekannt), die die Nord-Süd Verschiebung des Westwindgürtels beschreibt, der das Windfeld ringförmig von West nach Ost antreibt und die großskalige atmosphärische Zirkulation in den mittleren und hohen Breiten der südlichen Hemisphäre dominiert. Der ganze Herbst und Winter der Südhemisphäre war durch eine positive Phase des SAM gekennzeichnet, was generell zu verstärkten von West nach Ost gerichteten Winden führt. Dieses atmosphärische Muster tendiert dazu, das Eis nordöstlich zu treiben, was zu einer Ausweitung der Meereisbedeckung führt. Durch die Corioliskraft (eine Trägheits- oder Scheinkraft, die einen bewegten Körper, hier die Luftströmung, quer zu seiner Bewegungsrichtung ablenkt, wenn dieser sich relativ zu einem  bewegten Körper, hier die rotierende Erde, bewegt) werden die Luftmassen auf der Südhalbkugel zusätzlich nach Norden abgelenkt und somit kann das Meereis auseinandergetrieben werden.  Wie Abbildung 6 zeigt, wechselte der SAM-Index im Frühjahr der Südhemisphäre ab Ende September von starken positiven Werten (um +4 Mitte September) zu negativen Werten (um -3,2 Mitte November), was zu verminderten Westwinden und reduzierter nordöstlicher Drift führt. Darüber hinaus hat sich im November das quasi-stationäre Tiefdruckgebiet über dem Amundsenmeer deutlich ausgebildet (Abbildung 7, rechts), das das Meereis im Rossmeer nach Norden treibt und in der Bellingshausensee nach Süden. 

Neben dem Windfeld zeigt auch die Lufttemperatur auf dem 925 hPa Druckniveau (circa 760 m Höhe) erhöhte Temperaturen gegenüber dem Langzeitmittel (Abbildung 7, links).  Insbesondere im Bereich der Antarktischen Halbinsel, aber auch über dem Rossmeer lagen die Lufttemperaturen zwischen zwei und vier Grad über dem langjährigen Mittelwert. 

Langfristige Entwicklung: Antarktische Halbinsel
Die Temperaturanomalie über der Antarktischen Halbinsel ist auch im Kontext des seit langem beobachteten Temperaturtrends in dieser Region zu sehen, der auch als wesentliche Ursache für den Zerfall des Larsen B Schelfeises im Bereich der Nördlichen Halbinsel im Jahr 2002 vermutet wird. Vermehrte Schmelzprozesse an der Eisoberfläche und das Eindringen von Schmelzwasser, verbunden mit einer ozeanischen Erwärmung haben zur Destabilisierung und dem letztendlichen Zerfall des Schelfeises geführt. Anfang Dezember dieses Jahres wurde nun von englischen und amerikanischen Kollegen gemeldet, dass sich auch im südlicher gelegenen Larsen C Schelfeis in 112 km langer und 90 m breiter Riss ausgebildet hat. Sommerliches Schmelzwasser und die Bildung von Schmelzwasserseen auf der Eisoberfläche werden auch dort seit längerem beobachtet, was als Folge der Erwärmung im Bereich der Antarktischen Halbinsel gewertet wird. Dort hat sich die Temperatur um mehr als 2.5 °C in den letzten 50 Jahren erwärmt. Eine Übersicht über die Entwicklung des Westantarktischen Eisschildes im Klimawandel  und ein einführender Überblick  über Meereis in der Antarktis  ist im Buch „Warnsignale Klima: Das Eis der Erde “ gegeben, wo alle Artikel auch online abrufbar sind.

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Christian Haas

Haben Sie Fragen?

info(at)meereisportal.de